Donnerstag, 2. Mai 2013
Das HiFi-Forum verblödet
DamonDiG ist raus. Einer der geistreichsten Teilnehmer des HiFi-Forums hat die Segel gestrichen, und flieht aus Furcht vor der eigenen Verblödung vor den Verblödern, die sich dort festgesetzt haben.
Ich kann ihn gut verstehen, denn er hat wie üblich recht. Der Thread, in dem er schreibt, ist wirklich sinnentleert, und in seiner ganzen Monstrosität von inzwischen fast 20000 Beiträgen eine Art "Hotspot" für ein Phänomen, das auch anderswo im Forum zu beobachten ist. Es ist noch nicht lange her, da hat mich DamonDiG dazu gebracht, einen FAQ-Artikel zu besagtem Thread zu schreiben. Wie viele andere Leute vor (und sicher auch nach) ihm störte ihn, daß sich die Diskussion dort im Kreis dreht, und die gleichen elementaren Grundlagen, angefangen mit der Thread-Fragestellung, in erschreckend kurzen Abständen wieder klargestellt werden müssen. Es hat (natürlich) nichts genutzt. Wen diese elementaren Grundlagen nicht interessieren, der liest auch keine FAQ, und selbst wenn er er sie lesen würde würde er sie nach Kräften ignorieren. Der Thread ist nicht zu retten.
Der Thread ist allerdings immer noch ein Anschauungsobjekt dafür, wie es zugeht wenn öffentliche Diskussionen von Leuten bestritten werden, die sich absolut nichts zu sagen haben, dabei aber sicherstellen wollen daß die Gegenseite nicht die Oberhand gewinnt. Es ist eine Art Abnutzungsschlacht zwischen zwei sich gegenüberstehenden Schützengräben. Ich muß eingestehen, daß ich dabei selbst mitgemacht habe und noch mitmache. Einfach weil die Dummen gewinnen, wenn die Klügeren nachgeben.
Es wäre ja kein Problem, wenn dort einfach blöde Leute mitmachen würden. Mit denen ist relativ leicht umzugehen. Das Problem ist, daß sich über die Zeit, in der die gleichen Leute und die gleichen Threads an den gleichen Themen rummachen, in der Tendenz eine Anreicherung der größten Dickköpfe zu beobachten ist. Das ist eine Art von Evolution: Es bleiben die übrig, die das dickste Fell haben, denn die Diskussion eskaliert regelmäßig zu solchen Höhen der Zumutung, daß die Sensibleren irgendwann das Weite suchen. Übrig bleiben die Schmerzfreien, die (wie ich) sich auf gar keinen Fall von dummdreisten Spinnern oder von manipulativen Arschlöchern vertreiben lassen wollen, und natürlich eben diese dummdreisten Spinner und manipulativen Arschlöcher. Jeder, der neu dazukommt, landet unweigerlich zwischen den Schützengräben, und die blauen Bohnen pfeifen ihm um die Ohren, oder er riecht das süßliche Giftgas grimmig-absichtsvoller Ignoranz.
Nun bin ich nicht unbedingt eine Mimose, die sich von einem rauen Klima so schnell abschrecken lassen würde. Ich bin ja bekanntlich der Meinung, daß Klartext reden, durchaus bis an die Grenze zur Grobheit, schon nützlich sein kann, als Mittel gegen Heucheleien und falsche Selbstdarstellungen, und auch weil der Lärm die Zuschauer anzieht. Es stellt sich aber schon die Frage, und DamonDiG hat das mal wieder in den Vordergrund geholt, ob das angesichts der verhärteten Fronten und einer alles zudeckenden Bullshitwelle noch wirkt.
Was mir dabei ebenfalls durch den Kopf geht, ist wie wenige entschlossene und ausdauernde Bullshitter genügen, um einen Thread dauerhaft unbrauchbar zu machen. Und wie hilflos die Moderation eines Forums in so einer Situation ist.
Was offenbar am besten wirkt, und daher immer mehr überhand nimmt, schon weil der Trainingsgrad der Betreffenden immer besser wird, ist die Unverschämtheit. Zum Beispiel wirft man dem Diskussionsgegner das vor, was man selbst noch viel frecher und krasser betreibt. Man demonstriert größte Dilettanz und präsentiert sich zugleich als der eigentliche Durchblicker. Man ignoriert sämtliche Gegenargumente und wiederholt einfach seinen immergleichen Bullshit ad infinitum. Man präsentiert sich als Ignorant, als Idiot, als Spinner und als Arschloch, und setzt darauf daß die Moderation jeden Versuch blockiert und bestraft, dies offen anzuprangern, zumal sie keine Gelegenheit auslassen, sich (oder ihre Ansichten) als unterdrückt darzustellen.
Ihr Ziel ist dabei nicht, irgendjemanden zu überzeugen. Darauf habe ich schon kürzlich hingewiesen. Es geht darum, eine vernünftige Diskussion unmöglich zu machen, sie unter schierem Unfug, unter Geschrei und unter Animositäten zu begraben. Die sinnvolle Information soll im Geräusch untergehen.
Ich denke im HiFi-Forum hat über die letzten Jahre eine kritische Masse von Teilnehmern ein Gegengewicht gegen die seit Jahrzehnten in der HiFi-Branche endemische Desinformation bilden können, und zwar ein genügend großes Gegengewicht um die Marktbedingungen spürbar zu verändern. Ich habe mich durchaus absichtsvoll daran beteiligt, weil ich das für dringend nötig halte, angesichts des Fehlens einer unabhängigen Presse, und einer nahezu vollständigen Dominanz der Subjektivisten in der öffentlichen Wahrnehmung der Branche. Aber dieser Erfolg erzeugt ganz im evolutionären Sinn einen Selektionsdruck bei den Gegnern dieser Veränderung, also denen, die von Status Quo seit vielen Jahren zu profitieren gelernt haben. So wie die Anwendung von Antibiotika auf der einen Seite Krankheiten sehr stark zurückdrängen konnte, aber auf der anderen Seite auch zur zunehmenden Bildung resistenter Erreger geführt hat, die immer schwieriger zu bekämpfen sind.
Das kann so weit gehen, daß man Krankenhäuser generalsanieren oder gar abreißen muß, weil sich darin resistente Erreger derart festgesetzt haben, daß man sie auf andere Art und Weise nicht mehr los wird, und das Krankenhaus nicht mehr Gesundheit verbreitet, sondern Krankheit. Ich frage mich, ob wir im HiFi-Forum, oder wenigstens ein paar Threads darin, auf die gleiche Situation zusteuern.
Jetzt wird der eine oder andere Leser die Nase rümpfen, daß ich hier einige Diskussionsteilnehmer im HiFi-Forum mit Krankheitserregern auf eine Stufe stelle. Ich bin allerdings wirklich der Ansicht, daß das "audiophile Weltbild" kein gesunder Geisteszustand ist, daß die Vorstellungen der Audiophilen ein Mem darstellen, das sich wie ein Virus in der HiFi-Branche seuchenartig verbreitet hat, und die Profiteure daraus dieses Mem auch nach Kräften weiter verbreiten. Insofern halte ich die Analogie für berechtigt, wenn auch mit einem Anflug von Augenzwinkern, etwa so zu verstehen wie Georg Schramm's "Furunkel am Gesäß des Bösen".
Wer mit mir nicht einig ist, was die Beurteilung dieser Leute angeht, der möge exemplarisch die Antwort von Janus525 auf den Abschiedsbeitrag von DamonDiG lesen. Erkennt Ihr da auch nur ein Fitzelchen Verständnis für das worum's DamonDiG geht? Ein Mindestmaß an Anstand? Ich nicht. Ein einziger Satz aus DamonDiG's Beitrag, und dazu noch einer der wahrscheinlich nicht auf Janus gemünzt war, wird zum nächsten Aufhänger für Heuchelei und eine erneute Demonstration von blindem Unverstand.
Oder er möge kammerklang's Antwort auf zwei meiner Beiträge lesen. Da vermeidet er die Auseinandersetzung mit so gut wie allem was ich schrieb, und konstruiert einen lächerlichen Vorwurf aus einem falschen Verständnis eines einzigen Wortes aus meinem Beitrag. Und bläst sich dabei so pompös wie nur irgend möglich auf.
Zwei Beispiele von inzwischen Hunderten allein aus der Feder dieser wenigen Teilnehmer, die zusammengenommen die Flutwelle an Bullshit ausmachen, gegen die man gezwungen ist, anzukämpfen.
Wie soll man dagegen angehen? Eine Frage, die eigentlich an die Adresse der Moderation des HiFi-Forum gehen müßte, die aber dort geflissentlich ignoriert wird. Vielleicht hat ja DamonDiG wirklich recht damit, sich zurückzuziehen. Wenn das Krankenhaus verseucht ist, wird es irgendwann einfacher, es aufzugeben.
Was meint Ihr?
Ich kann ihn gut verstehen, denn er hat wie üblich recht. Der Thread, in dem er schreibt, ist wirklich sinnentleert, und in seiner ganzen Monstrosität von inzwischen fast 20000 Beiträgen eine Art "Hotspot" für ein Phänomen, das auch anderswo im Forum zu beobachten ist. Es ist noch nicht lange her, da hat mich DamonDiG dazu gebracht, einen FAQ-Artikel zu besagtem Thread zu schreiben. Wie viele andere Leute vor (und sicher auch nach) ihm störte ihn, daß sich die Diskussion dort im Kreis dreht, und die gleichen elementaren Grundlagen, angefangen mit der Thread-Fragestellung, in erschreckend kurzen Abständen wieder klargestellt werden müssen. Es hat (natürlich) nichts genutzt. Wen diese elementaren Grundlagen nicht interessieren, der liest auch keine FAQ, und selbst wenn er er sie lesen würde würde er sie nach Kräften ignorieren. Der Thread ist nicht zu retten.
Der Thread ist allerdings immer noch ein Anschauungsobjekt dafür, wie es zugeht wenn öffentliche Diskussionen von Leuten bestritten werden, die sich absolut nichts zu sagen haben, dabei aber sicherstellen wollen daß die Gegenseite nicht die Oberhand gewinnt. Es ist eine Art Abnutzungsschlacht zwischen zwei sich gegenüberstehenden Schützengräben. Ich muß eingestehen, daß ich dabei selbst mitgemacht habe und noch mitmache. Einfach weil die Dummen gewinnen, wenn die Klügeren nachgeben.
Es wäre ja kein Problem, wenn dort einfach blöde Leute mitmachen würden. Mit denen ist relativ leicht umzugehen. Das Problem ist, daß sich über die Zeit, in der die gleichen Leute und die gleichen Threads an den gleichen Themen rummachen, in der Tendenz eine Anreicherung der größten Dickköpfe zu beobachten ist. Das ist eine Art von Evolution: Es bleiben die übrig, die das dickste Fell haben, denn die Diskussion eskaliert regelmäßig zu solchen Höhen der Zumutung, daß die Sensibleren irgendwann das Weite suchen. Übrig bleiben die Schmerzfreien, die (wie ich) sich auf gar keinen Fall von dummdreisten Spinnern oder von manipulativen Arschlöchern vertreiben lassen wollen, und natürlich eben diese dummdreisten Spinner und manipulativen Arschlöcher. Jeder, der neu dazukommt, landet unweigerlich zwischen den Schützengräben, und die blauen Bohnen pfeifen ihm um die Ohren, oder er riecht das süßliche Giftgas grimmig-absichtsvoller Ignoranz.
Nun bin ich nicht unbedingt eine Mimose, die sich von einem rauen Klima so schnell abschrecken lassen würde. Ich bin ja bekanntlich der Meinung, daß Klartext reden, durchaus bis an die Grenze zur Grobheit, schon nützlich sein kann, als Mittel gegen Heucheleien und falsche Selbstdarstellungen, und auch weil der Lärm die Zuschauer anzieht. Es stellt sich aber schon die Frage, und DamonDiG hat das mal wieder in den Vordergrund geholt, ob das angesichts der verhärteten Fronten und einer alles zudeckenden Bullshitwelle noch wirkt.
Was mir dabei ebenfalls durch den Kopf geht, ist wie wenige entschlossene und ausdauernde Bullshitter genügen, um einen Thread dauerhaft unbrauchbar zu machen. Und wie hilflos die Moderation eines Forums in so einer Situation ist.
Was offenbar am besten wirkt, und daher immer mehr überhand nimmt, schon weil der Trainingsgrad der Betreffenden immer besser wird, ist die Unverschämtheit. Zum Beispiel wirft man dem Diskussionsgegner das vor, was man selbst noch viel frecher und krasser betreibt. Man demonstriert größte Dilettanz und präsentiert sich zugleich als der eigentliche Durchblicker. Man ignoriert sämtliche Gegenargumente und wiederholt einfach seinen immergleichen Bullshit ad infinitum. Man präsentiert sich als Ignorant, als Idiot, als Spinner und als Arschloch, und setzt darauf daß die Moderation jeden Versuch blockiert und bestraft, dies offen anzuprangern, zumal sie keine Gelegenheit auslassen, sich (oder ihre Ansichten) als unterdrückt darzustellen.
Ihr Ziel ist dabei nicht, irgendjemanden zu überzeugen. Darauf habe ich schon kürzlich hingewiesen. Es geht darum, eine vernünftige Diskussion unmöglich zu machen, sie unter schierem Unfug, unter Geschrei und unter Animositäten zu begraben. Die sinnvolle Information soll im Geräusch untergehen.
Ich denke im HiFi-Forum hat über die letzten Jahre eine kritische Masse von Teilnehmern ein Gegengewicht gegen die seit Jahrzehnten in der HiFi-Branche endemische Desinformation bilden können, und zwar ein genügend großes Gegengewicht um die Marktbedingungen spürbar zu verändern. Ich habe mich durchaus absichtsvoll daran beteiligt, weil ich das für dringend nötig halte, angesichts des Fehlens einer unabhängigen Presse, und einer nahezu vollständigen Dominanz der Subjektivisten in der öffentlichen Wahrnehmung der Branche. Aber dieser Erfolg erzeugt ganz im evolutionären Sinn einen Selektionsdruck bei den Gegnern dieser Veränderung, also denen, die von Status Quo seit vielen Jahren zu profitieren gelernt haben. So wie die Anwendung von Antibiotika auf der einen Seite Krankheiten sehr stark zurückdrängen konnte, aber auf der anderen Seite auch zur zunehmenden Bildung resistenter Erreger geführt hat, die immer schwieriger zu bekämpfen sind.
Das kann so weit gehen, daß man Krankenhäuser generalsanieren oder gar abreißen muß, weil sich darin resistente Erreger derart festgesetzt haben, daß man sie auf andere Art und Weise nicht mehr los wird, und das Krankenhaus nicht mehr Gesundheit verbreitet, sondern Krankheit. Ich frage mich, ob wir im HiFi-Forum, oder wenigstens ein paar Threads darin, auf die gleiche Situation zusteuern.
Jetzt wird der eine oder andere Leser die Nase rümpfen, daß ich hier einige Diskussionsteilnehmer im HiFi-Forum mit Krankheitserregern auf eine Stufe stelle. Ich bin allerdings wirklich der Ansicht, daß das "audiophile Weltbild" kein gesunder Geisteszustand ist, daß die Vorstellungen der Audiophilen ein Mem darstellen, das sich wie ein Virus in der HiFi-Branche seuchenartig verbreitet hat, und die Profiteure daraus dieses Mem auch nach Kräften weiter verbreiten. Insofern halte ich die Analogie für berechtigt, wenn auch mit einem Anflug von Augenzwinkern, etwa so zu verstehen wie Georg Schramm's "Furunkel am Gesäß des Bösen".
Wer mit mir nicht einig ist, was die Beurteilung dieser Leute angeht, der möge exemplarisch die Antwort von Janus525 auf den Abschiedsbeitrag von DamonDiG lesen. Erkennt Ihr da auch nur ein Fitzelchen Verständnis für das worum's DamonDiG geht? Ein Mindestmaß an Anstand? Ich nicht. Ein einziger Satz aus DamonDiG's Beitrag, und dazu noch einer der wahrscheinlich nicht auf Janus gemünzt war, wird zum nächsten Aufhänger für Heuchelei und eine erneute Demonstration von blindem Unverstand.
Oder er möge kammerklang's Antwort auf zwei meiner Beiträge lesen. Da vermeidet er die Auseinandersetzung mit so gut wie allem was ich schrieb, und konstruiert einen lächerlichen Vorwurf aus einem falschen Verständnis eines einzigen Wortes aus meinem Beitrag. Und bläst sich dabei so pompös wie nur irgend möglich auf.
Zwei Beispiele von inzwischen Hunderten allein aus der Feder dieser wenigen Teilnehmer, die zusammengenommen die Flutwelle an Bullshit ausmachen, gegen die man gezwungen ist, anzukämpfen.
Wie soll man dagegen angehen? Eine Frage, die eigentlich an die Adresse der Moderation des HiFi-Forum gehen müßte, die aber dort geflissentlich ignoriert wird. Vielleicht hat ja DamonDiG wirklich recht damit, sich zurückzuziehen. Wenn das Krankenhaus verseucht ist, wird es irgendwann einfacher, es aufzugeben.
Was meint Ihr?
Sonntag, 10. März 2013
Über Bullshit
Daß Bullshit im HiFi-Sektor endemisch ist, ist für Leser meines Blogs nichts Neues. Beschäftigen wir uns also mal mit dem "Ding an sich".
Das "Standardwerk" über Bullshit ist das kleine Büchlein von Harry G. Frankfurt, einem Philosophen in den USA, der den Text als Aufsatz 1986 verfaßte. Es mußten aber beinahe 20 Jahre vergehen, bis er als Buch mit dem Titel "On Bullshit" erschien, und gleich zum Bestseller wurde. Es geht darin eigentlich bloß darum, was Bullshit ist, eine vollständige Abhandlung hat Frankfurt nicht darin gesehen.
Der Frage, was Bullshit eigentlich ist, nähert sich Frankfurt dadurch, daß er den Begriff gegen einige andere Begriffe abgrenzt, die im gleichen Zusammenhang stehen. Besonders relevant scheint mir der Vergleich mit der Lüge. Worin unterscheidet sich Bullshit von Lüge?
Moralisch scheint es einen zu geben, denn er erwähnt den Wahlspruch aus einem Roman: "Never tell a lie when you can bullshit your way through!". Lügen ist also schlimmer als bullshitten. Bullshitten ist wie mogeln, nicht ok aber tolerabel, menschlich, verständlich. Frankfurt schreibt: "Tatsächlich neigen die Menschen gegenüber dem Bullshit zu größerer Toleranz als gegenüber der Lüge, vielleicht weil wir Bullshit nicht so stark als persönlichen Affront erleben. Wir mögen uns vom Bullshit distanzieren, aber wir wenden uns eher mit einem ungeduldigen oder irritierten Schulterzucken davon ab als mit jenem Gefühl der Verletzung oder der Empörung, die Lügen in uns auslösen. Die Frage, weshalb wir dem Bullshit mit größerer Milde begegnen als der Lüge, ist eine wichtige, deren Beantwortung ich dem Leser als kleine Hausaufgabe auf den Weg geben möchte."
Wer lügt, der kennt die Wahrheit, behauptet aber das Gegenteil. Was macht der Bullshitter? Er kümmert sich nicht um die Wahrheit. Der Bullshitter tut nur so als ginge es ihm um die Wahrheit, in Wirklichkeit hat er ganz andere Pläne. Er verneint die Wahrheit nicht, er schätzt sie gering. Für Frankfurt hängt es an der Intention desjenigen, der spricht, ob etwas eine Lüge ist, oder Bullshit. Und er hält durchaus nicht Bullshit für harmloser als die Lüge, eher im Gegenteil. "Wer eine Lüge erfinden will, muß glauben, die Wahrheit zu kennen. Und wer eine erfolgreiche Lüge erfinden will, muß seine wahrheitswidrige Behauptung im Hinblick auf diese Wahrheit konstruieren." Der Bullshitter ist dagegen wesentlich freier. Bullshit muß nicht gelogen sein, einfach frei erfunden. Verschleiert werden soll nicht die Wahrheit, sondern die Absicht des Bullshitters. "Das einzige unverzichtbare und unverwechselbare Merkmal des Bullshitters ist, daß er in einer bestimmten Weise falsch darstellt, worauf er aus ist."
Die Lüge beinhaltet damit einen Respekt für die Wahrheit, den Bullshit nicht hat. "Niemand kann lügen, sofern er nicht glaubt, die Wahrheit zu kennen. Zur Produktion von Bullshit ist solch eine Überzeugung nicht erforderlich." Dieser mangelnde Respekt für die Wahrheit ist, was für Frankfurt den Bullshit gefährlicher macht als die Lüge.
Warum haben wir es mit so viel Bullshit zu tun? Ist es heute schlimmer als früher?
Frankfurt glaubt, daß die Bullshit-Schwemme heutzutage mindestens zum Teil auch etwas mit einem postmodernen Zeitgeist zu tun hat, der den Begriff einer objektiven Realität und damit auch der Richtigkeit in Frage stellt, und die individuelle Wahrnehmung in den Vordergrund stellt. "Es ist, als meinte [der Einzelne], da das Bemühen um Tatsachentreue sich als sinnlos erwiesen habe, müsse er nun versuchen, sich selbst treu zu sein." Er versuche so, Richtigkeit durch Aufrichtigkeit zu ersetzen, aber es "stützt nichts in der Theorie und erst recht nichts in der Erfahrung die abstruse These, ein Mensch vermöge am ehesten noch die Wahrheit über sich selbst zu erkennen. ... angesichts dieser Tatsache ist Aufrichtigkeit selbst Bullshit."
Kommt Euch das bekannt vor? Da sind wir direkt in der Mitte audiophiler "Philosophie" gelandet, nicht wahr? Der Vorrang individueller Wahrnehmung, die Geringschätzung objektiver Wahrheit und Richtigkeit, das begünstigt Bullshit.
Ich habe noch eine weitere Erklärung für die Bullshit-Schwemme. Oder eigentlich zwei. Einerseits sind wir zu tolerant, was Bullshit angeht. Würden wir Bullshit für ebenso inakzeptabel halten wie die Lüge, und das den Bullshitter auch spüren lassen, dann hätte er es erheblich schwerer. Das ist vielleicht in unserer unmittelbaren Umgebung noch wichtiger als bei den Bullshittern "da oben", in Medien und Politik. Aber auch da wäre heilsam, wenn Bullshitten so konsequent verfolgt würde wie Plagiieren bei der Doktorarbeit.
Meine zweite Erklärung ist, daß Bullshit umso besser funktioniert, je mehr es davon gibt. Bullshit ist wie Lärm, irgendwann geht der Nutzton unter in einer Art Kakophonie, und es bleibt einem nichts Anderes übrig, als sich auf Instinkt und momentanen Eindruck zu verlassen. Und Bullshit ist darauf spezialisiert, momentane Eindrücke zu erzeugen. Auf deren Haltbarkeit kommt es ja nicht an. Die Situation wird einer Börse mit High-Speed-Trading ähnlicher, wo es auf den Moment ankommt, und gar keine Gelegenheit existiert, vor einer Entscheidung zu recherchieren und nach der Wahrheit zu suchen.
Daraus ergibt sich auch ein ideales Profil eines Bullshitters: Er ist am kurzfristigen Effekt oder Eindruck interessiert, die Wahrheit ist ihm völlig egal. Information hat keinen Wahrheitsgehalt, sondern bloß einen Kurs, und der läßt sich manipulieren. Der Zweck der Kommunikation ist Manipulation, das Ziel ist der eigene Vorteil. Wenn man schon nicht überzeugen kann, dann kann man wenigstens verwirren, das ist fast genauso gut. Vielleicht besser, weil der Verwirrte ist auf seine Instinkte zurückgeworfen, und die kann man besser unterschwellig beeinflussen. Wie das geht, damit beschäftigt sich das Marketing und die Verkaufspsychologie, das interessiert die Medien und die Politik.
Es hilft, wenn man durch keinerlei Verantwortungsbewußtsein behindert ist. Beispiel Klimapolitik. Niemand, der sich mit dem Thema inhaltlich auseinander setzt, hat irgendwelche Zweifel am menschlich-industriellen Einfluß auf die Klimaentwicklung der letzten 150 Jahre. Die Frage ist zwar wie so oft: Was ist ein Beweis? Aber die Frage nach der Plausibilität ist klar zu beantworten, die ganzen Indikatoren zeigen in eine eindeutige Richtung. Aber das betrifft die Frage nach der Wahrheit. Wenn einem die egal ist, und es auf das persönliche oder korporative Interesse ankommt, dann kann man durch die passende Bullshit-Kampagne mindestens mal genug Verwirrung stiften, um die Allgemeinheit auf ihre Instinkte zurückzuwerfen. Das kann man z.B. in den USA schön nachverfolgen. Für eine Kampagne braucht man keine seriöse Wissenschaft, man braucht bloß Geld und eine konsequente Infragestellung der eigentlich unbestreitbaren Ergebnisse, und man kann die öffentliche Meinung drehen.
Das ist im Hifi-Bereich auch nicht anders. Auch da funktioniert Bullshit am besten "viel und laut". Der beste Trick führt über das Einspannen von Freiwilligen. Von Trotteln, die sich gern zum Werkzeug und Multiplikator in einer Bullshit-Kampagne machen lassen. Das ist für mich ohnehin der Lackmustest für gelungene Bullshit-Strategien: Wieviel Kanonenfutter kann man rekrutieren, das sich freiwillig dafür hergibt, sich in öffentlichen Debatten unmöglich zu machen.
Wenn Ihr gescheite Kommentare habt: Bitteschön. Bullshit unwelcome! ;-)
Das "Standardwerk" über Bullshit ist das kleine Büchlein von Harry G. Frankfurt, einem Philosophen in den USA, der den Text als Aufsatz 1986 verfaßte. Es mußten aber beinahe 20 Jahre vergehen, bis er als Buch mit dem Titel "On Bullshit" erschien, und gleich zum Bestseller wurde. Es geht darin eigentlich bloß darum, was Bullshit ist, eine vollständige Abhandlung hat Frankfurt nicht darin gesehen.
Der Frage, was Bullshit eigentlich ist, nähert sich Frankfurt dadurch, daß er den Begriff gegen einige andere Begriffe abgrenzt, die im gleichen Zusammenhang stehen. Besonders relevant scheint mir der Vergleich mit der Lüge. Worin unterscheidet sich Bullshit von Lüge?
Moralisch scheint es einen zu geben, denn er erwähnt den Wahlspruch aus einem Roman: "Never tell a lie when you can bullshit your way through!". Lügen ist also schlimmer als bullshitten. Bullshitten ist wie mogeln, nicht ok aber tolerabel, menschlich, verständlich. Frankfurt schreibt: "Tatsächlich neigen die Menschen gegenüber dem Bullshit zu größerer Toleranz als gegenüber der Lüge, vielleicht weil wir Bullshit nicht so stark als persönlichen Affront erleben. Wir mögen uns vom Bullshit distanzieren, aber wir wenden uns eher mit einem ungeduldigen oder irritierten Schulterzucken davon ab als mit jenem Gefühl der Verletzung oder der Empörung, die Lügen in uns auslösen. Die Frage, weshalb wir dem Bullshit mit größerer Milde begegnen als der Lüge, ist eine wichtige, deren Beantwortung ich dem Leser als kleine Hausaufgabe auf den Weg geben möchte."
Wer lügt, der kennt die Wahrheit, behauptet aber das Gegenteil. Was macht der Bullshitter? Er kümmert sich nicht um die Wahrheit. Der Bullshitter tut nur so als ginge es ihm um die Wahrheit, in Wirklichkeit hat er ganz andere Pläne. Er verneint die Wahrheit nicht, er schätzt sie gering. Für Frankfurt hängt es an der Intention desjenigen, der spricht, ob etwas eine Lüge ist, oder Bullshit. Und er hält durchaus nicht Bullshit für harmloser als die Lüge, eher im Gegenteil. "Wer eine Lüge erfinden will, muß glauben, die Wahrheit zu kennen. Und wer eine erfolgreiche Lüge erfinden will, muß seine wahrheitswidrige Behauptung im Hinblick auf diese Wahrheit konstruieren." Der Bullshitter ist dagegen wesentlich freier. Bullshit muß nicht gelogen sein, einfach frei erfunden. Verschleiert werden soll nicht die Wahrheit, sondern die Absicht des Bullshitters. "Das einzige unverzichtbare und unverwechselbare Merkmal des Bullshitters ist, daß er in einer bestimmten Weise falsch darstellt, worauf er aus ist."
Die Lüge beinhaltet damit einen Respekt für die Wahrheit, den Bullshit nicht hat. "Niemand kann lügen, sofern er nicht glaubt, die Wahrheit zu kennen. Zur Produktion von Bullshit ist solch eine Überzeugung nicht erforderlich." Dieser mangelnde Respekt für die Wahrheit ist, was für Frankfurt den Bullshit gefährlicher macht als die Lüge.
Warum haben wir es mit so viel Bullshit zu tun? Ist es heute schlimmer als früher?
Frankfurt glaubt, daß die Bullshit-Schwemme heutzutage mindestens zum Teil auch etwas mit einem postmodernen Zeitgeist zu tun hat, der den Begriff einer objektiven Realität und damit auch der Richtigkeit in Frage stellt, und die individuelle Wahrnehmung in den Vordergrund stellt. "Es ist, als meinte [der Einzelne], da das Bemühen um Tatsachentreue sich als sinnlos erwiesen habe, müsse er nun versuchen, sich selbst treu zu sein." Er versuche so, Richtigkeit durch Aufrichtigkeit zu ersetzen, aber es "stützt nichts in der Theorie und erst recht nichts in der Erfahrung die abstruse These, ein Mensch vermöge am ehesten noch die Wahrheit über sich selbst zu erkennen. ... angesichts dieser Tatsache ist Aufrichtigkeit selbst Bullshit."
Kommt Euch das bekannt vor? Da sind wir direkt in der Mitte audiophiler "Philosophie" gelandet, nicht wahr? Der Vorrang individueller Wahrnehmung, die Geringschätzung objektiver Wahrheit und Richtigkeit, das begünstigt Bullshit.
Ich habe noch eine weitere Erklärung für die Bullshit-Schwemme. Oder eigentlich zwei. Einerseits sind wir zu tolerant, was Bullshit angeht. Würden wir Bullshit für ebenso inakzeptabel halten wie die Lüge, und das den Bullshitter auch spüren lassen, dann hätte er es erheblich schwerer. Das ist vielleicht in unserer unmittelbaren Umgebung noch wichtiger als bei den Bullshittern "da oben", in Medien und Politik. Aber auch da wäre heilsam, wenn Bullshitten so konsequent verfolgt würde wie Plagiieren bei der Doktorarbeit.
Meine zweite Erklärung ist, daß Bullshit umso besser funktioniert, je mehr es davon gibt. Bullshit ist wie Lärm, irgendwann geht der Nutzton unter in einer Art Kakophonie, und es bleibt einem nichts Anderes übrig, als sich auf Instinkt und momentanen Eindruck zu verlassen. Und Bullshit ist darauf spezialisiert, momentane Eindrücke zu erzeugen. Auf deren Haltbarkeit kommt es ja nicht an. Die Situation wird einer Börse mit High-Speed-Trading ähnlicher, wo es auf den Moment ankommt, und gar keine Gelegenheit existiert, vor einer Entscheidung zu recherchieren und nach der Wahrheit zu suchen.
Daraus ergibt sich auch ein ideales Profil eines Bullshitters: Er ist am kurzfristigen Effekt oder Eindruck interessiert, die Wahrheit ist ihm völlig egal. Information hat keinen Wahrheitsgehalt, sondern bloß einen Kurs, und der läßt sich manipulieren. Der Zweck der Kommunikation ist Manipulation, das Ziel ist der eigene Vorteil. Wenn man schon nicht überzeugen kann, dann kann man wenigstens verwirren, das ist fast genauso gut. Vielleicht besser, weil der Verwirrte ist auf seine Instinkte zurückgeworfen, und die kann man besser unterschwellig beeinflussen. Wie das geht, damit beschäftigt sich das Marketing und die Verkaufspsychologie, das interessiert die Medien und die Politik.
Es hilft, wenn man durch keinerlei Verantwortungsbewußtsein behindert ist. Beispiel Klimapolitik. Niemand, der sich mit dem Thema inhaltlich auseinander setzt, hat irgendwelche Zweifel am menschlich-industriellen Einfluß auf die Klimaentwicklung der letzten 150 Jahre. Die Frage ist zwar wie so oft: Was ist ein Beweis? Aber die Frage nach der Plausibilität ist klar zu beantworten, die ganzen Indikatoren zeigen in eine eindeutige Richtung. Aber das betrifft die Frage nach der Wahrheit. Wenn einem die egal ist, und es auf das persönliche oder korporative Interesse ankommt, dann kann man durch die passende Bullshit-Kampagne mindestens mal genug Verwirrung stiften, um die Allgemeinheit auf ihre Instinkte zurückzuwerfen. Das kann man z.B. in den USA schön nachverfolgen. Für eine Kampagne braucht man keine seriöse Wissenschaft, man braucht bloß Geld und eine konsequente Infragestellung der eigentlich unbestreitbaren Ergebnisse, und man kann die öffentliche Meinung drehen.
Das ist im Hifi-Bereich auch nicht anders. Auch da funktioniert Bullshit am besten "viel und laut". Der beste Trick führt über das Einspannen von Freiwilligen. Von Trotteln, die sich gern zum Werkzeug und Multiplikator in einer Bullshit-Kampagne machen lassen. Das ist für mich ohnehin der Lackmustest für gelungene Bullshit-Strategien: Wieviel Kanonenfutter kann man rekrutieren, das sich freiwillig dafür hergibt, sich in öffentlichen Debatten unmöglich zu machen.
Wenn Ihr gescheite Kommentare habt: Bitteschön. Bullshit unwelcome! ;-)
Donnerstag, 21. Februar 2013
FAQ Verstärkerklang
Im Hifi-Forum gibt es einen Thread-Dauerbrenner über Verstärkerklang, der sein fünftes Jahr schon hinter sich hat, und es schon auf mehr als 15000 Beiträge gebracht hat. Das ist zwar noch gar nichts gegen den Durchzählthread, aber wenn man die Menge an Text berücksichtigt, die in den Threads produziert wurde, dürfte der Verstärkerklang-Thread die Nase vorn haben.
Da schon x-mal bemerkt wurde, wie die Diskussion dort im Kreis läuft, ohne ein Ergebnis zu produzieren, vor allem auch deswegen, weil immer wieder Neueinsteiger auftauchen, die ohne Rücksicht oder Kenntnis der bisherigen Diskussion immer wieder mit den gleichen Fragen oder Behauptungen daher kommen, und damit eine neue Runde in der ewigen Diskussion einläuten, kam die Idee einer FAQ-Liste auf, deren Lektüre man den Neueinsteigern empfehlen kann, bevor sie sich in die Diskussion einschalten. Dies natürlich in der Hoffnung, daß sich dadurch erneute sinnlose Runden sparen lassen.
Ob das etwas hilft, ist genauso umstritten, wie das Threadthema selbst. Nicht ohne Grund wird darauf verwiesen, daß jemand, der sich keine Mühe macht, frühere Threadbeiträge zu lesen, um sich über den Stand der Diskussion zu informieren, sich auch nicht den Aufwand machen wird, die FAQ-Liste zu lesen, zumal nicht klar ist wie man sicherstellen will, daß er überhaupt mitkriegt, daß und wo es eine gibt. Und man kann vermuten, daß es etliche Leute geben wird, deren Ziel gerade die endlose Diskussion ist, und die deshalb absichtlich immer wieder sinnlose Diskussionsrunden anstoßen. Trolle also. Die würden eine FAQ-Liste auch dann nicht lesen, wenn sie darüber Bescheid wüßten.
Aber man kann ja mal den Versuch machen, was ich hier mal tun will. Wobei ich gleich zugebe, daß ich zwar versuchen werde, das nach DamonDiG's Wunsch faktenbasiert zu gestalten, ich aber bzgl. Spitzenfreiheit und Ideologiefreiheit keine Versprechungen mache. ;-)
Nach dieser Vorrede gehe ich direkt zu DamonDiG's Fragenkatalog über:
Ein Eigenklang eines Verstärkers, der dem zu verstärkenden Audiosignal einen für den Verstärker typischen Charakter aufprägt. Im Gegensatz zu der Auffassung vom Verstärker als "Draht mit Verstärkung", der keine eigenen Klangeffekte erzeugt, sondern das Audiosignal klangneutral verstärkt.
Werden zum Beispiel zwei Verstärker verglichen, deren Leistung stark unterschiedlich ist, dann wird der schwächere Verstärker bei genügend lauter Wiedergabe früher übersteuern als der stärkere Verstärker. Ein fairer Vergleich würde die Lautstärke auf ein Maß begrenzen, bei dem keiner der Verstärker übersteuert.
Das heißt natürlich, daß manche Verstärker zu schwach sind für eine bestimmte Anwendungssituation. Dann sind sie dafür eben ungeeignet, aber es wäre ungerechtfertigt, wegen eventueller Übersteuerung von Verstärkerklang zu reden.
Eine Diskussion über Verstärkerleistung ist damit off-topic, es sei denn es geht um (angebliche) Klangeffekte, die von der Verstärkerleistung abhängen, ohne daß das mit einer Übersteuerung zu tun hätte. Solche Behauptungen werden manchmal im Zusammenhang mit der "Stromlieferfähigkeit" gemacht, aber da gibt es keinen eindeutigen Zusammenhang mit der Verstärkerleistung.
Was die Frage ebensowenig meint ist, ob jemand den Eindruck unterschiedlichen Klangs bei Verstärkern hat. Es ist bekannt, daß der Eindruck von Unterschieden schnell entstehen kann, auch wenn es solche Unterschiede in Wirklichkeit nicht gegeben hat. Schilderungen von Klangeindrücken sind daher in aller Regel nicht zielführend und off-topic, so lange keine Anstalten gemacht werden, zu zeigen, daß die Eindrücke auf wirkliche Unterschiede zurückgehen. Auch die auftrumpfende Versicherung, der Effekt sei so deutlich gewesen, daß man sich unmöglich geirrt haben könne, hilft da nicht weiter.
Bei unserem Thema geht es dagegen um Verstärker auf der Wiedergabeseite, und nicht auf der Seite wo der Klang erst erzeugt wird. Genauer gesagt geht es um Verstärker, die für die Wiedergabe zuhause von Audiomaterial aus Klangkonserven gedacht sind, also um HiFi-Verstärker. HiFi steht ja für hohe Klangtreue, das heißt es geht um Verstärker, die diese hohe Klangtreue auch erfüllen sollen und wollen. Wenn ein Verstärker nicht entwickelt wurde, um dieses Ziel zu verfolgen, dann ist es kein Wunder wenn er klangliche Veränderungen bewirkt.
Ebensowenig relevant für das Thema sind defekte Verstärker, oder solche bei denen etwas falsch justiert oder durch Alterung aus dem Ruder gelaufen ist.
Der Thread dreht sich also nicht um die Frage, ob ein Verstärker Klangveränderungen bewirken kann, wenn das bei dessen Konstruktion so gewollt war, oder wenn etwas faul ist. Diese Frage würde sich von selbst beantworten. Es geht vielmehr darum, ob ein intakter Verstärker merkliche Klangveränderungen verursacht, obwohl er als HiFi-Verstärker entwickelt wurde.
Anders formuliert geht es darum, ob Verstärker zwangsläufig unterschiedlich klingen, schon weil sie sich konstruktiv unterscheiden, oder ob solche konstruktiven Unterschiede auf den Klang keinen Einfluß haben, es sei denn das wäre so gewollt. Oder einfacher: Was ist der Normalfall: Daß Verstärker gleich klingen, oder daß sie unterschiedlich klingen?
Ich will hier nicht alle möglichen Faktoren auflisten, das würde zu weit führen. Bei den Störeinflüssen ist es aber so, daß diese zwar Einfluß auf den Klang haben können, aber für eine Diskussion von Verstärkerklang schwerlich relevant sein können, weil sie sehr stark von den äußeren Umständen abhängen, und nicht bloß vom Verstärker selbst. Es macht daher nicht wirklich Sinn, von Verstärkerklang zu reden, bloß weil zwei Verstärker eine unterschiedliche Empfindlichkeit für eine Störung haben, die an einem Ort und zu einer Zeit vielleicht auftritt, an anderen Orten und Zeiten aber nicht. Die beiden Verstärker mögen dann unterschiedlich praxistauglich sein, sie sind aber kein Beispiel für Verstärkerklang.
Das Beispiel der Ausgangsimpedanz verdient noch eine besondere Anmerkung. Die Ausgangsimpedanz eines Verstärkers bildet zusammen mit der Impedanz des angeschlossenen Lautsprechers einen Spannungsteiler, der in aller Regel eine mit der Frequenz variierende Charakteristik hat. Eine relativ hohe Ausgangsimpedanz eines Verstärkers führt daher in Verbindung mit einem Lautsprecher mit schwankender Impedanzkurve zu einem möglicherweise hörbaren Einfluß auf den Frequenzgang. Das ist ein altbekannter Effekt, der sich auch einfach ausrechnen läßt, wenn man die Impedanzkurven von Verstärker und Lautsprecher kennt. Dieses Verhalten wurde meist als unerwünscht betrachtet, weshalb die meisten Verstärker eine so niedrige Ausgangsimpedanz haben, daß der Einfluß auf den Frequenzgang unter der Hörbarkeitsgrenze liegt. Diese Überlegung wird meist mit dem Begriff des "Dämpfungsfaktors" verbunden, der das Verhältnis der beiden Impedanzen ausdrückt, und der steigt wenn die Ausgangsimpedanz des Verstärkers sinkt. Ein Dämpfungsfaktor von über 10 wird üblicherweise als ausreichend betrachtet, um hörbare Frequenzgangänderungen zu vermeiden.
Daraus folgt natürlich, daß bei einem niedrigeren Dämpfungsfaktor möglicherweise Unterschiede zwischen Verstärkern hörbar werden können. Es ist wichtig, sich klar zu machen, daß das kein Verstärkerklang ist, sondern ein Phänomen, das im Zusammenwirken von Verstärker und Lautsprecher entsteht, und daher nur für eine bestimmte Kombination der beiden gilt. Falls ein Verstärker einen zu geringen Dämpfungsfaktor hat (was besonders oft bei Röhrenverstärkern der Fall ist), dann kann man Klangveränderungen dadurch vermeiden, daß man impedanzlinearisierte Lautsprecher benutzt.
Ein wichtiger Grund dafür sind Maskierungseffekte im Gehör, die es stark von den genauen Umständen abhängig machen, ob ein Effekt hörbar wird oder nicht. Solche Eigenschaften des Gehörs werden manchmal genutzt, wie z.B. bei der MP3-Codierung, aber bei der Beurteilung von Verstärkern macht man es sich meist vergleichsweise einfach, und vernachlässigt solche Maskierungseffekte, indem man Grenzen angibt, die eine Unhörbarkeit auch dann noch gewährleisten würden, wenn es keine Maskierung gäbe. Das führt dann dazu, daß oft auch Verstärker, bei denen man meßtechnisch schon "rot sehen" würde, Musik noch ohne merkliche Klangverfälschung wiedergeben können. Gerade Musik produziert als komplexes Material auch besonders viele Maskierungen, so daß für einige typischen "Probleme", die Verstärker haben können, künstliche und scheinbar "einfache" Testsignale eine wesentlich bessere Erkennungsmöglichkeit bieten.
Das steht im Gegensatz zur weit verbreiteten, aber unbelegten Ansicht, die Komplexität von echter Musik würde einen Verstärker mehr fordern, als ein einfaches Sinussignal, und Musik würde daher als Testsignal für die Entdeckung und Beurteilung von Klangunterschieden geeigneter sein als künstliche Testsignale.
Einen ersten Überblick über die Hörschwellen, die für hochqualitative Signalverarbeitung angesetzt werden, kann die ITU-Norm BS.644-1 geben. Diese betreffen eine komplette Signalkette, man wird daher anstreben, die Werte für einen Verstärker signifikant besser zu machen, damit die Schwellen auch bei einer längeren Kette von Geräten noch gehalten werden können.
Anders aber als beim Hörsinn hat man bei der Meßtechnik wesentlich mehr Möglichkeiten, mit den Parametern zu "spielen". Die Frequenzauflösung und der Frequenzbereich einer FFT-Messung ist z.B. beliebig änderbar, während das Gehör durch die Konstruktion des Innenohrs festgelegt ist. Das erlaubt es, die Möglichkeiten des Gehörs bei einer Messung teilweise um etliche Zehnerpotenzen zu übertreffen.
Beschäftigt man sich mit dem Schall selbst, dann hat man es mit der Schwierigkeit zu tun, daß das ein Welleneffekt im dreidimensionalen Raum ist, und nicht mehr ein eindimensionales Signal. Die Sache sieht also an unterschiedlichen Orten im Raum unterschiedlich aus, und zusätzlich noch beeinflußt ein Körper (ob das ein Mikrofon ist oder ein Mensch) den Schall durch seine Anwesenheit im Raum. Es ist daher nicht ganz einfach, eine Messung so zu machen, daß sie repräsentativ ist für das, was der Mensch hört. In manchen Fällen wird man so weit gehen, kleine Mikrofone in die menschlichen Gehörgänge einzuführen, um möglichst nahe an das Trommelfell heran zu kommen, und so den gleichen Schall aufnehmen kann, den auch der Mensch aufnimmt. Das ist technisch möglich und wird auch gemacht, ist aber ungewohnt und kann unangenehm sein, abgesehen davon daß der Aufwand nicht unbeträchtlich ist.
Zum Glück ist das für eine Beurteilung von Verstärkern unnötig, denn wie geschrieben hat der es gar nicht mit Schall zu tun, sondern mit einem elektrischen Signal am Eingang wie am Ausgang. Das ist eine ungleich übersichtlichere Situation.
Das kann man nicht nur bei der Messung, sondern bei der Konstruktion von Verstärkern ausnutzen, und es wird routinemäßig ausgenutzt, nämlich durch die Gegenkopplung. Der Verstärker vergleicht selbst im laufenden Betrieb kontinuierlich sein Ausgangssignal mit dem Eingangssignal, und gleicht etwaige Unterschiede aus. Das kann extrem wirkungsvoll sein, und erlaubt es, die Fehlergröße auf weniger als ein Hundertstel dessen zu senken, was man unter günstigsten Bedingungen gerade noch wahrnehmen kann.
Ein wesentliches Merkmal von Verstärkerkonstruktionen ist also, ob und in welchem Ausmaß sie mit Gegenkopplung arbeiten. Ohne Gegenkopplung ist ein Verstärker für seine eigenen Fehler blind, und kann sie nicht korrigieren. Sie müssen also von vorn herein und in allen relevanten Situationen niedrig genug gehalten werden, was nicht einfach ist. Die Fehler, die ein nicht gegengekoppelter Verstärker macht, sind daher oftmals um Größenordnungen stärker als die von gegengekoppelten Verstärkern, und das kann stark genug sein um hörbar zu werden.
Andere Kriterien, nach denen man Verstärker klassifizieren kann, drehen sich um die verwendeten Verstärkerbauteile (Röhren, Übertrager, Bipolar-Transistoren, MOSFETs, ...), um die Schaltungstopologie (Eintakt, Gegentakt, gebrückt, ...), um die Arbeitsweise bzw. Klasse (A, AB, B, D, G, H, ...), und teils noch weitere Kriterien und Sonderformen.
Die Gegenkopplung hat neben ihren positiven Eigenschaften auch das potenzielle Problem, daß Instabilitäten auftreten können, teils abhängig von der Art der Last am Ausgang des Verstärkers. Das muß nicht so weit gehen, daß der Verstärker zu schwingen anfängt. Es könnte auch unauffälligere klangliche Konsequenzen haben. So etwas kann man durch geeignete Frequenzkompensation des Verstärkers unterbinden, aber je nach Verstärkerkonstruktion kann das ein schwieriges Problem sein, und vielleicht rührt ein Teil der negativen Publicity um die Gegenkopplung auch daher, daß nicht alle Entwickler diesem Problem gewachsen waren bzw. sind.
Die anderen Kriterien haben darauf insofern einen Einfluß, als sich die Situation für die Gegenkopplung jeweils anders darstellen kann. So brauchen z.B. Röhrenverstärker meist einen Ausgangsübertrager, und dessen Phasengang über die Frequenz kann eine Gegenkopplung deutlich erschweren. Viele Röhrenverstärker haben daher nur wenig oder gar keine Gegenkopplung, die den Ausgangsübertrager mit einschließt, und können dessen Fehler nicht korrigieren. Die Folge ist verstärkter Klirr, besonders bei niedrigen Frequenzen, und eine höhere Ausgangsimpedanz.
Ein Verstärker, der in Klasse A arbeitet, vermeidet unter Inkaufnahme größerer Energieverluste die Übernahmeverzerrungen, die im Betrieb der Klasse B oder (weniger) AB prinzipbedingt auftreten, und durch Gegenkopplung korrigiert werden müssen. Bei Verstärkern ohne Gegenkopplung gibt es daher eine starke Tendenz in Richtung Klasse A, weil ansonsten der Klirr leicht zu groß werden kann. Das erkauft man sich durch stark erhöhten Stromverbrauch auch im Leerlauf.
Wenn Klirr aufgrund solcher Umstände in nennenswertem Ausmaß entsteht, dann kommt es ggf. auch zu unterschiedlichen Charaktern der klanglichen Veränderungen, denn dann hängt das Ergebnis von der Verteilung des Klirrs auf unterschiedliche Oberwellen ab.
Bleibt der Klirr dagegen im unbedenklichen Bereich, dann sollten sich die unterschiedlichen Klassen nicht unterscheiden.
Noch einfacher ist die Sache, wenn man integrierte Schaltungen verwendet, die den Großteil der Schaltung für einen Verstärker bereits auf einem fertigen Chip vereinigt. Das erspart eigene Arbeit bei der Schaltungsauslegung und -optimierung, und liefert ein qualitatives Ergebnis, das auch bei eigener Schaltungsentwicklung nur schwer zu toppen ist. Zudem sind so aufgebaute Verstärker in der Regel robuster und zuverlässiger als viele "Eigenkonstruktionen".
Auch die nötige Meßtechnik für eine Erfolgskontrolle und Optimierung steht mittlerweile breit zur Verfügung. Für Firmen ist das ohnehin kein Problem, aber selbst Privatleute haben heute Möglichkeiten, die vor relativ kurzer Zeit noch eine Menge Geld gekostet hätten. Es fehlt lediglich manchmal an der Bereitschaft, sich eine gute Beherrschung der Grundlagen anzueignen, damit sinnvolle Messungen dabei heraus kommen.
Mit beiden Prinzipien kann man neutrale Verstärker bauen, die Entwicklung ist bei Klasse D aber schwieriger, vor allem weil es mehr Probleme mit der Gegenkopplung, und mit HF-Störungen gibt. Das haben nicht alle Hersteller gleich gut im Griff.
Die Klasse-AB ist demgegenüber besser beherrscht und problemloser zu bauen, was nicht bedeutet daß dort keine Fehler passieren.
2. Gegenkopplung
3. Gegenkopplung
Spaß beiseite: Typischerweise sind die passiven Bauteile (Widerstände, Kondensatoren, etc.) in Sachen Toleranz wesentlich besser als Transistoren, Dioden, Röhren und dergleichen. Wenn man nicht speziell selektiert, dann können z.B. Transistoren des gleichen Typs schon mal um den Faktor 2 bei der Stromverstärkung differieren. Widerstände haben dagegen heute oft eine Toleranz von 1% ohne Aufpreis. Dazu kommen Temperaturabhängigkeiten, und speziell bei Röhren auch Alterungseffekte.
Man muß sich also als Schaltungsentwickler überlegen, wie man die Schaltung so auslegt, daß sich diese Toleranzen nicht negativ auswirken können. Man könnte sich zwar auf eine Selektion der Bauteile verlegen, aber was macht man mit dem Ausschuß? Zudem ist dadurch noch kein Temperatureffekt kompensiert.
Die in der Praxis wesentlich wirkungsvollere Methode baut auf die Gegenkopplung, denn die korrigiert den Effekt der Toleranzen zusammen mit den anderen Fehlern gleich mit. Es kommt dazu, daß man die Lösung quasi in die Schaltung hinein designen kann, und sich so das Selektieren und Justieren einzelner Bauteile und Geräte bei der Fertigung komplett spart, was einen gewaltigen finanziellen Nutzen haben kann.
Dann stellt sich die Frage, ob man das Richtige gemessen hat, oder bei der Messung etwas übersehen hat. Das kann auch ein Unterschied zwischen der Meßsituation und der Hörsituation sein. Oben war z.B. schon mal von Störeffekten die Rede. Wenn ein störender Einfluß auf dem Meßtisch nicht vorhanden war, am Hörplatz aber schon, dann drückt die Messung nicht die Situation am Hörplatz aus, und der gehörte Unterschied hat eine nachvollziehbare Erklärung. Es könnte also nötig werden, daß man die Messung durchführt, ohne das Setup zu verändern, das zum Hören benutzt wurde.
Generell kann man nur solche Fremdeinflüsse ausschließen, mit denen man rechnet. Die Möglichkeit bleibt damit immer bestehen, daß man etwas übersehen hat, was das Testergebnis unbrauchbar macht.
Das macht zum einen Gewissenhaftigkeit nötig, und Umsichtigkeit. Dem kann man auf die Sprünge helfen, indem man sich mit der Methodik solcher Tests beschäftigt, also nicht dem Irrtum verfällt, man sei mit genug Wissen über solche Hörtests schon auf die Welt gekommen, und brauche sich nur vor die Anlage zu setzen und die Ohren aufzusperren. Über Hörtests ist schon viel geforscht und geschrieben worden, und die Vorstellung davon, wie so etwas aussieht, hat oft genug sehr wenig mit der Realität zu tun. Wer es wirklich ernst meint, der kann sich mit Büchern wie z.B. Bech/Zacharov "Perceptual Audio Evaluation" einen Überblick verschaffen (Englischkenntnisse vorausgesetzt). So viel Hingabe wird aber vermutlich kaum jemand aufbringen.
Zum anderen macht das die Bereitschaft nötig, ein Testergebnis auch mal aufzugeben, wenn genügend starke Hinweise auftauchen, daß es Fremdeinflüsse gegeben haben kann, die das Ergebnis invalidieren. Das fällt angesichts des manchmal getriebenen Aufwandes auch nicht ganz leicht.
Angesichts dessen wird man sich vorher überlegen, wie genau man's eigentlich wissen will, wozu man es wissen will, und ob das den Aufwand rechtfertigt. Und man tut gut daran, die zu klärende Frage etwas konkreter zu formulieren, und sich zu überlegen welches Ergebnis die Frage mit ausreichender Sicherheit beantworten würde. Wo also die Latte zu liegen hat. Daran bemißt sich das Vorgehen beim Test, und daran sollte man auch festhalten, wenn man den Test nicht ad absurdum führen will.
Bei den auszuschließenden Fremdeinflüssen stehen ganz vorne die bewußten und unbewußten Voreinstellungen des Hörers gegenüber den zu testenden Geräten. Es gibt Leute, die glauben sie könnten sich davon frei machen, und neutral hören und entscheiden, obwohl sie wissen, welches Gerät sie gerade hören. Ich würde mir das noch nicht einmal selbst abkaufen, und einem Dritten schon gar nicht. Wer glaubt, das im Griff zu haben, macht sich etwas vor, das wurde auch immer wieder wissenschaftlich bestätigt.
Es mag sein, daß man für einen privaten Test diese Möglichkeit in Kauf nimmt, denn das Mittel dagegen ist mit einem gewissen Aufwand verbunden: Der Blindtest. Das hat nichts mit dem Schließen der Augen zu tun, sondern drückt im übertragenen Sinn aus, daß man als Hörer keine Information darüber hat, welchem Gerät man gerade zuhört, egal über welchen Weg man diese Information auch aufnehmen könnte. Es reicht schon wenn man an einem verräterischen Umschaltgeräusch erkennen kann, welches Gerät nun aktiv ist. Man will schließlich nicht wissen, ob man Umschaltgeräusche zuordnen kann, sondern es geht um den Klang der Audiosignale, die den Verstärker durchlaufen.
Den Test in dieser Hinsicht zu "verblinden" erfordert daher mehr als ein Tuch vor den Augen. Meist braucht es noch eine weitere Person als Handlanger, um nach einem zufälligen, dem Hörer nicht bekannten Plan zwischen den Verstärkern zu wechseln, und dabei alles zu vermeiden was einen Hinweis geben könnte. Es braucht auch eine Planung, wie viele Durchläufe man machen muß, und wieviele davon korrekt zugeordnet sein müssen, um mit ausreichender Sicherheit ein Zufallsergebnis auszuschließen. Das ist für sich gesehen schon schwieriger als man denkt, wenn man sich nicht in der Wahrscheinlichkeitsrechnung auskennt.
Wenn man aber auch Andere, zumal Skeptiker, überzeugen will, dann kommt man un diesen Aufwand nicht herum. Daß ein empörtes Aufstampfen mit den Worten "Aber ich hör's doch!" niemanden hinter dem Ofen hervor lockt, dafür hat es in der 5-jährigen Geschichte des Threads zahlreiche Beispiele gegeben.
Zur Vermeidung von Fremdeinflüssen gehört bei Verstärkern auch, daß man für Pegelgleichheit sorgt. Ob sich Verstärker unterschiedlich anhören, weil sie unterschiedlich laut sind, interessiert niemanden. Auch die Beteuerung, man könne ja wohl Klangunterschiede von Lautstärkeunterschieden unterscheiden, verfängt nicht. Zum Einen gehört das zu den Dingen, bei denen man sich sehr leicht täuscht; gerade geringe Lautstärkeunterschiede werden oft als Klangunterschied fehlinterpretiert. Zum Anderen macht das die Verblindung zunichte, weil es wieder einen Hinweis gibt, der mit dem Klang nichts zu tun hat.
Aus dem Gesagten ergibt sich auch schon, daß ein Pegelausgleich per Gehör normalerweise nicht reicht. Für eine Gleichheit innerhalb von 0,1 dB (so genau muß es sein um auszuschließen, daß die Pegelunterschiede das Hörergebnis verfälschen) braucht es Meßgeräte. Das kann etwas Einfaches wie ein Handmultimeter sein, wenn es nicht zu schlecht ist und man weiß wie man damit umzugehen hat. Zudem muß die Anlage erlauben, den Pegelausgleich so genau zu machen. Wenn man den Pegel nur in Stufen von 0,5 dB oder gar 1 dB verstellen kann, dann hat man bereits ein Problem.
Außerdem tut man gut daran, wenn man dafür sorgt daß die Umschaltung zwischen den Geräten möglichst zeitnah erfogen kann, und vom Hörenden selbst während des Tests gemacht werden kann (siehe dazu z.B. die ABX-Testmethode). Je länger die Pause dazwischen ist, desto schlechter werden erfahrungsgemäß die Fähigkeiten werden, Unterschiede zu erkennen. Und wer nicht selbst umschaltet, der kann auch Zeitpunkt und Häufigkeit der Umschaltung nicht frei nach eigenem Gusto wählen. Auch das wirkt sich eher negativ als positiv aus. Das bedeutet aber, daß man im Idealfall eine Kiste braucht, mit der man ferngesteuert vom Hörplatz aus umschalten kann, und die trotzdem die Verblindung aufrecht erhält. Das hat man nicht einfach so daheim, und es ist auch nicht in einer halben Stunde zusammengefrickelt. Hat man so etwas nicht zur Verfügung, macht das den Test nicht unmöglich, aber es macht ihn schwieriger. Das gilt es im Blick zu behalten.
Aber nichtsdestotrotz sollte jeder Interessierte im Rahmen seiner Möglichkeiten mal so etwas machen, denn das ist ein Augenöffner. Diejenigen, die so etwas schon gemacht haben, teilen sich danach auf in eine Fraktion, die ihre eigenen Ansichten grundsätzlich auf den Prüfstand stellt, und eine andere Fraktion, die Gründe dafür sucht, wie sie das Ergebnis für sich für irrelevant oder ungültig hinstellen können.
So weit die von DamonDiG präsentierte Fragenliste. Die kann auch erweitert werden, dann füge ich das hier dazu, so weit Zeit, Lust und Einsicht bei mir reichen. Kommentare können diesmal auch im Verstärkerklangthread abgegeben werden, als Alternative zum üblichen Thread.
Da schon x-mal bemerkt wurde, wie die Diskussion dort im Kreis läuft, ohne ein Ergebnis zu produzieren, vor allem auch deswegen, weil immer wieder Neueinsteiger auftauchen, die ohne Rücksicht oder Kenntnis der bisherigen Diskussion immer wieder mit den gleichen Fragen oder Behauptungen daher kommen, und damit eine neue Runde in der ewigen Diskussion einläuten, kam die Idee einer FAQ-Liste auf, deren Lektüre man den Neueinsteigern empfehlen kann, bevor sie sich in die Diskussion einschalten. Dies natürlich in der Hoffnung, daß sich dadurch erneute sinnlose Runden sparen lassen.
Ob das etwas hilft, ist genauso umstritten, wie das Threadthema selbst. Nicht ohne Grund wird darauf verwiesen, daß jemand, der sich keine Mühe macht, frühere Threadbeiträge zu lesen, um sich über den Stand der Diskussion zu informieren, sich auch nicht den Aufwand machen wird, die FAQ-Liste zu lesen, zumal nicht klar ist wie man sicherstellen will, daß er überhaupt mitkriegt, daß und wo es eine gibt. Und man kann vermuten, daß es etliche Leute geben wird, deren Ziel gerade die endlose Diskussion ist, und die deshalb absichtlich immer wieder sinnlose Diskussionsrunden anstoßen. Trolle also. Die würden eine FAQ-Liste auch dann nicht lesen, wenn sie darüber Bescheid wüßten.
Aber man kann ja mal den Versuch machen, was ich hier mal tun will. Wobei ich gleich zugebe, daß ich zwar versuchen werde, das nach DamonDiG's Wunsch faktenbasiert zu gestalten, ich aber bzgl. Spitzenfreiheit und Ideologiefreiheit keine Versprechungen mache. ;-)
Nach dieser Vorrede gehe ich direkt zu DamonDiG's Fragenkatalog über:
1.Grundlagen und Definitionen
a) Was ist mit dem in der Threadfrage angesprochenen Verstärkerklang gemeint?
Ein Eigenklang eines Verstärkers, der dem zu verstärkenden Audiosignal einen für den Verstärker typischen Charakter aufprägt. Im Gegensatz zu der Auffassung vom Verstärker als "Draht mit Verstärkung", der keine eigenen Klangeffekte erzeugt, sondern das Audiosignal klangneutral verstärkt.
b) Was ist in der Threadfrage mit „in welchem Maße“ gemeint?
Es geht speziell um die Frage, ob eventuelle Effekte so stark sind, daß der klangliche Einfluß hörbar wird. Mit anderen Worten, es geht um die Frage ob verschiedene Verstärker auch wahrnehmbar verschieden klingen.c) Was ist in der Threadfrage mit „in welchem Maße“ nicht gemeint?
Es ist klar, daß Verstärker unterschiedlich klingen können, wenn sie unterschiedlich laut eingestellt sind, oder außerhalb ihrer Möglichkeiten betrieben werden. Für einen fairen Vergleich ist es wichtig, daß solche Umstände vermieden werden.Werden zum Beispiel zwei Verstärker verglichen, deren Leistung stark unterschiedlich ist, dann wird der schwächere Verstärker bei genügend lauter Wiedergabe früher übersteuern als der stärkere Verstärker. Ein fairer Vergleich würde die Lautstärke auf ein Maß begrenzen, bei dem keiner der Verstärker übersteuert.
Das heißt natürlich, daß manche Verstärker zu schwach sind für eine bestimmte Anwendungssituation. Dann sind sie dafür eben ungeeignet, aber es wäre ungerechtfertigt, wegen eventueller Übersteuerung von Verstärkerklang zu reden.
Eine Diskussion über Verstärkerleistung ist damit off-topic, es sei denn es geht um (angebliche) Klangeffekte, die von der Verstärkerleistung abhängen, ohne daß das mit einer Übersteuerung zu tun hätte. Solche Behauptungen werden manchmal im Zusammenhang mit der "Stromlieferfähigkeit" gemacht, aber da gibt es keinen eindeutigen Zusammenhang mit der Verstärkerleistung.
Was die Frage ebensowenig meint ist, ob jemand den Eindruck unterschiedlichen Klangs bei Verstärkern hat. Es ist bekannt, daß der Eindruck von Unterschieden schnell entstehen kann, auch wenn es solche Unterschiede in Wirklichkeit nicht gegeben hat. Schilderungen von Klangeindrücken sind daher in aller Regel nicht zielführend und off-topic, so lange keine Anstalten gemacht werden, zu zeigen, daß die Eindrücke auf wirkliche Unterschiede zurückgehen. Auch die auftrumpfende Versicherung, der Effekt sei so deutlich gewesen, daß man sich unmöglich geirrt haben könne, hilft da nicht weiter.
d) Sind alle Verstärker gemeint oder gibt es begründete (definitionsbedingte) Ausnahmen?
Es gibt Ausnahmen. Wenn Verstärker mit dem ausdrücklichen Ziel gebaut werden, den Klang zu verändern, dann wäre es natürlich unsinnig, zu behaupten, daß sie das nicht tun. Zu dieser Kategorie gehören zum Beispiel Instrumentenverstärker, hauptsächlich für Gitarren und Baßgitarren. Die muß man eigentlich eher zum Instrument hinzurechnen, und das ganze Ensemble von Gitarre, Verstärker und Lautsprecher zusammengenommen dient der Erzeugung von gezielt manipulierbaren Klängen.Bei unserem Thema geht es dagegen um Verstärker auf der Wiedergabeseite, und nicht auf der Seite wo der Klang erst erzeugt wird. Genauer gesagt geht es um Verstärker, die für die Wiedergabe zuhause von Audiomaterial aus Klangkonserven gedacht sind, also um HiFi-Verstärker. HiFi steht ja für hohe Klangtreue, das heißt es geht um Verstärker, die diese hohe Klangtreue auch erfüllen sollen und wollen. Wenn ein Verstärker nicht entwickelt wurde, um dieses Ziel zu verfolgen, dann ist es kein Wunder wenn er klangliche Veränderungen bewirkt.
Ebensowenig relevant für das Thema sind defekte Verstärker, oder solche bei denen etwas falsch justiert oder durch Alterung aus dem Ruder gelaufen ist.
Der Thread dreht sich also nicht um die Frage, ob ein Verstärker Klangveränderungen bewirken kann, wenn das bei dessen Konstruktion so gewollt war, oder wenn etwas faul ist. Diese Frage würde sich von selbst beantworten. Es geht vielmehr darum, ob ein intakter Verstärker merkliche Klangveränderungen verursacht, obwohl er als HiFi-Verstärker entwickelt wurde.
Anders formuliert geht es darum, ob Verstärker zwangsläufig unterschiedlich klingen, schon weil sie sich konstruktiv unterscheiden, oder ob solche konstruktiven Unterschiede auf den Klang keinen Einfluß haben, es sei denn das wäre so gewollt. Oder einfacher: Was ist der Normalfall: Daß Verstärker gleich klingen, oder daß sie unterschiedlich klingen?
2.Akustische Grundlagen
a) In welchen definierten Eigenschaften des Schalls können sich hörbare Unterschiede zwischen Verstärkern zeigen (Frequenzgang, Klirr, Rauschabstand…)?
Alle drei genannten Faktoren können hörbare Unterschiede bewirken, wenn die Unterschiede in den Meßwerten über den Hörschwellen liegen. Es gibt auch noch ein paar weitere Einflußfaktoren, wie z.B. die Ausgangsimpedanz, oder Empfindlichkeiten für Störeinflüsse aller Art.Ich will hier nicht alle möglichen Faktoren auflisten, das würde zu weit führen. Bei den Störeinflüssen ist es aber so, daß diese zwar Einfluß auf den Klang haben können, aber für eine Diskussion von Verstärkerklang schwerlich relevant sein können, weil sie sehr stark von den äußeren Umständen abhängen, und nicht bloß vom Verstärker selbst. Es macht daher nicht wirklich Sinn, von Verstärkerklang zu reden, bloß weil zwei Verstärker eine unterschiedliche Empfindlichkeit für eine Störung haben, die an einem Ort und zu einer Zeit vielleicht auftritt, an anderen Orten und Zeiten aber nicht. Die beiden Verstärker mögen dann unterschiedlich praxistauglich sein, sie sind aber kein Beispiel für Verstärkerklang.
Das Beispiel der Ausgangsimpedanz verdient noch eine besondere Anmerkung. Die Ausgangsimpedanz eines Verstärkers bildet zusammen mit der Impedanz des angeschlossenen Lautsprechers einen Spannungsteiler, der in aller Regel eine mit der Frequenz variierende Charakteristik hat. Eine relativ hohe Ausgangsimpedanz eines Verstärkers führt daher in Verbindung mit einem Lautsprecher mit schwankender Impedanzkurve zu einem möglicherweise hörbaren Einfluß auf den Frequenzgang. Das ist ein altbekannter Effekt, der sich auch einfach ausrechnen läßt, wenn man die Impedanzkurven von Verstärker und Lautsprecher kennt. Dieses Verhalten wurde meist als unerwünscht betrachtet, weshalb die meisten Verstärker eine so niedrige Ausgangsimpedanz haben, daß der Einfluß auf den Frequenzgang unter der Hörbarkeitsgrenze liegt. Diese Überlegung wird meist mit dem Begriff des "Dämpfungsfaktors" verbunden, der das Verhältnis der beiden Impedanzen ausdrückt, und der steigt wenn die Ausgangsimpedanz des Verstärkers sinkt. Ein Dämpfungsfaktor von über 10 wird üblicherweise als ausreichend betrachtet, um hörbare Frequenzgangänderungen zu vermeiden.
Daraus folgt natürlich, daß bei einem niedrigeren Dämpfungsfaktor möglicherweise Unterschiede zwischen Verstärkern hörbar werden können. Es ist wichtig, sich klar zu machen, daß das kein Verstärkerklang ist, sondern ein Phänomen, das im Zusammenwirken von Verstärker und Lautsprecher entsteht, und daher nur für eine bestimmte Kombination der beiden gilt. Falls ein Verstärker einen zu geringen Dämpfungsfaktor hat (was besonders oft bei Röhrenverstärkern der Fall ist), dann kann man Klangveränderungen dadurch vermeiden, daß man impedanzlinearisierte Lautsprecher benutzt.
b) Welche Hörschwellen werden für Abweichungen in den einzelnen Eigenschaften angenommen?
Die Eigenschaften des Gehörs sind zwar recht gut erforscht, aber auch ziemlich komplex. Um sich das Leben einfacher zu machen, benutzt man daher im Zusammenhang mit Verstärkern meist Grenzwerte, mit denen man davon ausgeht, auf der sicheren Seite zu sein. Das bedeutet, daß ein Effekt nicht schon allein deswegen hörbar wird, weil er über einer solchen Grenze liegt. Es wäre daher ein großer Fehler, wenn man aus der Angabe einer solchen Grenze schließen würde, daß bei überschreiten der Grenze ein hörbarer Effekt vorliegt. Im Gegenteil ist es völlig normal, wenn ein Effekt selbst dann noch unhörbar bleibt, wenn er die Grenze beträchtlich überschreitet.Ein wichtiger Grund dafür sind Maskierungseffekte im Gehör, die es stark von den genauen Umständen abhängig machen, ob ein Effekt hörbar wird oder nicht. Solche Eigenschaften des Gehörs werden manchmal genutzt, wie z.B. bei der MP3-Codierung, aber bei der Beurteilung von Verstärkern macht man es sich meist vergleichsweise einfach, und vernachlässigt solche Maskierungseffekte, indem man Grenzen angibt, die eine Unhörbarkeit auch dann noch gewährleisten würden, wenn es keine Maskierung gäbe. Das führt dann dazu, daß oft auch Verstärker, bei denen man meßtechnisch schon "rot sehen" würde, Musik noch ohne merkliche Klangverfälschung wiedergeben können. Gerade Musik produziert als komplexes Material auch besonders viele Maskierungen, so daß für einige typischen "Probleme", die Verstärker haben können, künstliche und scheinbar "einfache" Testsignale eine wesentlich bessere Erkennungsmöglichkeit bieten.
Das steht im Gegensatz zur weit verbreiteten, aber unbelegten Ansicht, die Komplexität von echter Musik würde einen Verstärker mehr fordern, als ein einfaches Sinussignal, und Musik würde daher als Testsignal für die Entdeckung und Beurteilung von Klangunterschieden geeigneter sein als künstliche Testsignale.
Einen ersten Überblick über die Hörschwellen, die für hochqualitative Signalverarbeitung angesetzt werden, kann die ITU-Norm BS.644-1 geben. Diese betreffen eine komplette Signalkette, man wird daher anstreben, die Werte für einen Verstärker signifikant besser zu machen, damit die Schwellen auch bei einer längeren Kette von Geräten noch gehalten werden können.
c) Welche Eigenschaften des Schalls können messtechnisch quantifiziert werden
Alle diejenigen, die eine physikalische Grundlage haben. Emotionale Charakterisierungen müßten zuerst an physikalischen Unterschieden festgemacht werden, bevor sie einer Messung zugänglich sind.d) Wie groß ist bei der messtechnischen Erfassung des Phänomens Schall in seinen einzelnen Eigenschaften die Genauigkeit im Vergleich zum menschlichen Hörsinn?
So lange es sich noch um ein "eindimensionales" elektrisches Signal handelt (also um das womit der Verstärker arbeitet), ist die Grenze der Genauigkeit durch die Physik gegeben, also durch Rauschgrenzen, Bandbreiten, und dergleichen. Da der menschliche Hörsinn durch die gleiche Physik begrenzt ist, hat die Meßtechnik zumindest mal keinen Nachteil.Anders aber als beim Hörsinn hat man bei der Meßtechnik wesentlich mehr Möglichkeiten, mit den Parametern zu "spielen". Die Frequenzauflösung und der Frequenzbereich einer FFT-Messung ist z.B. beliebig änderbar, während das Gehör durch die Konstruktion des Innenohrs festgelegt ist. Das erlaubt es, die Möglichkeiten des Gehörs bei einer Messung teilweise um etliche Zehnerpotenzen zu übertreffen.
Beschäftigt man sich mit dem Schall selbst, dann hat man es mit der Schwierigkeit zu tun, daß das ein Welleneffekt im dreidimensionalen Raum ist, und nicht mehr ein eindimensionales Signal. Die Sache sieht also an unterschiedlichen Orten im Raum unterschiedlich aus, und zusätzlich noch beeinflußt ein Körper (ob das ein Mikrofon ist oder ein Mensch) den Schall durch seine Anwesenheit im Raum. Es ist daher nicht ganz einfach, eine Messung so zu machen, daß sie repräsentativ ist für das, was der Mensch hört. In manchen Fällen wird man so weit gehen, kleine Mikrofone in die menschlichen Gehörgänge einzuführen, um möglichst nahe an das Trommelfell heran zu kommen, und so den gleichen Schall aufnehmen kann, den auch der Mensch aufnimmt. Das ist technisch möglich und wird auch gemacht, ist aber ungewohnt und kann unangenehm sein, abgesehen davon daß der Aufwand nicht unbeträchtlich ist.
Zum Glück ist das für eine Beurteilung von Verstärkern unnötig, denn wie geschrieben hat der es gar nicht mit Schall zu tun, sondern mit einem elektrischen Signal am Eingang wie am Ausgang. Das ist eine ungleich übersichtlichere Situation.
3.Technische Grundlagen
a) Welche unterschiedlichen Verstärkertechniken gibt es und was sind ihre jeweiligen Besonderheiten?
Vor der Beantwortung dieser Frage sollte man erwähnen, was immer gleich ist: Ein Verstärker, egal wie er arbeitet, ist dazu da, eine "Kopie" des Eingangssignals an seinem Ausgang zu erzeugen, die in irgend einem Sinn "stärker" ist, als das "Original" an seinem Eingang. Das bietet eine einfache Möglichkeit, einen Verstärker zu beurteilen: Man vergleicht bloß Eingangssignal und Ausgangssignal miteinander. Wenn man das Ausgangssignal durch einen "Abschwächer" führt, der die Verstärkung rückgängig macht, dann kann man sogar unmittelbar vergleichen, und z.B. sich mittels Differenzbildung ansehen, welche "Fehler" der Verstärker macht. Das sind fast ideale Umstände für eine meßtechnische Bewertung eines Verstärkers bis in höchste Qualitätsmaßstäbe hinauf. Die damit erreichbare Präzision schlägt alles das, was man per Gehör fertig bringen kann, um Längen. Das ist ein Luxus, den man in anderen Situationen, z.B. bei Lautsprechern, nicht hat.Das kann man nicht nur bei der Messung, sondern bei der Konstruktion von Verstärkern ausnutzen, und es wird routinemäßig ausgenutzt, nämlich durch die Gegenkopplung. Der Verstärker vergleicht selbst im laufenden Betrieb kontinuierlich sein Ausgangssignal mit dem Eingangssignal, und gleicht etwaige Unterschiede aus. Das kann extrem wirkungsvoll sein, und erlaubt es, die Fehlergröße auf weniger als ein Hundertstel dessen zu senken, was man unter günstigsten Bedingungen gerade noch wahrnehmen kann.
Ein wesentliches Merkmal von Verstärkerkonstruktionen ist also, ob und in welchem Ausmaß sie mit Gegenkopplung arbeiten. Ohne Gegenkopplung ist ein Verstärker für seine eigenen Fehler blind, und kann sie nicht korrigieren. Sie müssen also von vorn herein und in allen relevanten Situationen niedrig genug gehalten werden, was nicht einfach ist. Die Fehler, die ein nicht gegengekoppelter Verstärker macht, sind daher oftmals um Größenordnungen stärker als die von gegengekoppelten Verstärkern, und das kann stark genug sein um hörbar zu werden.
Andere Kriterien, nach denen man Verstärker klassifizieren kann, drehen sich um die verwendeten Verstärkerbauteile (Röhren, Übertrager, Bipolar-Transistoren, MOSFETs, ...), um die Schaltungstopologie (Eintakt, Gegentakt, gebrückt, ...), um die Arbeitsweise bzw. Klasse (A, AB, B, D, G, H, ...), und teils noch weitere Kriterien und Sonderformen.
b) Welche dieser Besonderheiten können Hörbare Klangverfälschungen (in welchem Ausmaß) verursachen?
Fehlende oder unzureichende Gegenkopplung dürfte Faktor #1 sein, wenn hörbare Klangverfälschungen auftreten (wenn man einmal von Fehlkonstruktionen und Defekten absieht). Oft geht das auch mit einer relativ hohen Ausgangsimpedanz einher, was ja weiter oben schon diskutiert wurde.Die Gegenkopplung hat neben ihren positiven Eigenschaften auch das potenzielle Problem, daß Instabilitäten auftreten können, teils abhängig von der Art der Last am Ausgang des Verstärkers. Das muß nicht so weit gehen, daß der Verstärker zu schwingen anfängt. Es könnte auch unauffälligere klangliche Konsequenzen haben. So etwas kann man durch geeignete Frequenzkompensation des Verstärkers unterbinden, aber je nach Verstärkerkonstruktion kann das ein schwieriges Problem sein, und vielleicht rührt ein Teil der negativen Publicity um die Gegenkopplung auch daher, daß nicht alle Entwickler diesem Problem gewachsen waren bzw. sind.
Die anderen Kriterien haben darauf insofern einen Einfluß, als sich die Situation für die Gegenkopplung jeweils anders darstellen kann. So brauchen z.B. Röhrenverstärker meist einen Ausgangsübertrager, und dessen Phasengang über die Frequenz kann eine Gegenkopplung deutlich erschweren. Viele Röhrenverstärker haben daher nur wenig oder gar keine Gegenkopplung, die den Ausgangsübertrager mit einschließt, und können dessen Fehler nicht korrigieren. Die Folge ist verstärkter Klirr, besonders bei niedrigen Frequenzen, und eine höhere Ausgangsimpedanz.
Ein Verstärker, der in Klasse A arbeitet, vermeidet unter Inkaufnahme größerer Energieverluste die Übernahmeverzerrungen, die im Betrieb der Klasse B oder (weniger) AB prinzipbedingt auftreten, und durch Gegenkopplung korrigiert werden müssen. Bei Verstärkern ohne Gegenkopplung gibt es daher eine starke Tendenz in Richtung Klasse A, weil ansonsten der Klirr leicht zu groß werden kann. Das erkauft man sich durch stark erhöhten Stromverbrauch auch im Leerlauf.
Wenn Klirr aufgrund solcher Umstände in nennenswertem Ausmaß entsteht, dann kommt es ggf. auch zu unterschiedlichen Charaktern der klanglichen Veränderungen, denn dann hängt das Ergebnis von der Verteilung des Klirrs auf unterschiedliche Oberwellen ab.
Bleibt der Klirr dagegen im unbedenklichen Bereich, dann sollten sich die unterschiedlichen Klassen nicht unterscheiden.
c) Innerhalb welcher Grenzen ist es mit gängiger Verstärkertechnik möglich, die Unterschiede, die den verschiedenen Schalleigenschaften messtechnisch zugeordnet werden können, unterhalb der jeweiligen Hörschwelle zu halten?
Ein Verstärker kann relativ problemlos so gebaut werden, daß die Unterschiede unterhalb der Hörschwellen liegen, wenn es das ist was bezweckt wird. Die Verstärkertechnik bei Audio hat viele Jahrzehnte der Entwicklung und Verfeinerung hinter sich, und sowohl die Schaltungstechnik als auch die Bauteilqualität hat schon seit Längerem ein Niveau erreicht, das jenseits der Hörschwellen liegt. Das geht sogar mit vergleichsweise einfachen Schaltungen, wenn die Anforderungen an die Ausgangsleistung im üblichen Rahmen bleiben. Durch die weite Verbreitung leistungsfähiger Computer gibt es auch in der Hand von Hobbyisten alles, was man für eine Simulation und Berechnung der Schaltung braucht, bevor man zum physischen Aufbau der Schaltung schreitet, und die nötigen Bauteile sind problemlos und preiswert zu bekommen.Noch einfacher ist die Sache, wenn man integrierte Schaltungen verwendet, die den Großteil der Schaltung für einen Verstärker bereits auf einem fertigen Chip vereinigt. Das erspart eigene Arbeit bei der Schaltungsauslegung und -optimierung, und liefert ein qualitatives Ergebnis, das auch bei eigener Schaltungsentwicklung nur schwer zu toppen ist. Zudem sind so aufgebaute Verstärker in der Regel robuster und zuverlässiger als viele "Eigenkonstruktionen".
Auch die nötige Meßtechnik für eine Erfolgskontrolle und Optimierung steht mittlerweile breit zur Verfügung. Für Firmen ist das ohnehin kein Problem, aber selbst Privatleute haben heute Möglichkeiten, die vor relativ kurzer Zeit noch eine Menge Geld gekostet hätten. Es fehlt lediglich manchmal an der Bereitschaft, sich eine gute Beherrschung der Grundlagen anzueignen, damit sinnvolle Messungen dabei heraus kommen.
d) Welche Technik wird jeweils angewendet?
Bei gängigen Verstärkern in Massenproduktion dominiert der Transistorverstärker in Klasse AB (Bipolar oder MOSFET), aber die Klasse D Verstärker holen auf. Das liegt weniger an der Klangqualität, als an wirtschaftlichen Überlegungen. Ein Klasse D Verstärker erzeugt weniger Abwärme und braucht daher weniger Aufwand zur Kühlung. Diese Einsparung rechtfertigt einen etwas größeren Komplexitätsgrad bei der eigentlichen Schaltung, weil unter dem Strich immer noch eine Kostenerparnis steht, vor allem wenn dadurch das ganze Gerät kleiner werden kann.Mit beiden Prinzipien kann man neutrale Verstärker bauen, die Entwicklung ist bei Klasse D aber schwieriger, vor allem weil es mehr Probleme mit der Gegenkopplung, und mit HF-Störungen gibt. Das haben nicht alle Hersteller gleich gut im Griff.
Die Klasse-AB ist demgegenüber besser beherrscht und problemloser zu bauen, was nicht bedeutet daß dort keine Fehler passieren.
e) Inwieweit können Bauteiletoleranzen zu Unterschieden in den unterschiedlichen Schalleigenschaften führen?
Das betrifft vor allem Bauteile außerhalb der Gegenkopplungs-Schleife. Die Gegenkopplung bewirkt eine Korrektur der Fehler, die irgendwelche Bauteile innterhalb der Schleife machen. Das bedeutet, daß ohne Gegenkopplung praktisch jedes Bauelement im Signalweg einen Einfluß haben kann, mit Gegenkopplung sind es nur wenige Bauteile. Da die Gegenkopplung nicht unendlich stark wirkt, ist das natürlich bloß eine Annäherung, aber sie beschreibt die Situation in erster Näherung gut genug.f) Welche Techniken gibt es, die Folgen zu nivellieren?
1. Gegenkopplung2. Gegenkopplung
3. Gegenkopplung
Spaß beiseite: Typischerweise sind die passiven Bauteile (Widerstände, Kondensatoren, etc.) in Sachen Toleranz wesentlich besser als Transistoren, Dioden, Röhren und dergleichen. Wenn man nicht speziell selektiert, dann können z.B. Transistoren des gleichen Typs schon mal um den Faktor 2 bei der Stromverstärkung differieren. Widerstände haben dagegen heute oft eine Toleranz von 1% ohne Aufpreis. Dazu kommen Temperaturabhängigkeiten, und speziell bei Röhren auch Alterungseffekte.
Man muß sich also als Schaltungsentwickler überlegen, wie man die Schaltung so auslegt, daß sich diese Toleranzen nicht negativ auswirken können. Man könnte sich zwar auf eine Selektion der Bauteile verlegen, aber was macht man mit dem Ausschuß? Zudem ist dadurch noch kein Temperatureffekt kompensiert.
Die in der Praxis wesentlich wirkungsvollere Methode baut auf die Gegenkopplung, denn die korrigiert den Effekt der Toleranzen zusammen mit den anderen Fehlern gleich mit. Es kommt dazu, daß man die Lösung quasi in die Schaltung hinein designen kann, und sich so das Selektieren und Justieren einzelner Bauteile und Geräte bei der Fertigung komplett spart, was einen gewaltigen finanziellen Nutzen haben kann.
4.Psychische / Psychoakustische / sensorisch perzeptive Grundlagen?
a) Warum / unter welchen Bedingungen kann man Unterschiede zwischen Verstärkern hören, obwohl sie messtechnisch nicht erfasst oder nicht oberhalb der bekannten Hörschwellen eingeordnet werden können?
Zuerst stellt sich die Frage, ob gewährleistet ist daß die Unterschiede tatsächlich vorhanden sind, und nicht etwa ein Wahrnehmungsirrtum vorliegt. Etwas, das nicht vorhanden ist, kann man selbstverständlich auch nicht meßtechnisch erfassen. Jeder Versuch gliche einer Suche nach einem Phantom.Dann stellt sich die Frage, ob man das Richtige gemessen hat, oder bei der Messung etwas übersehen hat. Das kann auch ein Unterschied zwischen der Meßsituation und der Hörsituation sein. Oben war z.B. schon mal von Störeffekten die Rede. Wenn ein störender Einfluß auf dem Meßtisch nicht vorhanden war, am Hörplatz aber schon, dann drückt die Messung nicht die Situation am Hörplatz aus, und der gehörte Unterschied hat eine nachvollziehbare Erklärung. Es könnte also nötig werden, daß man die Messung durchführt, ohne das Setup zu verändern, das zum Hören benutzt wurde.
b) Wie muss ein Hörtest aussehen, wenn ich herausfinden will, ob evtl. von mir wahrgenommene Klangunterschiede den technischen Eigenschaften des Verstärkers zuzuordnen sind?
Es muß dafür gesorgt werden, daß Fremdeinflüsse, die mit dem Verstärker nichts zu tun haben, das Ergebnis des Hörtests nicht verfälschen können, denn sonst könnte man nicht mehr mit ausreichender Sicherheit sagen, worin die Ursache der gehörten Unterschiede liegt, speziell ob es am Verstärker liegt oder nicht.Generell kann man nur solche Fremdeinflüsse ausschließen, mit denen man rechnet. Die Möglichkeit bleibt damit immer bestehen, daß man etwas übersehen hat, was das Testergebnis unbrauchbar macht.
Das macht zum einen Gewissenhaftigkeit nötig, und Umsichtigkeit. Dem kann man auf die Sprünge helfen, indem man sich mit der Methodik solcher Tests beschäftigt, also nicht dem Irrtum verfällt, man sei mit genug Wissen über solche Hörtests schon auf die Welt gekommen, und brauche sich nur vor die Anlage zu setzen und die Ohren aufzusperren. Über Hörtests ist schon viel geforscht und geschrieben worden, und die Vorstellung davon, wie so etwas aussieht, hat oft genug sehr wenig mit der Realität zu tun. Wer es wirklich ernst meint, der kann sich mit Büchern wie z.B. Bech/Zacharov "Perceptual Audio Evaluation" einen Überblick verschaffen (Englischkenntnisse vorausgesetzt). So viel Hingabe wird aber vermutlich kaum jemand aufbringen.
Zum anderen macht das die Bereitschaft nötig, ein Testergebnis auch mal aufzugeben, wenn genügend starke Hinweise auftauchen, daß es Fremdeinflüsse gegeben haben kann, die das Ergebnis invalidieren. Das fällt angesichts des manchmal getriebenen Aufwandes auch nicht ganz leicht.
Angesichts dessen wird man sich vorher überlegen, wie genau man's eigentlich wissen will, wozu man es wissen will, und ob das den Aufwand rechtfertigt. Und man tut gut daran, die zu klärende Frage etwas konkreter zu formulieren, und sich zu überlegen welches Ergebnis die Frage mit ausreichender Sicherheit beantworten würde. Wo also die Latte zu liegen hat. Daran bemißt sich das Vorgehen beim Test, und daran sollte man auch festhalten, wenn man den Test nicht ad absurdum führen will.
Bei den auszuschließenden Fremdeinflüssen stehen ganz vorne die bewußten und unbewußten Voreinstellungen des Hörers gegenüber den zu testenden Geräten. Es gibt Leute, die glauben sie könnten sich davon frei machen, und neutral hören und entscheiden, obwohl sie wissen, welches Gerät sie gerade hören. Ich würde mir das noch nicht einmal selbst abkaufen, und einem Dritten schon gar nicht. Wer glaubt, das im Griff zu haben, macht sich etwas vor, das wurde auch immer wieder wissenschaftlich bestätigt.
Es mag sein, daß man für einen privaten Test diese Möglichkeit in Kauf nimmt, denn das Mittel dagegen ist mit einem gewissen Aufwand verbunden: Der Blindtest. Das hat nichts mit dem Schließen der Augen zu tun, sondern drückt im übertragenen Sinn aus, daß man als Hörer keine Information darüber hat, welchem Gerät man gerade zuhört, egal über welchen Weg man diese Information auch aufnehmen könnte. Es reicht schon wenn man an einem verräterischen Umschaltgeräusch erkennen kann, welches Gerät nun aktiv ist. Man will schließlich nicht wissen, ob man Umschaltgeräusche zuordnen kann, sondern es geht um den Klang der Audiosignale, die den Verstärker durchlaufen.
Den Test in dieser Hinsicht zu "verblinden" erfordert daher mehr als ein Tuch vor den Augen. Meist braucht es noch eine weitere Person als Handlanger, um nach einem zufälligen, dem Hörer nicht bekannten Plan zwischen den Verstärkern zu wechseln, und dabei alles zu vermeiden was einen Hinweis geben könnte. Es braucht auch eine Planung, wie viele Durchläufe man machen muß, und wieviele davon korrekt zugeordnet sein müssen, um mit ausreichender Sicherheit ein Zufallsergebnis auszuschließen. Das ist für sich gesehen schon schwieriger als man denkt, wenn man sich nicht in der Wahrscheinlichkeitsrechnung auskennt.
Wenn man aber auch Andere, zumal Skeptiker, überzeugen will, dann kommt man un diesen Aufwand nicht herum. Daß ein empörtes Aufstampfen mit den Worten "Aber ich hör's doch!" niemanden hinter dem Ofen hervor lockt, dafür hat es in der 5-jährigen Geschichte des Threads zahlreiche Beispiele gegeben.
Zur Vermeidung von Fremdeinflüssen gehört bei Verstärkern auch, daß man für Pegelgleichheit sorgt. Ob sich Verstärker unterschiedlich anhören, weil sie unterschiedlich laut sind, interessiert niemanden. Auch die Beteuerung, man könne ja wohl Klangunterschiede von Lautstärkeunterschieden unterscheiden, verfängt nicht. Zum Einen gehört das zu den Dingen, bei denen man sich sehr leicht täuscht; gerade geringe Lautstärkeunterschiede werden oft als Klangunterschied fehlinterpretiert. Zum Anderen macht das die Verblindung zunichte, weil es wieder einen Hinweis gibt, der mit dem Klang nichts zu tun hat.
Aus dem Gesagten ergibt sich auch schon, daß ein Pegelausgleich per Gehör normalerweise nicht reicht. Für eine Gleichheit innerhalb von 0,1 dB (so genau muß es sein um auszuschließen, daß die Pegelunterschiede das Hörergebnis verfälschen) braucht es Meßgeräte. Das kann etwas Einfaches wie ein Handmultimeter sein, wenn es nicht zu schlecht ist und man weiß wie man damit umzugehen hat. Zudem muß die Anlage erlauben, den Pegelausgleich so genau zu machen. Wenn man den Pegel nur in Stufen von 0,5 dB oder gar 1 dB verstellen kann, dann hat man bereits ein Problem.
Außerdem tut man gut daran, wenn man dafür sorgt daß die Umschaltung zwischen den Geräten möglichst zeitnah erfogen kann, und vom Hörenden selbst während des Tests gemacht werden kann (siehe dazu z.B. die ABX-Testmethode). Je länger die Pause dazwischen ist, desto schlechter werden erfahrungsgemäß die Fähigkeiten werden, Unterschiede zu erkennen. Und wer nicht selbst umschaltet, der kann auch Zeitpunkt und Häufigkeit der Umschaltung nicht frei nach eigenem Gusto wählen. Auch das wirkt sich eher negativ als positiv aus. Das bedeutet aber, daß man im Idealfall eine Kiste braucht, mit der man ferngesteuert vom Hörplatz aus umschalten kann, und die trotzdem die Verblindung aufrecht erhält. Das hat man nicht einfach so daheim, und es ist auch nicht in einer halben Stunde zusammengefrickelt. Hat man so etwas nicht zur Verfügung, macht das den Test nicht unmöglich, aber es macht ihn schwieriger. Das gilt es im Blick zu behalten.
Aber nichtsdestotrotz sollte jeder Interessierte im Rahmen seiner Möglichkeiten mal so etwas machen, denn das ist ein Augenöffner. Diejenigen, die so etwas schon gemacht haben, teilen sich danach auf in eine Fraktion, die ihre eigenen Ansichten grundsätzlich auf den Prüfstand stellt, und eine andere Fraktion, die Gründe dafür sucht, wie sie das Ergebnis für sich für irrelevant oder ungültig hinstellen können.
So weit die von DamonDiG präsentierte Fragenliste. Die kann auch erweitert werden, dann füge ich das hier dazu, so weit Zeit, Lust und Einsicht bei mir reichen. Kommentare können diesmal auch im Verstärkerklangthread abgegeben werden, als Alternative zum üblichen Thread.
Sonntag, 27. Januar 2013
Über Preise und Schnäppchen
Wann ist ein Schnäppchen ein Schnäppchen? Gibt's dafür einen objektiven Maßstab, oder kommt es bloß auf die eigene, subjektive Zufriedenheit mit dem Kaufpreis an?
Ich bin kürzlich auf diese Frage gestoßen, weil mich mein Auto verlassen hat, und ich Ersatz brauchte. Im Gegensatz zum letzten Mal, wo ich einen Neuwagen gekauft hatte, dachte ich diesmal über ein gebrauchtes Auto nach, was preismäßig attraktiver zu sein schien. Bloß, was ist ein attraktiver Preis? Weil ich kein vernünftiges Angebot für das Auto fand, das ich am liebsten gehabt hätte, habe ich mein Spektrum erweitert und bei anderen Marken rumgeguckt und ausprobiert. Und bin bei einer Marke gelandet, die ich zuvor überhaupt nicht auf dem Radar hatte. Es spielt hier keine Rolle, welche, und welches Auto, es reicht daß es mir gefiel.
Ich war bei einem Händler der einen entsprechenden Gebrauchtwagen im Angebot hatte, aber für einen mir hoch erscheinenden Preis. Handeln geht immer, dachte ich, und bot einen Preis, der bei gut 80% des aufgerufenen Preises lag. Der Händler wollte sich nicht darauf einlassen und wir trennten uns.
Ein paar Stunden später rief er mich an, und bot einen Preis, der nur 300 Euro über meinem Angebot lag. Ich wollte nicht sofort entscheiden, zumal ich gerade mit etwas anderem beschäftigt war, und versprach, mich in Kürze zu melden. Ich war tatsächlich geneigt, den Wagen zu diesem Preis zu kaufen. Es war immer noch nicht billig, aber ich hatte das Gefühl daß der Preis jetzt im Rahmen war.
Trotzdem recherchierte ich im Internet noch nach anderen Angeboten bei dem gleichen Modell. Und siehe da, ich fand fast sofort ein Angebot eines (mit Ausnahme der Farbe) sehr vergleichbaren Wagens (gleicher Typ, fast gleiche Kilometerleistung, annähernd gleiche Ausstattung), der von Zustand her sogar noch etwas besser dazustehen schien, und der von privat für einen Preis angeboten wurde, der weniger als die Hälfte des vom Händler ursprünglich verlangten Preises betrug. Und das beste: Der Verkäufer wohnte in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. Weniger als 5 Minuten Fußweg. Logisch, daß ich den Wagen noch am gleichen Abend probegefahren bin. Am nächsten Tag war er auf mich angemeldet.
Zugegeben, der Wagen hat ein, zwei weniger bedeutende technische Fehler, die mich wohl noch ein paar Kröten für die Werkstatt kosten werden, aber wenn es nicht besonders dumm läuft, dann macht das weit weniger aus als die gegenüber dem Händlerangebot gesparte Summe. Das bedeutet, gegenüber dem reduzierten Händlerangebot, das ich bereits als ok aufgefaßt habe, habe ich mehrere Tausender gespart.
Ihr könnt Euch vorstellen, daß ich im Moment recht zufrieden bin. Wenn kein dickes Ende folgt, dann war das wohl ein Schnäppchen. Aber was wenn ich das andere Angebot nicht gefunden hätte? Dann hätte ich wahrscheinlich beim Händler zugeschlagen. Es wäre mir zwar nicht als ausgesprochenes Schnäppchen erschienen, aber zufrieden mit dem Preis wäre ich ebenfalls gewesen.
Diese private Anekdote soll ein allgemeineres Prinzip bzw. Problem illustrieren: Was ist ein guter Preis? Und was macht ein Verkäufer, um zu erreichen daß der Kunde einen möglicht hohen Preis noch immer als gut oder wenigstens als ok einschätzt, so daß er in den Kauf einwilligt?
Es liegt auf der Hand, daß diese Frage ziemlich wichtig für die ganze Wirtschaft ist. Wer als Verkäufer seinen Kunden erfolgreich in der Richtung manipulieren kann, daß dieser einen höheren Preis akzeptiert, der erzielt bessere Gewinnspannen.
Es liegt ebenfalls auf der Hand, daß ein Käufer, der sich diesen Manipulationsversuchen erfolgreich entziehen kann, günstiger einkauft. Eine gewisse Kenntnis der Verkaufspsychologie ist daher auch für die Käufer sinnvoll.
Ein wichtiger Faktor bei der Urteilsbildung eines Kunden ist der sogenannte Ankerpreis. Das ist der Preis, der sich im Kopf des Kunden als Vergleichsbasis für ein bestimmtes Produkt festgesetzt hat. Wenn das Produkt mehr kostet, dann empfindet das der Kunde als teuer, wenn es weniger kostst als günstig. Der Ankerpreis ist die Meßlatte für das Preisempfinden des Kunden, und drückt letztlich aus was aus Sicht des Kunden ein Produkt dieser Art "wert" ist.
Als Verkäufer hat man daher das Interesse, daß der sich Kunde einen möglichst hohen Ankerpreis bildet. Viele der Marketingtricks, mit denen Firmen arbeiten, haben genau das zum Ziel: Sie versuchen den Prozeß zu beeinflussen, mit dem der Kunde sein Preisempfinden bildet. Dieser Prozeß ist ziemlich gut manipulierbar, daher bieten sich dafür viele Ansatzpunkte, und es wird darüber auch schon seit Langem geforscht.
Doch bevor ich zu diesen Manipulationsmethoden komme, noch ein Exkurs:
Was ist ein Produkt eigentlich wert? Diese Frage ist leichter gestellt als beantwortet. Welche Rolle spielen dafür z.B. die Herstellungskosten? Als Kunde wird man die meist nicht kennen, und der Hersteller hat auch kein Interesse daran daß der Kunde sie erfährt. Die Gefahr für den Hersteller ist, daß der Kunde sich aus den Herstellungskosten einen zu niedrigen Ankerpreis bildet. Die Kalkulationsdaten des Herstellers sollen dem Kunden möglichst verborgen bleiben.
Für einen Hersteller ist das aber wichtiger Input für die Preiskalkulation. Bei elektronischen Geräten, die in Serie hergestellt werden, besagt z.B. eine weitverbreitete Faustregel für die interne Kalkulation eines Herstellers, daß die Listenpreise eines Gerätes etwa das 4 bis 5-fache der Bauteilkosten ausmachen sollten. Kosten die Bauteile für ein Gerät 20 Euro, dann muß man das fertige Gerät für mindestens 80-100 Euro verkaufen, wenn man noch was daran verdienen will. Das Gerät muß schließlich auch entwickelt, gefertigt, getestet, ggf. zugelassen und schließlich beworben, vertrieben und verkauft werden. Zusätzlich fällt noch eine gewisse Menge an Serviceaufwand an.
Mehr als eine grobe Orientierung kommt dabei aber nicht heraus, und im Grunde fängt man dabei von der falschen Seite an. Die interessantere Frage ist nämlich, welchen Preis man auf dem Markt durchsetzen und durchhalten kann.
Ist der Wert des Produktes also die Summe aus den Bauteil- und Herstellungskosten, plus dem drumherum? Oder ist es der Preis, den der Markt zu zahlen bereit ist? Oder irgendetwas anderes?
Was ist z.B. ein Liter Milch wert? Ich wähle bewußt mal das Milchbeispiel, weil es ein Produkt ist, das weit verbreitet ist, so daß ein großer Teil der Bevölkerung zu den Kunden gehört und den Preis kennt. Zusätzlich ist es ein Produkt, dessen Preis oft Gegenstand von Marketinganstrengungen ist, und daher stark sichtbar ist, bis hin zu Meldungen in Medien wenn er sich deutlich ändert. Es ist auch ein Produkt, dessen Produktion weitgehend offen zutage liegt, so daß sich die meisten Leute eine grobe Vorstellung gebildet haben was damit verbunden ist.
Z.B. ging vor ein paar Monaten die Meldung durch die Medien, daß Aldi den Milchpreis von 51 auf 60 Cent pro Liter erhöht habe. Solche Preismeldungen sind nur bei relativ wenigen Produkten üblich, und ich gebe zu daß ich nicht so recht begreife warum gerade die Milch diesen Stellenwert hat, und nicht etwa andere Grundnahrungsmittel, die vielleicht sogar noch wichtiger sind, wie z.B. das Mehl. Vielleicht weil es nur zwei oder drei allgemein verbreitete Sorten gibt (wie beim Sprit), und die Vergleichbarkeit entsprechend gut ist?
Ist die Milch 60 Cent pro Liter wert? Wenn man den Marktpreis als Maßstab nimmt, müßte man das bejahen. Die Milchbauern würden das aber vehement bestreiten. Die Milchproduktion ist erheblich aufwändiger als die Produktion von Cola oder gar Mineralwasser, und das Produkt ist trotzdem nicht teurer. Die Milchwirtschaft versucht dagegen anzu"werben", aber mit nur bescheidenem Erfolg.
Wer also bei seiner "Ankerpreisbildung" lediglich am Aldi-Regal vorbei schlendert, und nicht weiter drüber nachdenkt, der käme wohl dazu, einen Preis von 1 Euro für den Liter Milch teuer zu finden, hätte aber zwei Regale weiter kein Problem, für den gleichen Betrag eine Literflasche Cola in den Einkaufswagen zu legen. Wer bei seiner Ankerpreisbildung über die Produktionsbedingungen und die Hintergründe nachdenkt, und Quervergleiche macht, der käme wohl zu ganz anderen Preisempfindungen. Er würde finden, daß im Vergleich die Milch "unter Wert" verkauft wird, und die Cola dem Hersteller einen weitaus besseren "Reibach" beschert.
Es hängt also von der Betrachtungsweise, vom Blickwinkel ab, zu welcher Einschätzung man hier kommt, und als Verkäufer ist man bestrebt, den Blickwinkel des Kunden in eine bestimmte Richtung zu lenken, damit er sich einen möglichst hohen Ankerpreis bildet. Das funktioniert am besten unbewußt, womit wir bei den Manipulationsmethoden angekommen sind.
Einige der auffälligsten Manipulationen drehen sich dabei um den "Lifestyle"-Bereich. Der Grundtenor ist dabei, höhere Preise mit einer gehobenen Lebensart in Verbindung zu bringen, und damit sozusagen die Eitelkeit des Kunden für eine Hebung des Ankerpreises zu nutzen. Was man damit erreichen kann, kann man exemplarisch an Mineralwasser sehen, wo "Lifestyle"-Wässer für ein vielfaches des üblichen Preises verkauft werden, obwohl ihre Herstellung sich in nichts von anderen Wässern unterscheidet. Es darf auch bezweifelt werden, daß man Qualitätsmaßstäbe finden kann, die solche Preise rechtfertigen könnten. Die Produkte werden letztlich verkauft, und ihre Preise gezahlt, weil das Produktmarketing es geschafft hat, ein entsprechendes Image aufzubauen, das wiederum die Erwartungshaltung des Kunden beeinflußt, und damit seine Ankerpreisbildung.
Natürlich ist es im Hifi-Markt genau das Gleiche, besonders im "Lifestyle"-durchsetzten High-End-Sektor. Die Preise dort haben überhaupt nichts mit den Herstellungskosten zu tun, oder mit der gebotenen faktischen Leistung. Die ist nicht selten schlechter als bei Standardware, wenn man versucht, sie an objektiven Kriterien festzumachen.
Damit meine ich übrigens nicht die ganz besonders teuren Exoten, die sich sowieso nur eine verschwindend kleine Anzahl von Leuten leisten können. Diese Exoten sind selbst nur ein Trick, sie gehören zu einer Manipulationsmethode, die auf die Ankerpreisbildung zielt, und dafür sorgt daß man in den viel umsatzstärkeren Preissegmenten darunter mehr Gewinn erzielen kann. Wer wirklich Geld verdienen will, der muß dafür sorgen daß die Kunden im Massenmarkt höhere Preise akzeptieren. Die Hochpreis-Exoten helfen dabei.
Ganz besonders erfolgreich war diese Strategie bei den Zubehörteilen, besonders den Kabeln. Man lästert gerne über Kabel, die tausende von Euros für einen Meter kosten. So gut wie alle Leute, sogar die meisten "Audiophilen", sind sich weitgehend einig darüber, daß solche Kabel zu teuer sind. Kaum jemand ist bereit dafür derart tief in die Tasche zu greifen. Der Sinn dieser Produkte liegt aber darin, ein Kabel für ein paar Hundert Euros normal aussehen zu lassen, so daß der Kunde nicht zusammenzuckt wenn so ein Preis aufgerufen wird. Ein Kabel für 300 Euro ist für Audiozwecke immer noch irrwitzig teuer, wenn man es an der von ihm erfüllten Funktion in der Anlage festmacht, oder an seinen Herstellungskosten. Aber es ist ein Preis, der gegenüber dem Kabel von 20000 Euro geradezu vernünftig aussieht.
Es muß daher schon aus Marketinggründen Kabel geben, die 20000 Euro kosten, selbst wenn es dafür keinen einzigen Kunden geben würde. Wenn die Existenz dieses Kabels, und die Tatsache daß es durch alle Zeitschriften und Foren gezogen wird, und die Leute sich abwechselnd darüber den Mund zerreißen und danach lechzen, die Preisakzeptanz für die stückzahlmäßig interessanten Kabelmodelle verbessert, dann hat sich das gelohnt, selbst wenn niemand das "Spitzenmodell" kauft.
Wenn dann doch ein paar Spinner zum Spitzenmodell greifen, umso besser. Aber einen großen Beitrag zum Gewinn leistet das nicht.
In den Foren kann man sehen wie gut das funktioniert. Da sind Leute an der Tagesordnung, die Preise von 50 bis mehrere Hundert Euro für ein Kabel ganz offensichtlich für normal halten. Und das sind oft noch nicht einmal die Hardcore-Audiophilen, sondern eher die "Speerspitze des Mainstream". Das ist die Zielgruppe. Dort ist der Markt und der Gewinn. Der Ankerpreis für Audiokabel wird nie bei 20000 Euro liegen, aber man hat ihn bei einem großen Teil der Kundschaft erfolgreich von 5 Euro auf 50 Euro und mehr angehoben, und das Kabel für 20000 Euro hat dabei geholfen.
Mit der Technik und der Funktion der Kabel hat das nichts zu tun. Das sind in diesem Zusammenhang Trivialitäten. Man müht sich nach Kräften, den Eindruck zu erwecken als hätte das etwas mit Technik und Innovation zu tun, und man nutzt die technische Unkenntnis des Käufers auf diesem Gebiet, um ihm technische Komplexität zu suggerieren wo keine ist. Deswegen können ja unterschiedliche Anbieter auch zu völlig gegensätzlichen Erklärungen und angeblichen "Lösungen" kommen. Wenn etwas keine Rolle spielt, dann spielt das Gegenteil ebenfalls keine. Wenn es egal ist, dann ist es z.B. kein Widerspruch, daß der Eine ein dickes Kabel als das Nonplusultra anbietet, und der Andere ein dünnes.
Dazu kommt, daß man hier leicht Versprechungen machen kann, deren Einhaltung niemand kontrollieren wird oder kann. Wer wäre z.B. in der Lage, den Reinheitsgrad des Kupfers zu bestimmen, das in einem Kabel verwendet wird? Da kann man leicht Phantasiewerte in die Datenblätter schreiben, die mit der Realität nichts zu tun haben. Ist ein Kunde darauf reingefallen, wird er an seinem Glauben festhalten. Die meisten Kunden wären noch nicht einmal in der Lage, herauszufinden ob es überhaupt Kupfer ist, vom Reinheitsgrad ganz zu schweigen. Zudem würden sie wohl kaum ein Kabel zur Prüfung zerstören, wenn sie dafür so eine stolze Summe gezahlt haben.
Im Ergebnis hat man als Anbieter damit alle Möglichkeiten zum Betrug, und eine geringe Gefahr, daß er auffliegt. Noch nicht einmal der Kunde hat daran ein Interesse, weil ihn das selbst schlecht dastehen lassen würde. Die Erwartungshaltung ist da ja, daß das klangliche Konsequenzen hat, und bei einem solchen Betrug müßte man sich eingestehen, daß es mit den eigenen Fähigkeiten zur Erhörung dieser Kabeleigenschaften dann doch nicht so weit her ist.
Will man erreichen, daß der Ankerpreis beim Kunden höher ausfällt, dann braucht man also Extrembeispiele, die als unerreichbares Wunschziel aufgebaut werden können, und muß für deren Publicity sorgen, um den Speichelfluß anzuregen. Dafür hilft es auch, wenn diese Extrembeispiele von Meinungsführern tatsächlich benutzt werden. Als Meinungsführer taugen im Prinzip alle in der Zielgruppe bekannten Personen, besonders z.B. Besitzer und Mitarbeiter in Tonstudios. Man wird daher als Hersteller anstreben, daß die eigenen High-End-Produkte in solchen Studios verbaut werden und in der entsprechenden Propaganda auftauchen. Dafür könnte man ihnen das Produkt auch schenken, aber es wäre schlecht wenn das herauskäme, weswegen man die Sache besser ein einen günstigen "Deal" verpackt, bei dem es so aussieht als hätte sich der Studiobetreiber aus eigenem Antrieb zum Kauf entschieden. Ein bißchen unterstützendes Geschwurbel kann man dabei gleich mit heraushandeln. "Endorsement" nennt man diese übliche Praxis im Marketing.
Die Fachpresse spielt dabei natürlich mit, denn zum Einen haben Luxusartikel für exorbitante Preise immer einen Anlock-Effekt (manche Zeitschriften berichten über nichts anderes), selbst wenn der Leser kopfschüttelnd davor sitzt, zum Anderen bietet sich so immer wieder eine Gelegenheit zu Artikeln über diese Anwender, egal ob das nun besonders reiche oder spinnerte Audiophile sind, oder um Vertreter aus der professionellen Szene. Das lockt Leser an, nicht aber die eher technisch orientierte Aufklärung, für die man sein Gehirn anstrengen muß. Letztlich sind damit die Interessen fast aller Beteiligten gleich gerichtet, einschließlich dem Käufer, der aber dafür letztlich die Zeche zahlt.
Die "Gleichschaltung" hat ebenfalls einen wichtigen Effekt auf die Ankerpreisbildung. Wenn fast unisono die ganze Szene aus Anbietern, Presse und Anwendern dieselbe Botschaft aussenden, dann wird das als der Normalfall betrachtet, und gar nicht groß drüber nachgedacht. Wenn auf breiter Front Kabel für zig bis hunderten von Euro angeboten, getestet, gekauft und beschwurbelt werden, wenn man das auch noch als "Mittel- bis Oberklasse" betitelt, dann wird das schon richtig so sein, und der Kunde fügt sich ein. Wie sollte er auch auf andere Ideen kommen? Woher sollte er wissen, was ein Kabel wirklich "braucht", und was das kostet? Eine Anlage kauft man im Normalfall nicht so oft, daß es sich lohnen würde, sich in die Technik tiefer einzuarbeiten. Man konsultiert ein paar Zeitschriften, bildet sich so unbewußt seine Ankerpreise aus den Bestenlisten, und sucht sich dann meist das aus, was man als noch "normal" empfindet.
Hätte man zu diesem Zeitpunkt schon Kontakt zu gänzlich anderen Meinungen, zu Kritikern, dann würde die Ankerpreisbildung vermutlich anders verlaufen. Die Bestrebung der Verkäufer muß daher dahin gehen, gerade in dieser sensiblen Zeit am Anfang den Kontakt mit Kritikern zu verhindern. Wenn sich die Maßstäbe dann mal gebildet haben, wird sie der betreffende Kunde schon selber verteidigen, wenn er dann auf Kritiker stößt.
Was meint Ihr, rede ich Unsinn? Wo meint Ihr, liegt Euer Ankerpreis, und wie hat er sich gebildet? Ihr seid dran.
Ich bin kürzlich auf diese Frage gestoßen, weil mich mein Auto verlassen hat, und ich Ersatz brauchte. Im Gegensatz zum letzten Mal, wo ich einen Neuwagen gekauft hatte, dachte ich diesmal über ein gebrauchtes Auto nach, was preismäßig attraktiver zu sein schien. Bloß, was ist ein attraktiver Preis? Weil ich kein vernünftiges Angebot für das Auto fand, das ich am liebsten gehabt hätte, habe ich mein Spektrum erweitert und bei anderen Marken rumgeguckt und ausprobiert. Und bin bei einer Marke gelandet, die ich zuvor überhaupt nicht auf dem Radar hatte. Es spielt hier keine Rolle, welche, und welches Auto, es reicht daß es mir gefiel.
Ich war bei einem Händler der einen entsprechenden Gebrauchtwagen im Angebot hatte, aber für einen mir hoch erscheinenden Preis. Handeln geht immer, dachte ich, und bot einen Preis, der bei gut 80% des aufgerufenen Preises lag. Der Händler wollte sich nicht darauf einlassen und wir trennten uns.
Ein paar Stunden später rief er mich an, und bot einen Preis, der nur 300 Euro über meinem Angebot lag. Ich wollte nicht sofort entscheiden, zumal ich gerade mit etwas anderem beschäftigt war, und versprach, mich in Kürze zu melden. Ich war tatsächlich geneigt, den Wagen zu diesem Preis zu kaufen. Es war immer noch nicht billig, aber ich hatte das Gefühl daß der Preis jetzt im Rahmen war.
Trotzdem recherchierte ich im Internet noch nach anderen Angeboten bei dem gleichen Modell. Und siehe da, ich fand fast sofort ein Angebot eines (mit Ausnahme der Farbe) sehr vergleichbaren Wagens (gleicher Typ, fast gleiche Kilometerleistung, annähernd gleiche Ausstattung), der von Zustand her sogar noch etwas besser dazustehen schien, und der von privat für einen Preis angeboten wurde, der weniger als die Hälfte des vom Händler ursprünglich verlangten Preises betrug. Und das beste: Der Verkäufer wohnte in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. Weniger als 5 Minuten Fußweg. Logisch, daß ich den Wagen noch am gleichen Abend probegefahren bin. Am nächsten Tag war er auf mich angemeldet.
Zugegeben, der Wagen hat ein, zwei weniger bedeutende technische Fehler, die mich wohl noch ein paar Kröten für die Werkstatt kosten werden, aber wenn es nicht besonders dumm läuft, dann macht das weit weniger aus als die gegenüber dem Händlerangebot gesparte Summe. Das bedeutet, gegenüber dem reduzierten Händlerangebot, das ich bereits als ok aufgefaßt habe, habe ich mehrere Tausender gespart.
Ihr könnt Euch vorstellen, daß ich im Moment recht zufrieden bin. Wenn kein dickes Ende folgt, dann war das wohl ein Schnäppchen. Aber was wenn ich das andere Angebot nicht gefunden hätte? Dann hätte ich wahrscheinlich beim Händler zugeschlagen. Es wäre mir zwar nicht als ausgesprochenes Schnäppchen erschienen, aber zufrieden mit dem Preis wäre ich ebenfalls gewesen.
Diese private Anekdote soll ein allgemeineres Prinzip bzw. Problem illustrieren: Was ist ein guter Preis? Und was macht ein Verkäufer, um zu erreichen daß der Kunde einen möglicht hohen Preis noch immer als gut oder wenigstens als ok einschätzt, so daß er in den Kauf einwilligt?
Es liegt auf der Hand, daß diese Frage ziemlich wichtig für die ganze Wirtschaft ist. Wer als Verkäufer seinen Kunden erfolgreich in der Richtung manipulieren kann, daß dieser einen höheren Preis akzeptiert, der erzielt bessere Gewinnspannen.
Es liegt ebenfalls auf der Hand, daß ein Käufer, der sich diesen Manipulationsversuchen erfolgreich entziehen kann, günstiger einkauft. Eine gewisse Kenntnis der Verkaufspsychologie ist daher auch für die Käufer sinnvoll.
Ein wichtiger Faktor bei der Urteilsbildung eines Kunden ist der sogenannte Ankerpreis. Das ist der Preis, der sich im Kopf des Kunden als Vergleichsbasis für ein bestimmtes Produkt festgesetzt hat. Wenn das Produkt mehr kostet, dann empfindet das der Kunde als teuer, wenn es weniger kostst als günstig. Der Ankerpreis ist die Meßlatte für das Preisempfinden des Kunden, und drückt letztlich aus was aus Sicht des Kunden ein Produkt dieser Art "wert" ist.
Als Verkäufer hat man daher das Interesse, daß der sich Kunde einen möglichst hohen Ankerpreis bildet. Viele der Marketingtricks, mit denen Firmen arbeiten, haben genau das zum Ziel: Sie versuchen den Prozeß zu beeinflussen, mit dem der Kunde sein Preisempfinden bildet. Dieser Prozeß ist ziemlich gut manipulierbar, daher bieten sich dafür viele Ansatzpunkte, und es wird darüber auch schon seit Langem geforscht.
Doch bevor ich zu diesen Manipulationsmethoden komme, noch ein Exkurs:
Was ist ein Produkt eigentlich wert? Diese Frage ist leichter gestellt als beantwortet. Welche Rolle spielen dafür z.B. die Herstellungskosten? Als Kunde wird man die meist nicht kennen, und der Hersteller hat auch kein Interesse daran daß der Kunde sie erfährt. Die Gefahr für den Hersteller ist, daß der Kunde sich aus den Herstellungskosten einen zu niedrigen Ankerpreis bildet. Die Kalkulationsdaten des Herstellers sollen dem Kunden möglichst verborgen bleiben.
Für einen Hersteller ist das aber wichtiger Input für die Preiskalkulation. Bei elektronischen Geräten, die in Serie hergestellt werden, besagt z.B. eine weitverbreitete Faustregel für die interne Kalkulation eines Herstellers, daß die Listenpreise eines Gerätes etwa das 4 bis 5-fache der Bauteilkosten ausmachen sollten. Kosten die Bauteile für ein Gerät 20 Euro, dann muß man das fertige Gerät für mindestens 80-100 Euro verkaufen, wenn man noch was daran verdienen will. Das Gerät muß schließlich auch entwickelt, gefertigt, getestet, ggf. zugelassen und schließlich beworben, vertrieben und verkauft werden. Zusätzlich fällt noch eine gewisse Menge an Serviceaufwand an.
Mehr als eine grobe Orientierung kommt dabei aber nicht heraus, und im Grunde fängt man dabei von der falschen Seite an. Die interessantere Frage ist nämlich, welchen Preis man auf dem Markt durchsetzen und durchhalten kann.
Ist der Wert des Produktes also die Summe aus den Bauteil- und Herstellungskosten, plus dem drumherum? Oder ist es der Preis, den der Markt zu zahlen bereit ist? Oder irgendetwas anderes?
Was ist z.B. ein Liter Milch wert? Ich wähle bewußt mal das Milchbeispiel, weil es ein Produkt ist, das weit verbreitet ist, so daß ein großer Teil der Bevölkerung zu den Kunden gehört und den Preis kennt. Zusätzlich ist es ein Produkt, dessen Preis oft Gegenstand von Marketinganstrengungen ist, und daher stark sichtbar ist, bis hin zu Meldungen in Medien wenn er sich deutlich ändert. Es ist auch ein Produkt, dessen Produktion weitgehend offen zutage liegt, so daß sich die meisten Leute eine grobe Vorstellung gebildet haben was damit verbunden ist.
Z.B. ging vor ein paar Monaten die Meldung durch die Medien, daß Aldi den Milchpreis von 51 auf 60 Cent pro Liter erhöht habe. Solche Preismeldungen sind nur bei relativ wenigen Produkten üblich, und ich gebe zu daß ich nicht so recht begreife warum gerade die Milch diesen Stellenwert hat, und nicht etwa andere Grundnahrungsmittel, die vielleicht sogar noch wichtiger sind, wie z.B. das Mehl. Vielleicht weil es nur zwei oder drei allgemein verbreitete Sorten gibt (wie beim Sprit), und die Vergleichbarkeit entsprechend gut ist?
Ist die Milch 60 Cent pro Liter wert? Wenn man den Marktpreis als Maßstab nimmt, müßte man das bejahen. Die Milchbauern würden das aber vehement bestreiten. Die Milchproduktion ist erheblich aufwändiger als die Produktion von Cola oder gar Mineralwasser, und das Produkt ist trotzdem nicht teurer. Die Milchwirtschaft versucht dagegen anzu"werben", aber mit nur bescheidenem Erfolg.
Wer also bei seiner "Ankerpreisbildung" lediglich am Aldi-Regal vorbei schlendert, und nicht weiter drüber nachdenkt, der käme wohl dazu, einen Preis von 1 Euro für den Liter Milch teuer zu finden, hätte aber zwei Regale weiter kein Problem, für den gleichen Betrag eine Literflasche Cola in den Einkaufswagen zu legen. Wer bei seiner Ankerpreisbildung über die Produktionsbedingungen und die Hintergründe nachdenkt, und Quervergleiche macht, der käme wohl zu ganz anderen Preisempfindungen. Er würde finden, daß im Vergleich die Milch "unter Wert" verkauft wird, und die Cola dem Hersteller einen weitaus besseren "Reibach" beschert.
Es hängt also von der Betrachtungsweise, vom Blickwinkel ab, zu welcher Einschätzung man hier kommt, und als Verkäufer ist man bestrebt, den Blickwinkel des Kunden in eine bestimmte Richtung zu lenken, damit er sich einen möglichst hohen Ankerpreis bildet. Das funktioniert am besten unbewußt, womit wir bei den Manipulationsmethoden angekommen sind.
Einige der auffälligsten Manipulationen drehen sich dabei um den "Lifestyle"-Bereich. Der Grundtenor ist dabei, höhere Preise mit einer gehobenen Lebensart in Verbindung zu bringen, und damit sozusagen die Eitelkeit des Kunden für eine Hebung des Ankerpreises zu nutzen. Was man damit erreichen kann, kann man exemplarisch an Mineralwasser sehen, wo "Lifestyle"-Wässer für ein vielfaches des üblichen Preises verkauft werden, obwohl ihre Herstellung sich in nichts von anderen Wässern unterscheidet. Es darf auch bezweifelt werden, daß man Qualitätsmaßstäbe finden kann, die solche Preise rechtfertigen könnten. Die Produkte werden letztlich verkauft, und ihre Preise gezahlt, weil das Produktmarketing es geschafft hat, ein entsprechendes Image aufzubauen, das wiederum die Erwartungshaltung des Kunden beeinflußt, und damit seine Ankerpreisbildung.
Natürlich ist es im Hifi-Markt genau das Gleiche, besonders im "Lifestyle"-durchsetzten High-End-Sektor. Die Preise dort haben überhaupt nichts mit den Herstellungskosten zu tun, oder mit der gebotenen faktischen Leistung. Die ist nicht selten schlechter als bei Standardware, wenn man versucht, sie an objektiven Kriterien festzumachen.
Damit meine ich übrigens nicht die ganz besonders teuren Exoten, die sich sowieso nur eine verschwindend kleine Anzahl von Leuten leisten können. Diese Exoten sind selbst nur ein Trick, sie gehören zu einer Manipulationsmethode, die auf die Ankerpreisbildung zielt, und dafür sorgt daß man in den viel umsatzstärkeren Preissegmenten darunter mehr Gewinn erzielen kann. Wer wirklich Geld verdienen will, der muß dafür sorgen daß die Kunden im Massenmarkt höhere Preise akzeptieren. Die Hochpreis-Exoten helfen dabei.
Ganz besonders erfolgreich war diese Strategie bei den Zubehörteilen, besonders den Kabeln. Man lästert gerne über Kabel, die tausende von Euros für einen Meter kosten. So gut wie alle Leute, sogar die meisten "Audiophilen", sind sich weitgehend einig darüber, daß solche Kabel zu teuer sind. Kaum jemand ist bereit dafür derart tief in die Tasche zu greifen. Der Sinn dieser Produkte liegt aber darin, ein Kabel für ein paar Hundert Euros normal aussehen zu lassen, so daß der Kunde nicht zusammenzuckt wenn so ein Preis aufgerufen wird. Ein Kabel für 300 Euro ist für Audiozwecke immer noch irrwitzig teuer, wenn man es an der von ihm erfüllten Funktion in der Anlage festmacht, oder an seinen Herstellungskosten. Aber es ist ein Preis, der gegenüber dem Kabel von 20000 Euro geradezu vernünftig aussieht.
Es muß daher schon aus Marketinggründen Kabel geben, die 20000 Euro kosten, selbst wenn es dafür keinen einzigen Kunden geben würde. Wenn die Existenz dieses Kabels, und die Tatsache daß es durch alle Zeitschriften und Foren gezogen wird, und die Leute sich abwechselnd darüber den Mund zerreißen und danach lechzen, die Preisakzeptanz für die stückzahlmäßig interessanten Kabelmodelle verbessert, dann hat sich das gelohnt, selbst wenn niemand das "Spitzenmodell" kauft.
Wenn dann doch ein paar Spinner zum Spitzenmodell greifen, umso besser. Aber einen großen Beitrag zum Gewinn leistet das nicht.
In den Foren kann man sehen wie gut das funktioniert. Da sind Leute an der Tagesordnung, die Preise von 50 bis mehrere Hundert Euro für ein Kabel ganz offensichtlich für normal halten. Und das sind oft noch nicht einmal die Hardcore-Audiophilen, sondern eher die "Speerspitze des Mainstream". Das ist die Zielgruppe. Dort ist der Markt und der Gewinn. Der Ankerpreis für Audiokabel wird nie bei 20000 Euro liegen, aber man hat ihn bei einem großen Teil der Kundschaft erfolgreich von 5 Euro auf 50 Euro und mehr angehoben, und das Kabel für 20000 Euro hat dabei geholfen.
Mit der Technik und der Funktion der Kabel hat das nichts zu tun. Das sind in diesem Zusammenhang Trivialitäten. Man müht sich nach Kräften, den Eindruck zu erwecken als hätte das etwas mit Technik und Innovation zu tun, und man nutzt die technische Unkenntnis des Käufers auf diesem Gebiet, um ihm technische Komplexität zu suggerieren wo keine ist. Deswegen können ja unterschiedliche Anbieter auch zu völlig gegensätzlichen Erklärungen und angeblichen "Lösungen" kommen. Wenn etwas keine Rolle spielt, dann spielt das Gegenteil ebenfalls keine. Wenn es egal ist, dann ist es z.B. kein Widerspruch, daß der Eine ein dickes Kabel als das Nonplusultra anbietet, und der Andere ein dünnes.
Dazu kommt, daß man hier leicht Versprechungen machen kann, deren Einhaltung niemand kontrollieren wird oder kann. Wer wäre z.B. in der Lage, den Reinheitsgrad des Kupfers zu bestimmen, das in einem Kabel verwendet wird? Da kann man leicht Phantasiewerte in die Datenblätter schreiben, die mit der Realität nichts zu tun haben. Ist ein Kunde darauf reingefallen, wird er an seinem Glauben festhalten. Die meisten Kunden wären noch nicht einmal in der Lage, herauszufinden ob es überhaupt Kupfer ist, vom Reinheitsgrad ganz zu schweigen. Zudem würden sie wohl kaum ein Kabel zur Prüfung zerstören, wenn sie dafür so eine stolze Summe gezahlt haben.
Im Ergebnis hat man als Anbieter damit alle Möglichkeiten zum Betrug, und eine geringe Gefahr, daß er auffliegt. Noch nicht einmal der Kunde hat daran ein Interesse, weil ihn das selbst schlecht dastehen lassen würde. Die Erwartungshaltung ist da ja, daß das klangliche Konsequenzen hat, und bei einem solchen Betrug müßte man sich eingestehen, daß es mit den eigenen Fähigkeiten zur Erhörung dieser Kabeleigenschaften dann doch nicht so weit her ist.
Will man erreichen, daß der Ankerpreis beim Kunden höher ausfällt, dann braucht man also Extrembeispiele, die als unerreichbares Wunschziel aufgebaut werden können, und muß für deren Publicity sorgen, um den Speichelfluß anzuregen. Dafür hilft es auch, wenn diese Extrembeispiele von Meinungsführern tatsächlich benutzt werden. Als Meinungsführer taugen im Prinzip alle in der Zielgruppe bekannten Personen, besonders z.B. Besitzer und Mitarbeiter in Tonstudios. Man wird daher als Hersteller anstreben, daß die eigenen High-End-Produkte in solchen Studios verbaut werden und in der entsprechenden Propaganda auftauchen. Dafür könnte man ihnen das Produkt auch schenken, aber es wäre schlecht wenn das herauskäme, weswegen man die Sache besser ein einen günstigen "Deal" verpackt, bei dem es so aussieht als hätte sich der Studiobetreiber aus eigenem Antrieb zum Kauf entschieden. Ein bißchen unterstützendes Geschwurbel kann man dabei gleich mit heraushandeln. "Endorsement" nennt man diese übliche Praxis im Marketing.
Die Fachpresse spielt dabei natürlich mit, denn zum Einen haben Luxusartikel für exorbitante Preise immer einen Anlock-Effekt (manche Zeitschriften berichten über nichts anderes), selbst wenn der Leser kopfschüttelnd davor sitzt, zum Anderen bietet sich so immer wieder eine Gelegenheit zu Artikeln über diese Anwender, egal ob das nun besonders reiche oder spinnerte Audiophile sind, oder um Vertreter aus der professionellen Szene. Das lockt Leser an, nicht aber die eher technisch orientierte Aufklärung, für die man sein Gehirn anstrengen muß. Letztlich sind damit die Interessen fast aller Beteiligten gleich gerichtet, einschließlich dem Käufer, der aber dafür letztlich die Zeche zahlt.
Die "Gleichschaltung" hat ebenfalls einen wichtigen Effekt auf die Ankerpreisbildung. Wenn fast unisono die ganze Szene aus Anbietern, Presse und Anwendern dieselbe Botschaft aussenden, dann wird das als der Normalfall betrachtet, und gar nicht groß drüber nachgedacht. Wenn auf breiter Front Kabel für zig bis hunderten von Euro angeboten, getestet, gekauft und beschwurbelt werden, wenn man das auch noch als "Mittel- bis Oberklasse" betitelt, dann wird das schon richtig so sein, und der Kunde fügt sich ein. Wie sollte er auch auf andere Ideen kommen? Woher sollte er wissen, was ein Kabel wirklich "braucht", und was das kostet? Eine Anlage kauft man im Normalfall nicht so oft, daß es sich lohnen würde, sich in die Technik tiefer einzuarbeiten. Man konsultiert ein paar Zeitschriften, bildet sich so unbewußt seine Ankerpreise aus den Bestenlisten, und sucht sich dann meist das aus, was man als noch "normal" empfindet.
Hätte man zu diesem Zeitpunkt schon Kontakt zu gänzlich anderen Meinungen, zu Kritikern, dann würde die Ankerpreisbildung vermutlich anders verlaufen. Die Bestrebung der Verkäufer muß daher dahin gehen, gerade in dieser sensiblen Zeit am Anfang den Kontakt mit Kritikern zu verhindern. Wenn sich die Maßstäbe dann mal gebildet haben, wird sie der betreffende Kunde schon selber verteidigen, wenn er dann auf Kritiker stößt.
Was meint Ihr, rede ich Unsinn? Wo meint Ihr, liegt Euer Ankerpreis, und wie hat er sich gebildet? Ihr seid dran.
Donnerstag, 1. November 2012
Stereoplay-Verstärkermessungen, fünfter Versuch
Ich war dieses Jahr nicht auf der High-End in München, aber vielleicht hätte ich hingehen sollen, denn wie ich inzwischen mitgekriegt habe (jaja ich weiß: ziemlich spät), sind die dubiosen Verstärkermessungen der Stereoplay wieder aus der Versenkung aufgetaucht, nämlich in der Form eines neuerlichen Vortrags von Peter Schüller, dem Laborleiter der Testfactory, dem von der Stereoplay beauftragten Meßlabor in Stuttgart. Kurioserweise findet man die schriftlichen Unterlagen auf der Webseite der Firma Burosch, ich war aber erfolglos auf der Seite der Stereoplay und der Testfactory auf der Suche.
Wenn man sich die ganzen Kontroversen in Erinnerung ruft, die es um diese Messungen vor einigen Jahren gab (siehe dazu hier, hier, hier, hier und hier), dann wird natürlich interessant, zu sehen was sich an der Darstellung inhaltlich getan hat. Speziell, ob man die damals geäußerte massive Kritik in irgendeiner Form berücksichtigt findet. Nicht, daß ich angesichts der bisherigen Verhaltensweisen der Stereoplay-Vertreter da irgendeine Hoffnung hätte, die Fortsetzung der Totalverweigerung ist da sicher die wahrscheinlichste Annahme. Aber sehen wir uns das ruhig mal im Einzelnen an.
Schüller möchte den Bezug zur sog. "Stereoplay-Klirrtheorie" herstellen, die in den 80er Jahren von Stereoplay-Redakteur Johannes Maier formuliert wurde. Sie besagt daß gut klingende Verstärker ein Klirrspektrum haben, bei dem die höheren Harmonischen eine abfallende Stärke haben. Insofern der Klirr so stark ist daß er hörbar wird, ist das auch leicht nachzuvollziehen. Daß höhere Harmonische unangenehmer klingen als niedrige Harmonische, und deswegen auch schneller stören, war auch schon 1985 jahrzehntelang bekannt.Entsprechende Aussagen habe ich schon in der Literatur der 50er Jahre gefunden, als es noch keine Transistorverstärker in der HiFi-Technik gab. Die Theorie ist also wohl kaum auf dem Stereoplay-Mist gewachsen, und es war dazu anscheinend auch kein moderner Spektrumanalysator nötig (daß er hilfreich ist steht außer Zweifel). Unklar bleibt, warum das auch noch dann gelten soll, wenn der Klirr insgesamt sehr gering ist, und ich konnte bisher keine Erklärung, weder von der Stereoplay noch von sonstwem, finden, warum das unabhängig von der Stärke des Klirrs gelten soll. Es sollte intuitiv klar sein, daß unterhalb eines bestimmten Klirrniveaus die Klirrverteilung egal ist. Es kann dann nur noch darum gehen, wo dieses "Unbedenklichkeits-Niveau" in der Praxis liegt. Schüller läßt das völlig undiskutiert.
Der nächste angeblich klangbestimmende Faktor ist laut Schüller der Frequenzgang, also lineare Verzerrungen. Schüller will offenbar die Gegenkopplung für Probleme mit dem Frequenzgang verantwortlich machen, speziell bei wechselnder Lastimpedanz, aber es ist nicht erkennbar wie seine Behauptung von den von ihm gezeigten Meßkurven gestützt wird. Mir scheint eher die Überlegenheit der Gegenkopplung daraus deutlich zu werden. Obwohl der gezeigte Verstärker mit einer Last von 2 Ohm deutliche Schwierigkeiten hat, was auf viele Verstärker zutreffen dürfte, die für solche Lasten nicht konstruiert sind, ist der Einfluß mit Gegenkopplung geringer als ohne.
Zudem versucht Schüller in der schriftlichen Präsentation den Eindruck zu erwecken, als wäre die Gegenkopplung "erfunden" worden, um die nachteiligen Transistorkennlinien zu linearisieren. Das ist natürlich falsch. Die Gegenkopplung stammt aus der Röhrenzeit, und wurde auch bei Röhrenverstärkern erfolgreich zur Klirr-Reduktion benutzt, denn auch die Röhrenkennlinien sind nicht linear. Als die Transistorverstärker aufkamen war die Gegenkopplung schon längst allgemein akzeptierte Technik bei Röhrenverstärkern. Prominentes Beispiel: Der Williamson-Verstärker aus den 40ern. Der erreichte Klirrwerte von an die 0,1% nur wegen seines Einsatzes von Gegenkopplung, und wurde wegen seiner Klangqualität als Meilenstein angesehen.
Schüller's nächster Punkt ist die "Rückflußdämpfung", und da kommt er an dem Punkt an, den auch die erwähnte "Meßtechnik-Sensation" von 2009 aufgehängt war. Nach mehreren Fehlzündungen kam die Stereoplay damals schließlich auf die Verwendung eines MLS-Signals, das "rückwärts" in den Verstärkerausgang eingespeist wird, entweder über einen Ohmschen Widerstand oder über eine Lautsprecher-Nachbildung. Am Verstärkerausgang mißt man dann, was davon übrig ist, was also der (stumme) Verstärker nicht mit seiner niedrigen Ausgangsimpedanz "kurzgeschlossen" hat. Nimmt man den Ohmschen Widerstand, dann kann man so den Dämpfungsfaktor über die Frequenz bestimmen (dazu wäre aber kein MLS-Signal nötig, das ginge ganz genauso und leichter mit einfachen Sinussignalen). Nimmt man die Lautsprecher-Nachbildung, dann überlagert sich dieser Dämpfungsfaktor-Kurve noch die Impedanzkurve der Lautsprecher-Nachbildung. Was man sieht ist der kombinierte Effekt von Beidem.
Schüller behauptet, man sehe daran den Einfluß des Lautsprechers auf den Verstärker. Das ist falsch. Man sieht daran lediglich, wie zwei frequenzabhängige Widerstände (die Lautsprechernachbildung und die Ausgangsimpedanz des Verstärkers) sich zu einem frequenzabhängigen Spannungsteiler kombinieren. Dieses Ergebnis hätte man auch rechnerisch ermitteln können, es ist keinesfalls überraschend oder neu, und hat auch nichts mit einer Rückwirkung zu tun. Hier sind die Kritikpunkte aus den früheren Diskussionen offensichtlich ignoriert worden, und es werden weiterhin falsche oder irreführende Aussagen gemacht.
Das setzt sich fort in der Diskussion des rückwärts eingespeisten Rechtecksignals. Hier begegnet uns der Brinkmann-Verstärker wieder, an dessen Test sich vor mehr als 3 Jahren die Debatte entzündet hatte. Schüller versucht, den Eindruck zu erwecken als habe das dargestellte Rechtecksignal mit weniger Überschwingern einen Bezug zum angeblich besseren Klang des Brinkmann. Abgesehen davon daß diese Aussage nach wie vor nicht belegt wird, weil keinerlei Hörtests zur Erhärtung vorgestellt wurden, ist das auch eine sehr unglaubwürdige Schlußfolgerung. Die gezeigten Rechteckdarstellungen des rückwärts eingespeisten Signals zeigen im Grunde das Gleiche wie die vorher gezeigten Kurven der "Rückfluß-Dämpfung" (Folie 15), bloß einmal im Frequenzbereich und einmal im Zeitbereich. Aus Folie 15 kann man schon abschätzen wie hoch die Überschwinger an den Rechteckflanken sein würden, und wie hoch die waagrechten Linien, auf denen sich das Rechteck einschwingt. Es ergibt sich allerdings daß der Maßstab nicht übereinstimmen kann, oder daß die beiden Rechteckkurven nicht mit vergleichbaren Meßbedingungen ermittelt wurden, denn sonst hätte das Rechteck rechts in Folie 23 mindestens die doppelte Amplitude haben müssen.
Generell schlägt sich in dieser Rechteckmessung der Dämpfungsfaktor bei niedrigen Frequenzen auf die Höhe des Rechtecks als solchem nieder, und der Dämpfungsfaktor bei hohen Frequenzen auf die Höhe der Überschwinger. Ist der Dämpfungsfaktor bei allen Frequenzen gleich, dann verschwinden die Überschwinger. Das ist wieder nichts Anderes als die Kombination zweier frequenzabhängiger Widerstände (Impedanzen) in einem Spannungsteiler. Dazu ist es nicht die Btrachtung des am Lautsprecher ankommenden Signals, sondern der am Verstärker ankommenden Rückwirkung, von der zudem keine Beeinflussung des eigentlichen Verstärkers zu erkennen ist. Auch hier ist nicht zu erkennen, daß man bei der Stereoplay aus der früheren Kritik irgend etwas gelernt hätte.
Schüller kommt dann wieder auf die Thematik des Klirrs zurück, und es fällt auf daß für ihn die absolute Höhe der Klirrwerte gar keine Rolle zu spielen scheint. Nur auf die relativen Stärken der einzelnen Harmonischen soll es offenbar ankommen, so daß er mühelos einen heftig klirrenden kleinen Röhrenverstärker loben kann, der den Meßwerten zufolge aber wohl eher deswegen gefällt, weil er schönfärberische, als "warm" empfundene Harmonische zweiter Ordnung produziert, und zwar umso mehr, je niederohmiger die Last ist. Das ist alles überhaupt keine Überraschung, und so oder so ähnlich schon vor vielen Jahrzehnten diskutiert worden.
Die Stereoplay erfindet solche Theorien natürlich nicht einfach so. Wie schon beim Brinkmann-Verstärker anno 2009 gab auch diesmal wieder ein Verstärker aus einem aktuellen Test den Anstoß, sich eine dazu passende Theorie zusammenzudichten. Der in der diesjährigen Aprilausgabe getestete Unison-Röhrenverstärker ist genau dieses Klirrmonster, das schönerklärt werden mußte, und wie man das macht sieht man an dem für Unison erstellten Sonderdruck.
Es ist das bekannte Bild: Man testet ein Gerät, das aus irgendeinem Grund gefällt, und für das man nicht einfach schlechte Meßwerte stehen lassen kann. Also erfindet man eine Theorie, mit denen man die Meßwerte uminterpretieren kann, und die das Gerät allen konventionellen Ansichten zum Trotz gut aussehen läßt. Das war beim Brinkmann so, und das ist dann wieder beim Unison so gewesen. Ich bin schon gespannt, wnn man das nächste Mal bei Stereoplay einen Verstärker testet, für den man die passende Theorie dazu erfinden muß. Hemmungen scheinen da ja keine mehr zu existieren.
Wie üblich: Kommentare hier.
Wenn man sich die ganzen Kontroversen in Erinnerung ruft, die es um diese Messungen vor einigen Jahren gab (siehe dazu hier, hier, hier, hier und hier), dann wird natürlich interessant, zu sehen was sich an der Darstellung inhaltlich getan hat. Speziell, ob man die damals geäußerte massive Kritik in irgendeiner Form berücksichtigt findet. Nicht, daß ich angesichts der bisherigen Verhaltensweisen der Stereoplay-Vertreter da irgendeine Hoffnung hätte, die Fortsetzung der Totalverweigerung ist da sicher die wahrscheinlichste Annahme. Aber sehen wir uns das ruhig mal im Einzelnen an.
Schüller möchte den Bezug zur sog. "Stereoplay-Klirrtheorie" herstellen, die in den 80er Jahren von Stereoplay-Redakteur Johannes Maier formuliert wurde. Sie besagt daß gut klingende Verstärker ein Klirrspektrum haben, bei dem die höheren Harmonischen eine abfallende Stärke haben. Insofern der Klirr so stark ist daß er hörbar wird, ist das auch leicht nachzuvollziehen. Daß höhere Harmonische unangenehmer klingen als niedrige Harmonische, und deswegen auch schneller stören, war auch schon 1985 jahrzehntelang bekannt.Entsprechende Aussagen habe ich schon in der Literatur der 50er Jahre gefunden, als es noch keine Transistorverstärker in der HiFi-Technik gab. Die Theorie ist also wohl kaum auf dem Stereoplay-Mist gewachsen, und es war dazu anscheinend auch kein moderner Spektrumanalysator nötig (daß er hilfreich ist steht außer Zweifel). Unklar bleibt, warum das auch noch dann gelten soll, wenn der Klirr insgesamt sehr gering ist, und ich konnte bisher keine Erklärung, weder von der Stereoplay noch von sonstwem, finden, warum das unabhängig von der Stärke des Klirrs gelten soll. Es sollte intuitiv klar sein, daß unterhalb eines bestimmten Klirrniveaus die Klirrverteilung egal ist. Es kann dann nur noch darum gehen, wo dieses "Unbedenklichkeits-Niveau" in der Praxis liegt. Schüller läßt das völlig undiskutiert.
Der nächste angeblich klangbestimmende Faktor ist laut Schüller der Frequenzgang, also lineare Verzerrungen. Schüller will offenbar die Gegenkopplung für Probleme mit dem Frequenzgang verantwortlich machen, speziell bei wechselnder Lastimpedanz, aber es ist nicht erkennbar wie seine Behauptung von den von ihm gezeigten Meßkurven gestützt wird. Mir scheint eher die Überlegenheit der Gegenkopplung daraus deutlich zu werden. Obwohl der gezeigte Verstärker mit einer Last von 2 Ohm deutliche Schwierigkeiten hat, was auf viele Verstärker zutreffen dürfte, die für solche Lasten nicht konstruiert sind, ist der Einfluß mit Gegenkopplung geringer als ohne.
Zudem versucht Schüller in der schriftlichen Präsentation den Eindruck zu erwecken, als wäre die Gegenkopplung "erfunden" worden, um die nachteiligen Transistorkennlinien zu linearisieren. Das ist natürlich falsch. Die Gegenkopplung stammt aus der Röhrenzeit, und wurde auch bei Röhrenverstärkern erfolgreich zur Klirr-Reduktion benutzt, denn auch die Röhrenkennlinien sind nicht linear. Als die Transistorverstärker aufkamen war die Gegenkopplung schon längst allgemein akzeptierte Technik bei Röhrenverstärkern. Prominentes Beispiel: Der Williamson-Verstärker aus den 40ern. Der erreichte Klirrwerte von an die 0,1% nur wegen seines Einsatzes von Gegenkopplung, und wurde wegen seiner Klangqualität als Meilenstein angesehen.
Schüller's nächster Punkt ist die "Rückflußdämpfung", und da kommt er an dem Punkt an, den auch die erwähnte "Meßtechnik-Sensation" von 2009 aufgehängt war. Nach mehreren Fehlzündungen kam die Stereoplay damals schließlich auf die Verwendung eines MLS-Signals, das "rückwärts" in den Verstärkerausgang eingespeist wird, entweder über einen Ohmschen Widerstand oder über eine Lautsprecher-Nachbildung. Am Verstärkerausgang mißt man dann, was davon übrig ist, was also der (stumme) Verstärker nicht mit seiner niedrigen Ausgangsimpedanz "kurzgeschlossen" hat. Nimmt man den Ohmschen Widerstand, dann kann man so den Dämpfungsfaktor über die Frequenz bestimmen (dazu wäre aber kein MLS-Signal nötig, das ginge ganz genauso und leichter mit einfachen Sinussignalen). Nimmt man die Lautsprecher-Nachbildung, dann überlagert sich dieser Dämpfungsfaktor-Kurve noch die Impedanzkurve der Lautsprecher-Nachbildung. Was man sieht ist der kombinierte Effekt von Beidem.
Schüller behauptet, man sehe daran den Einfluß des Lautsprechers auf den Verstärker. Das ist falsch. Man sieht daran lediglich, wie zwei frequenzabhängige Widerstände (die Lautsprechernachbildung und die Ausgangsimpedanz des Verstärkers) sich zu einem frequenzabhängigen Spannungsteiler kombinieren. Dieses Ergebnis hätte man auch rechnerisch ermitteln können, es ist keinesfalls überraschend oder neu, und hat auch nichts mit einer Rückwirkung zu tun. Hier sind die Kritikpunkte aus den früheren Diskussionen offensichtlich ignoriert worden, und es werden weiterhin falsche oder irreführende Aussagen gemacht.
Das setzt sich fort in der Diskussion des rückwärts eingespeisten Rechtecksignals. Hier begegnet uns der Brinkmann-Verstärker wieder, an dessen Test sich vor mehr als 3 Jahren die Debatte entzündet hatte. Schüller versucht, den Eindruck zu erwecken als habe das dargestellte Rechtecksignal mit weniger Überschwingern einen Bezug zum angeblich besseren Klang des Brinkmann. Abgesehen davon daß diese Aussage nach wie vor nicht belegt wird, weil keinerlei Hörtests zur Erhärtung vorgestellt wurden, ist das auch eine sehr unglaubwürdige Schlußfolgerung. Die gezeigten Rechteckdarstellungen des rückwärts eingespeisten Signals zeigen im Grunde das Gleiche wie die vorher gezeigten Kurven der "Rückfluß-Dämpfung" (Folie 15), bloß einmal im Frequenzbereich und einmal im Zeitbereich. Aus Folie 15 kann man schon abschätzen wie hoch die Überschwinger an den Rechteckflanken sein würden, und wie hoch die waagrechten Linien, auf denen sich das Rechteck einschwingt. Es ergibt sich allerdings daß der Maßstab nicht übereinstimmen kann, oder daß die beiden Rechteckkurven nicht mit vergleichbaren Meßbedingungen ermittelt wurden, denn sonst hätte das Rechteck rechts in Folie 23 mindestens die doppelte Amplitude haben müssen.
Generell schlägt sich in dieser Rechteckmessung der Dämpfungsfaktor bei niedrigen Frequenzen auf die Höhe des Rechtecks als solchem nieder, und der Dämpfungsfaktor bei hohen Frequenzen auf die Höhe der Überschwinger. Ist der Dämpfungsfaktor bei allen Frequenzen gleich, dann verschwinden die Überschwinger. Das ist wieder nichts Anderes als die Kombination zweier frequenzabhängiger Widerstände (Impedanzen) in einem Spannungsteiler. Dazu ist es nicht die Btrachtung des am Lautsprecher ankommenden Signals, sondern der am Verstärker ankommenden Rückwirkung, von der zudem keine Beeinflussung des eigentlichen Verstärkers zu erkennen ist. Auch hier ist nicht zu erkennen, daß man bei der Stereoplay aus der früheren Kritik irgend etwas gelernt hätte.
Schüller kommt dann wieder auf die Thematik des Klirrs zurück, und es fällt auf daß für ihn die absolute Höhe der Klirrwerte gar keine Rolle zu spielen scheint. Nur auf die relativen Stärken der einzelnen Harmonischen soll es offenbar ankommen, so daß er mühelos einen heftig klirrenden kleinen Röhrenverstärker loben kann, der den Meßwerten zufolge aber wohl eher deswegen gefällt, weil er schönfärberische, als "warm" empfundene Harmonische zweiter Ordnung produziert, und zwar umso mehr, je niederohmiger die Last ist. Das ist alles überhaupt keine Überraschung, und so oder so ähnlich schon vor vielen Jahrzehnten diskutiert worden.
Die Stereoplay erfindet solche Theorien natürlich nicht einfach so. Wie schon beim Brinkmann-Verstärker anno 2009 gab auch diesmal wieder ein Verstärker aus einem aktuellen Test den Anstoß, sich eine dazu passende Theorie zusammenzudichten. Der in der diesjährigen Aprilausgabe getestete Unison-Röhrenverstärker ist genau dieses Klirrmonster, das schönerklärt werden mußte, und wie man das macht sieht man an dem für Unison erstellten Sonderdruck.
Es ist das bekannte Bild: Man testet ein Gerät, das aus irgendeinem Grund gefällt, und für das man nicht einfach schlechte Meßwerte stehen lassen kann. Also erfindet man eine Theorie, mit denen man die Meßwerte uminterpretieren kann, und die das Gerät allen konventionellen Ansichten zum Trotz gut aussehen läßt. Das war beim Brinkmann so, und das ist dann wieder beim Unison so gewesen. Ich bin schon gespannt, wnn man das nächste Mal bei Stereoplay einen Verstärker testet, für den man die passende Theorie dazu erfinden muß. Hemmungen scheinen da ja keine mehr zu existieren.
Wie üblich: Kommentare hier.
Sonntag, 15. Juli 2012
Einbildungsberatung
Mit der Zeit denkt man, man hätte alles gesehen, und es wiederholt sich nur immer auf's Neue. Manchmal begegnet einem aber dann doch eine neue Variante, die man noch nicht kannte.
So geht's mir mit dem Auftritt von Janus525 im Hifi-Forum, ein Teilnehmer mit dem ich mich hier im Blog schon einmal vorletztes Jahr beschäftigt habe. Es handelt sich um einen ehemaligen Verkaufspsychologen, der seiner eigenen Angabe nach genug Geld verdient hat, und sich nun ohne wirkliches finanzielles Interesse mit HiFi amüsiert, und eine Art "Beratungsgeschäft" betreibt, mit dem er Leuten auf die Sprünge helfen will, die sich durch untaugliche Optimierungsversuche an ihrer eigenen Anlage frustriert haben, und nun nach neuen Ansätzen suchen.
Das wirkt auf den ersten Blick fast unwirklich selbstlos, weshalb es von Anfang an nicht gefehlt hat an Leuten, die ihm seine Haltung nicht abkaufen, mich natürlich eingeschlossen. Angesichts seiner intensiven Bemühungen, mit der richtigen Pose aufzutreten, ist der Zweifel nicht schwer zu verstehen.
Er macht es aber sehr geschickt, das muß man anerkennen, und der Verkaufspsychologe in ihm hat spürbar Spuren hinterlassen. Keine Sorge, für mich besteht keine Gefahr: Ich traue ihm nicht weiter als ich ihm werfen kann. Aber ich komme doch nicht umhin ein paar bemerkenswerte Eigenheiten herauszustellen.
Eines seiner Hauptthemen ist der Kabelklang, also ein originär audiophiles Voodoo-Thema. Er hört natürlich wie andere audiophile Kollegen auch Klangunterschiede zwischen Kabeln. Wird er darauf angesprochen, kommt unweigerlich ein Lobgesang auf ein paar exotische Kabeltypen, die er bevorzugt, und über die er die ganze Schwurbel-Litanei herunterbetet wie jemand der das Ganze für bare Münze nimmt. Das in diesem Zusammenhang immer kommende ungefragte "Name-Dropping" ist typisch audiophil, man definiert sich da ja oft darüber, welche angesagten oder exotischen Markennamen man fehlerfrei aufsagen kann.
Tut er aber nicht, jedenfalls nicht so wie der übliche Audiophile. Er glaubt nicht an Kabelklang, jedenfalls nicht an technischen Kabelklang. Also Kabelklang aufgrund von irgendwelchen behaupteten oder tatsächlichen technischen Kabelparametern, seien es nun die normalen Parameter wie Widerstand, Kapazität etc., oder das Voodoo-Zeugs wie Skineffekt, Kristallstrukturen, Mikrofonie und dergleichen. Er macht seinem Pseudonym alle Ehre, denn an den "Techniker" (aka "Holzohr") gewandt sagt er: "Du hast recht, es gibt keinen Kabelklang, die technische Betrachtung der Kabel gibt das nicht her. Kabelklang entsteht nicht im Kabel, sondern im Kopf des Hörers." Zugleich sagt er dem kabelklanghörenden "Goldohr" das scheinbare Gegenteil: "Du hast recht, es gibt Kabelklang, viele Leute hören ihn, er entsteht in Deinem Gehirn, und Du kannst Ihn Dir zunutze machen. Ich kann Dir zeigen wie, auch wenn es da noch viel zu forschen gibt."
Die sich inzwischen sehr in die Länge ziehende Diskussion im HiFi-Forum zeigt, welche Schwierigkeiten viele Teilnehmer mit dieser auf den ersten Blick widersprüchlich wirkenden Position haben. Janus525 verströmt zu 100% den audiophilen Stallgeruch in Gehabe und Argumentation, aber wenn man darauf herein fällt und ihn wie einen solchen behandelt, dann kann er immer wieder darauf verweisen daß er die audiophilen Positionen überhaupt nicht vertrete. Wieder und wieder entgegnet er: "Du täuschst Dich in mir! Sieh her, ich vertrete ja Deine Position: Es gibt keinen Kabelklang! Wir haben gemeinsame Ansichten und auch Ziele, denn wir wollen beide vor den Quacksalbern mit ihren falschen Behauptungen warnen."
Interessanterweise führt dieser Winkelzug mitnichten zu Problemen mit der audiphilen Klientel, die ja eigentlich aufbegehren müßte wenn man die Realität des Kabelklangs abstreitet. Nicht einmal diejenigen, die ganz ausdrücklich mit den diversen technischen Erklärungen der Kabelhersteller sympathisieren, und entsprechende Begründungen vorbringen (Skineffekt, Magnetfelder, Mikrofonie und der ganze Scheiß), wehren sich gegen Janus525. Er kann in diesem Fall das Gleiche schreiben wie die Holzohren, aber er eckt damit bei keinem Audiophilen an. Bemerkenswert, nicht?
Es ist aufschlußreich, sich zu überlegen woran das wohl liegt. Ich habe Erklärungsmöglichkeiten anzubieten, erfahre aber gern auch Eure, wenn Ihr noch weitere findet, wie auch Eurer Meinung zu den meinen.
1. Die Finte.
Der Audiophile glaubt, daß Janus das ohnehin nicht ernst meint, sondern daß es eine Art von Gambit ist, also ein Opfer einer unbedeutenden Figur zugunsten eines Stellungsgewinns in der ganzen Auseinandersetzung. Das "Holzohr" greift eine wertlose Position an, und kann damit zum Narren gehalten werden, während die eigentlich entscheidende Position umso besser verteidigt werden kann.
Mit anderen Worten: Janus525 kann leicht sagen, technischen Kabelklang gebe es nicht, denn diese technische Argumentation ist ihm ohnehin völlig egal. Er hat verstanden daß auch dem Audiophilen diese technische Argumentation im Grunde egal ist, und macht ihm vor wie man das zu einem taktischen Vorteil in der Diskussion machen kann. Die meisten Audiophilen haben zwar Sehnsucht nach einem technisch-wissenschaftlichen Erklärungsmodell für ihre Wahrnehmungen, damit sie aus dieser unbequemen Einbildungsecke heraus kommen, aber man sieht ja täglich wie wenig sie in der Lage sind, bei solchen Erklärungsmodellen zwischen blankem Unfug und stichhaltiger Argumentation zu unterscheiden. Janus macht ihnen vor, daß sie im Grunde gar nichts verlieren, wenn sie solche Argumentationsversuche fahren lassen.
Die entscheidende Position, die letztlich verteidigt wird, ist daß es Kabelklang eben schon gibt, aber nicht da wo er laut "Holzohr" nicht sein kann, nämlich im Kabel, sondern im Kopf des Hörers, wo man meßtechnisch (angeblich) nicht an ihn heran kommt. Dem "Holzohr" sagt man damit: "Kabelklang gibt's, aber Du hast mit Deinen Methoden und Fähigkeiten keinen Zugriff darauf, und suchst dauernd an der falschen Stelle." Das ist eine originär audiophile Position, und der elitäre Appeal dieser Haltung wiegt den Verzicht auf technische Erklärungen für den Audiophilen bei weitem auf. Das ist letztlich die Kalkulation, die Janus' Finte zugrunde liegt.
2. Die Umdeutung des Existenzbegriffs
Das Spannungsfeld, in dem der Audiophile gefangen ist, befindet sich zwischen dem was tatsächlich existiert, und dem was bloß eingebildet ist. Für das Ego des Audiophilen ist entscheidend, daß das was er wahrnimmt nicht eingebildet ist, sondern real. Wenn jemand unterstellt, der Audiophile könne sich Klangwahrnehmungen "nur" eingebildet haben, dann ist er unweigerlich beleidigt. Daß es Einbildung gibt, bzw. geben kann, wird er zwar nicht bestreiten, daß es aber in seinem eigenen Fall Einbildung gewesen sein könnte wird er entschieden zurückweisen. Was sich so echt anfühlt kann nicht eingebildet sein.
Wenn man also nicht nachweisen kann, daß eine Klangwahrnehmung keine Einbildung war, sondern eine tatsächlich existierende Ursache hatte, dann kann man das Problem mit dem drohenden Einbildungsvorwurf immer noch umgehen, wenn man a) darauf hinweisen kann, daß es so einen Nachweis wegen praktischer Hindernisse gar (bzw. noch) nicht geben kann, und b) den Begriff der "Existenz" so weit ausweitet, daß darunter auch solche rein wahrgenommenen Erscheinungen fallen (die also auf keine externe Ursache zurückgehen).
Es sollte unmittelbar einleuchten, welche Attraktion ein Existenzbegriff auf den Audiophilen ausübt, der Dinge umfaßt die man aus Prinzip nicht nachweisen kann. Hat man einmal erreicht daß eine entsprechende Begriffsdefinition in der Diskussion akzeptiert wird, dann steht der Weg offen um alles für existent hinzustellen, was einem vorschwebt. Jegliche unabhängige Nachprüfung hat man ja gleichzeitig für unmöglich erklärt. Daher rührt die große Hartnäckigkeit und Kreativität, die manche Audiophile an den Tag legen, um so einen passend gedehnten Existenzbegriff in die Diskussion zu pressen.
Man könnte darüber fast aus dem Blickfeld verlieren, daß auf diese Weise die Grenzlinie zwischen Realität und Einbildung immer mehr verschwimmt. Worin genau unterscheiden sich Einbildungen von "echten" Wahrnehmungen, wenn es für Letztere keine externen Ursachen braucht? Wie kann man dann noch sagen worum es sich handelt? Gibt es dann überhaupt noch Einbildungen, oder wird das dann alles zu einem Teil dessen was man Realität nennt?
Janus525 macht mit seiner Verlagerung des Kabelklangs in das Gehirn dem Audiophilen genau dieses Angebot: Ein erweiterter Existenzbegriff ohne Gefahr der Nachprüfbarkeit. Es ist eine Art von innerem Reservat, in dem Einbildungen für real existent gelten können, ohne daß das einen Widerspruch produzieren würde.
3. Faszinosum Gehirn
Angesichts von galoppierenden Fortschritten in der Hirnforschung sieht es so aus als könne man sich nicht sicher sein daß diese Nachprüfbarkeit nicht bald kommen wird. Eigentlich müßten sich die Audiophilen daher vor der Hirnforschung fürchten. Sie erwecken aber gerne den gegenteiligen Eindruck. Das ist ebenfalls ein bemerkenswerter Aspekt.
Das Gehirn hat in audiophilen Kreisen schon seit einiger Zeit beträchtlich Konjunktur. Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, daß einige Audiophile ihr Gehirn für eine Besonderheit halten, etwas was man eigentlich genauer untersuchen müßte, wobei dann bestimmt heraus kommen würde daß dort ganz spezielle Fähigkeiten zu finden sind. Überlegene Fähigkeiten.
Dabei kommt einem zugute, daß Gehirnforschung ein schwieriges Thema ist, und man alle möglichen eigenen Wunschvorstellungen hinein projizieren kann. Man braucht da nicht befürchten, daß einem das widerlegt wird. Zugleich kann man bei den einfachsten Plattitüden verharren und so tun als wären sie eine Bestätigung der eigenen Sichtweise.
So kann man sich aus einer Kombination von ein paar ziemlich inhaltsleeren Sprüchen ein praktisch unangreifbares audiophiles Weltbild zimmern:
Wobei der wichtigste Aspekt dabei zu sein scheint, daß es die Audio-Meßtechnik ist, die man damit umgehen will. Das reicht, weil die Art von Meßtechnik, mit der man dem Gehirn auf die Pelle rücken könnte, sowieso jenseits jeder praktischen Reichweite der Diskussionsteilnehmer ist.
Mit den tatsächlichen Erkenntnissen der Hirnforschung hat die ganze Diskussion dennoch nichts zu tun. Von den ernst zu nehmenden Wissenschaftlern in diesem Bereich käme vermutlich keiner auf die Idee, seine Erkenntnisse oder potenziellen Erkenntnisse würden für die Existenz mysteriöser Klangeffekte in Kabeln sprechen, die sich der klassischen Meßtechnik entziehen.
4. Gehirn und Psychologie
Es dürfte klar sein, daß Einbildung ebenso eine Gehirnleistung ist wie die Wahrnehmung tatsächlich vorhandener äußerer Reize. Wenn man den entscheidenden Punkt der Betrachtung ins Gehirn selbst verlegt, und damit den äußeren Reiz aus dem Blickfeld nimmt, dann ist klar daß der Unterschied zwischen einer Einbildung und einer Wahrnehmung äußerer Reize verschwimmt. Der Unterschied besteht ja gerade darin, ob es eine äußere Ursache gibt oder nicht.
Das heißt umgekehrt, daß jemand, der herausfinden will, ob etwas eingebildet ist oder nicht, außerhalb des Gehirns suchen muß und nicht im Gehirn. Die Fokussierung der Diskussion auf die Gehirnleistungen und die bei der Wahrnehmung entstehenden Empfindungen verhindert es geradezu, daß man bei der Frage weiterkommt ob etwas eingebildet ist oder nicht.
Es kann natürlich sein daß man wirklich an der Wahrnehmungspsychologie interessiert ist, und dabei z.B. womöglich auch an gegenseitigen Einflüssen verschiedener Sinne aufeinander. Das kann ein spannendes Wissensgebiet sein, bloß hat das mit der ursprünglichen Frage nichts mehr zu tun, z.B. der nach der Existenz von Kabelklang.
Verlockend ist dabei, daß man von den Wahrnehmungen, Eindrücken und generell den Leistungen des Gehirns in einer pseudo-objektiven, vom eigenen Ego scheinbar entkoppelten Sprache reden kann, und sich damit vormachen, das hätte den gleichen faktischen Gehalt wie äußere, meßbare Erscheinungen. Eine reine Einbildung, die vielleicht in Wirklichkeit weit mehr von eigenen Vorlieben, Wunschvorstellungen, Ängsten und Projektionen bestimmt ist als von äußeren Reizen, kann man dann immer noch als eine Gehirnleistung darstellen, die eine vom eigenen Selbst quasi unabhängige objektive Realität hat.
Natürlich sind psychologische Prozess auch Leistungen des Gehirns, und als solche mit entsprechendem Aufwand technisch untersuchbar, aber dadurch wird nicht die Verbindung zur Psychologie des Menschen aufgehoben. Eine Einbildung ist immer noch eine Einbildung, selbst dann wenn man die mit ihr verbundenen Hirnaktivitäten "objektiv" messen kann. Die objektive Messbarkeit der Hirnaktivität einer Wahrnehmung macht noch lange nicht das Wahrgenommene zur objektiven Realität. Im Gegenteil: Man kann mit solchen technischen Mitteln auch Wahrnehmungen aus dem Nichts erzeugen. Der Unterschied zur Wahrnehmungsbeeinflussung durch Drogen ist da nicht gar so groß.
5. Glück und Lebensfreude
Es ist kein Zufall, daß ich auf das Thema Glück und Lebensfreude gerade dann komme wenn ich das Wort "Drogen" erwähnt habe, was aber nicht auf die ganz direkte Art verstanden werden sollte. Es ist auch kein Zufall, daß diese Begriffe beim Thema Kabelklang bemüht werden, obwohl es auf den ersten Blick nichts damit zu tun hat.
Daß sich ein Audiophiler für glücklicher oder zumindest glücksfähiger hält als der gern als verbissen und engstirnig hingestellte Techniker ist ja nichts Neues, und kann mit dem altbekannten audiophilen Narzissmus begründet werden. Wenn jedoch ein Janus525 ins gleiche Horn bläst steckt ein bißchen mehr dahinter. Er vertritt die Position, man könne sich den gar nicht wirklich vorhandenen Kabelklang, also die Einbildung von Kabelklang, oder nochmal anders ausgedrückt den "Gehirnklang" (das böse Wort "Einbildung" muß ja unbedingt vermieden werden), auch planmäßig zu Nutze machen. Im Grunde ist das wie ein Tuning, aber nicht ein Tuning der Anlage, sondern ein Tuning der Wahrnehmung der Anlage. Man tunt sich gewissermaßen selbst.
An der Stelle wird auch die Verbindung zur Droge klarer. Drogen werden gelegentlich als Mittel zur "Bewußtseinserweiterung" verwendet, was ja ebenfalls eine Art von "Selbst-Tuning" ist. Egal wie man nun den "Trip" erzeugt, das darunter liegende Motiv ist im Grunde immer das Gleiche. Wenn man mit der Realität ein Problem hat, und der Versuch, die Realität zu ändern, aussichtslos oder zu anstrengend wäre, dann ändert man einfacher seine Wahrnehmung, und erreicht Glück und Zufriedenheit eben auf diesem Weg.
Ich bin da noch nicht einmal prinzipiell dagegen. Ich bin kein puritanischer Genußverweigerer und Moralapostel, der am liebsten jede Droge und jeden Selbstbetrug von der Erdoberfläche verbannen will. Es würde auch gar nicht funktionieren wenn ich es wollte, und ich würde mir dabei selbst Gewalt antun. Ich halte es aber gerade deshalb für wichtig, sich über den Mechanismus klar zu werden, der hier abläuft, und das Risiko das man dabei eingeht. Von so gut wie jeder wahrnehmungsverändernden Droge (und "audiophile" Kabel zähle ich im Moment mal dazu, nicht aus eigener Überzeugung, sondern nur mal um damit Janus' Argumentation zu folgen) haben Andere mehr Nutzen als der Konsument. Über kurz oder lang hat der Konsument üblicherweise sogar das Gegenteil, nämlich den Schaden. Insofern wird das Selbst-Tuning schnell mal zum Selbst-Betrug, der Übergang ist jedenfalls fließend.
Dabei kann man in dieser Sache sogar stark bezweifeln, ob diese "Droge", also ein Kabel, überhaupt in der versprochenen Weise wirkt. Ich behaupte, die Wirkung ist ziemlich flüchtig und unzuverlässig, wenn überhaupt vorhanden. Janus wird zwar nicht müde so zu tun als wäre eine planmäßige, zielgerichtete Erzeugung wunschgemäßer Klangillusion bei richtiger Vorgehensweise möglich, und zwar ganz ausdrücklich auch mit Hilfe von Kabeln, aber es gibt keinerlei Nachweis daß da etwas dran ist. Man muß es ihm einfach glauben, und ich glaube es ganz bestimmt nicht.
Klarer wird die Sache schon wenn man sich überlegt, wer denn wohl von der Droge profitiert, wenn es schon nicht der Konsument ist, und wie er davon profitiert. Das muß nicht der offensichtlichste Weg sein. Janus braucht nicht selbst als Kabelhändler aufzutreten, um zu den Profiteuren zu gehören. Auch das scheint wieder einige seiner Kritiker vor Schwierigkeiten in der Diskussion zu stellen. Man kauft ihm nicht ohne Weiteres ab daß er nicht am Verkauf von Kabeln interessiert ist, und er kann die daraus immer wieder entstehenden "Mißverständnisse" zu seinem Vorteil nutzen.
Es gibt aber eine ganze Reihe etwas indirekterer Methoden, um aus dem Selbst-Betrug zu profitieren. Ein Beispiel sind schon lange die HiFi-Zeitschriften. Sie verkaufen keine Kabel, machen sich aber zum Marketing-Instrument derjenigen, die welche verkaufen. Wenn nun auch in Internet-Foren Hersteller unterwegs sind, um dort auf versteckte oder offene Art für ihre Produkte zu werben, warum sollte es nicht auch dort "Lobbyisten" geben, die das stellvertretend betreiben? Nicht bei jeder Marketingaktivität geht es unmittelbar um den Verkauf eines Produktes. Immer mehr geht es schon im Vorfeld darum, den Markt für eine Produktkategorie vorzubereiten, ihn aufnahmefähig zu machen. Ein Klima zu schaffen in dem das Produkt auch ein gutes Image hat, mit den richtigen Assoziationen verknüpft wird, und das entsprechende Bedürfnis erweckt.
Janus525 ist ein Verkaufspsychologe, ihm ist mit Sicherheit diese indirektere Linie des Marketing nicht fremd. Im Grunde verkörpert er in der Diskussion diese Prinzipien selbst, denn man erkennt leicht wie sehr ihm bei allen Beiträgen das Image, und die Pose, wichtig ist. Wichtiger als das konkrete Argument auf alle Fälle, denn man stellt mit der Zeit fest, wie sich seine Argumente mit der Situation wesentlich leichter zu ändern scheinen als seine Selbstdarstellung. Die eigentliche "Message" ist dabei eine soziale, viel mehr als eine inhaltliche. Es geht darum sich als Rollenmodell ins Spiel zu bringen. Dort liegt der eigentliche Kern seiner Selbstdarstellung, und der verändert sich auch nicht wesentlich über die Zeit. Er sagt damit: "Schau her, ich bin der entspanntere, geistig flexiblere, wahrnehmungsfähigere, genußfähigere, erfolgreichere und glücklichere Mensch, weil ich mich dem 'Erlebnis Kabel' nicht verschließe. Du kannst das auch sein, wenn Du mir folgst".
Der Unterschied zur Zigarettenwerbung ist da nicht mehr groß, wo die Message sein könnte: "Schau her, ich bin der geselligere, individuellere, kreativere, genußfähigere, coolere, erfolgreichere und zufriedenere Mensch, weil ich mich dem Rauchen nicht verschließe. Du kannst das auch sein, wenn Du es so machst wie ich." Zigarettenwerbung ist zu einem großen Teil nicht Produkt- oder Markenwerbung. Es ist Werbung für das Rauchen als solches, oder genauer gesagt der Versuch, die Impulskontrolle psychologisch zu unterlaufen.
Janus525 präsentiert sich als eine Art von Kundenberater, der Endkunden dabei hilft, aus ihrer Anlageninstallation das (subjektive) Optimum herauszuholen, und zwar ohne Bezug zu konkreten Komponentenherstellern. Das mag stimmen, wirkt aber auf mich nicht besonders überzeugend. Wer so eindeutig auf die indirekte Marketing-Schiene setzt, empfiehlt sich eher als eine Art von Lobbyist, ein "Spin-Doctor", der im Auftrag und auf Rechnung für Hersteller arbeitet, die von solcher "Marktpflege" abhängen, sie aber selbst nicht so erfolgreich betreiben könnten. Andere Branchen kennen das schon länger, vielleicht ist es an der Zeit, denkt wohl Janus525, daß diese Methode auch im HiFi-Bereich Fuß faßt.
Wie gut seine Denkweise dazu paßt, kann man an einem kürzlichen Beitrag sehen. Ich denke es wird klar, daß die scheinbaren Widersprüche, die zwei Gesichter des Janus, eigentlich keine sind. Es paßt schon alles zusammen, ob man das nun gut findet oder nicht.
Was meint Ihr dazu?
So geht's mir mit dem Auftritt von Janus525 im Hifi-Forum, ein Teilnehmer mit dem ich mich hier im Blog schon einmal vorletztes Jahr beschäftigt habe. Es handelt sich um einen ehemaligen Verkaufspsychologen, der seiner eigenen Angabe nach genug Geld verdient hat, und sich nun ohne wirkliches finanzielles Interesse mit HiFi amüsiert, und eine Art "Beratungsgeschäft" betreibt, mit dem er Leuten auf die Sprünge helfen will, die sich durch untaugliche Optimierungsversuche an ihrer eigenen Anlage frustriert haben, und nun nach neuen Ansätzen suchen.
Das wirkt auf den ersten Blick fast unwirklich selbstlos, weshalb es von Anfang an nicht gefehlt hat an Leuten, die ihm seine Haltung nicht abkaufen, mich natürlich eingeschlossen. Angesichts seiner intensiven Bemühungen, mit der richtigen Pose aufzutreten, ist der Zweifel nicht schwer zu verstehen.
Er macht es aber sehr geschickt, das muß man anerkennen, und der Verkaufspsychologe in ihm hat spürbar Spuren hinterlassen. Keine Sorge, für mich besteht keine Gefahr: Ich traue ihm nicht weiter als ich ihm werfen kann. Aber ich komme doch nicht umhin ein paar bemerkenswerte Eigenheiten herauszustellen.
Eines seiner Hauptthemen ist der Kabelklang, also ein originär audiophiles Voodoo-Thema. Er hört natürlich wie andere audiophile Kollegen auch Klangunterschiede zwischen Kabeln. Wird er darauf angesprochen, kommt unweigerlich ein Lobgesang auf ein paar exotische Kabeltypen, die er bevorzugt, und über die er die ganze Schwurbel-Litanei herunterbetet wie jemand der das Ganze für bare Münze nimmt. Das in diesem Zusammenhang immer kommende ungefragte "Name-Dropping" ist typisch audiophil, man definiert sich da ja oft darüber, welche angesagten oder exotischen Markennamen man fehlerfrei aufsagen kann.
Tut er aber nicht, jedenfalls nicht so wie der übliche Audiophile. Er glaubt nicht an Kabelklang, jedenfalls nicht an technischen Kabelklang. Also Kabelklang aufgrund von irgendwelchen behaupteten oder tatsächlichen technischen Kabelparametern, seien es nun die normalen Parameter wie Widerstand, Kapazität etc., oder das Voodoo-Zeugs wie Skineffekt, Kristallstrukturen, Mikrofonie und dergleichen. Er macht seinem Pseudonym alle Ehre, denn an den "Techniker" (aka "Holzohr") gewandt sagt er: "Du hast recht, es gibt keinen Kabelklang, die technische Betrachtung der Kabel gibt das nicht her. Kabelklang entsteht nicht im Kabel, sondern im Kopf des Hörers." Zugleich sagt er dem kabelklanghörenden "Goldohr" das scheinbare Gegenteil: "Du hast recht, es gibt Kabelklang, viele Leute hören ihn, er entsteht in Deinem Gehirn, und Du kannst Ihn Dir zunutze machen. Ich kann Dir zeigen wie, auch wenn es da noch viel zu forschen gibt."
Die sich inzwischen sehr in die Länge ziehende Diskussion im HiFi-Forum zeigt, welche Schwierigkeiten viele Teilnehmer mit dieser auf den ersten Blick widersprüchlich wirkenden Position haben. Janus525 verströmt zu 100% den audiophilen Stallgeruch in Gehabe und Argumentation, aber wenn man darauf herein fällt und ihn wie einen solchen behandelt, dann kann er immer wieder darauf verweisen daß er die audiophilen Positionen überhaupt nicht vertrete. Wieder und wieder entgegnet er: "Du täuschst Dich in mir! Sieh her, ich vertrete ja Deine Position: Es gibt keinen Kabelklang! Wir haben gemeinsame Ansichten und auch Ziele, denn wir wollen beide vor den Quacksalbern mit ihren falschen Behauptungen warnen."
Interessanterweise führt dieser Winkelzug mitnichten zu Problemen mit der audiphilen Klientel, die ja eigentlich aufbegehren müßte wenn man die Realität des Kabelklangs abstreitet. Nicht einmal diejenigen, die ganz ausdrücklich mit den diversen technischen Erklärungen der Kabelhersteller sympathisieren, und entsprechende Begründungen vorbringen (Skineffekt, Magnetfelder, Mikrofonie und der ganze Scheiß), wehren sich gegen Janus525. Er kann in diesem Fall das Gleiche schreiben wie die Holzohren, aber er eckt damit bei keinem Audiophilen an. Bemerkenswert, nicht?
Es ist aufschlußreich, sich zu überlegen woran das wohl liegt. Ich habe Erklärungsmöglichkeiten anzubieten, erfahre aber gern auch Eure, wenn Ihr noch weitere findet, wie auch Eurer Meinung zu den meinen.
1. Die Finte.
Der Audiophile glaubt, daß Janus das ohnehin nicht ernst meint, sondern daß es eine Art von Gambit ist, also ein Opfer einer unbedeutenden Figur zugunsten eines Stellungsgewinns in der ganzen Auseinandersetzung. Das "Holzohr" greift eine wertlose Position an, und kann damit zum Narren gehalten werden, während die eigentlich entscheidende Position umso besser verteidigt werden kann.
Mit anderen Worten: Janus525 kann leicht sagen, technischen Kabelklang gebe es nicht, denn diese technische Argumentation ist ihm ohnehin völlig egal. Er hat verstanden daß auch dem Audiophilen diese technische Argumentation im Grunde egal ist, und macht ihm vor wie man das zu einem taktischen Vorteil in der Diskussion machen kann. Die meisten Audiophilen haben zwar Sehnsucht nach einem technisch-wissenschaftlichen Erklärungsmodell für ihre Wahrnehmungen, damit sie aus dieser unbequemen Einbildungsecke heraus kommen, aber man sieht ja täglich wie wenig sie in der Lage sind, bei solchen Erklärungsmodellen zwischen blankem Unfug und stichhaltiger Argumentation zu unterscheiden. Janus macht ihnen vor, daß sie im Grunde gar nichts verlieren, wenn sie solche Argumentationsversuche fahren lassen.
Die entscheidende Position, die letztlich verteidigt wird, ist daß es Kabelklang eben schon gibt, aber nicht da wo er laut "Holzohr" nicht sein kann, nämlich im Kabel, sondern im Kopf des Hörers, wo man meßtechnisch (angeblich) nicht an ihn heran kommt. Dem "Holzohr" sagt man damit: "Kabelklang gibt's, aber Du hast mit Deinen Methoden und Fähigkeiten keinen Zugriff darauf, und suchst dauernd an der falschen Stelle." Das ist eine originär audiophile Position, und der elitäre Appeal dieser Haltung wiegt den Verzicht auf technische Erklärungen für den Audiophilen bei weitem auf. Das ist letztlich die Kalkulation, die Janus' Finte zugrunde liegt.
2. Die Umdeutung des Existenzbegriffs
Das Spannungsfeld, in dem der Audiophile gefangen ist, befindet sich zwischen dem was tatsächlich existiert, und dem was bloß eingebildet ist. Für das Ego des Audiophilen ist entscheidend, daß das was er wahrnimmt nicht eingebildet ist, sondern real. Wenn jemand unterstellt, der Audiophile könne sich Klangwahrnehmungen "nur" eingebildet haben, dann ist er unweigerlich beleidigt. Daß es Einbildung gibt, bzw. geben kann, wird er zwar nicht bestreiten, daß es aber in seinem eigenen Fall Einbildung gewesen sein könnte wird er entschieden zurückweisen. Was sich so echt anfühlt kann nicht eingebildet sein.
Wenn man also nicht nachweisen kann, daß eine Klangwahrnehmung keine Einbildung war, sondern eine tatsächlich existierende Ursache hatte, dann kann man das Problem mit dem drohenden Einbildungsvorwurf immer noch umgehen, wenn man a) darauf hinweisen kann, daß es so einen Nachweis wegen praktischer Hindernisse gar (bzw. noch) nicht geben kann, und b) den Begriff der "Existenz" so weit ausweitet, daß darunter auch solche rein wahrgenommenen Erscheinungen fallen (die also auf keine externe Ursache zurückgehen).
Es sollte unmittelbar einleuchten, welche Attraktion ein Existenzbegriff auf den Audiophilen ausübt, der Dinge umfaßt die man aus Prinzip nicht nachweisen kann. Hat man einmal erreicht daß eine entsprechende Begriffsdefinition in der Diskussion akzeptiert wird, dann steht der Weg offen um alles für existent hinzustellen, was einem vorschwebt. Jegliche unabhängige Nachprüfung hat man ja gleichzeitig für unmöglich erklärt. Daher rührt die große Hartnäckigkeit und Kreativität, die manche Audiophile an den Tag legen, um so einen passend gedehnten Existenzbegriff in die Diskussion zu pressen.
Man könnte darüber fast aus dem Blickfeld verlieren, daß auf diese Weise die Grenzlinie zwischen Realität und Einbildung immer mehr verschwimmt. Worin genau unterscheiden sich Einbildungen von "echten" Wahrnehmungen, wenn es für Letztere keine externen Ursachen braucht? Wie kann man dann noch sagen worum es sich handelt? Gibt es dann überhaupt noch Einbildungen, oder wird das dann alles zu einem Teil dessen was man Realität nennt?
Janus525 macht mit seiner Verlagerung des Kabelklangs in das Gehirn dem Audiophilen genau dieses Angebot: Ein erweiterter Existenzbegriff ohne Gefahr der Nachprüfbarkeit. Es ist eine Art von innerem Reservat, in dem Einbildungen für real existent gelten können, ohne daß das einen Widerspruch produzieren würde.
3. Faszinosum Gehirn
Angesichts von galoppierenden Fortschritten in der Hirnforschung sieht es so aus als könne man sich nicht sicher sein daß diese Nachprüfbarkeit nicht bald kommen wird. Eigentlich müßten sich die Audiophilen daher vor der Hirnforschung fürchten. Sie erwecken aber gerne den gegenteiligen Eindruck. Das ist ebenfalls ein bemerkenswerter Aspekt.
Das Gehirn hat in audiophilen Kreisen schon seit einiger Zeit beträchtlich Konjunktur. Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, daß einige Audiophile ihr Gehirn für eine Besonderheit halten, etwas was man eigentlich genauer untersuchen müßte, wobei dann bestimmt heraus kommen würde daß dort ganz spezielle Fähigkeiten zu finden sind. Überlegene Fähigkeiten.
Dabei kommt einem zugute, daß Gehirnforschung ein schwieriges Thema ist, und man alle möglichen eigenen Wunschvorstellungen hinein projizieren kann. Man braucht da nicht befürchten, daß einem das widerlegt wird. Zugleich kann man bei den einfachsten Plattitüden verharren und so tun als wären sie eine Bestätigung der eigenen Sichtweise.
So kann man sich aus einer Kombination von ein paar ziemlich inhaltsleeren Sprüchen ein praktisch unangreifbares audiophiles Weltbild zimmern:
- Der Klang entsteht im Gehirn.
- Man weiß noch lange nicht genug über das was im Gehirn bei der Musikwahrnehmung passiert.
- Das Gehirn hat erstaunliche Fähigkeiten, die noch nicht ausreichend verstanden sind.
Wobei der wichtigste Aspekt dabei zu sein scheint, daß es die Audio-Meßtechnik ist, die man damit umgehen will. Das reicht, weil die Art von Meßtechnik, mit der man dem Gehirn auf die Pelle rücken könnte, sowieso jenseits jeder praktischen Reichweite der Diskussionsteilnehmer ist.
Mit den tatsächlichen Erkenntnissen der Hirnforschung hat die ganze Diskussion dennoch nichts zu tun. Von den ernst zu nehmenden Wissenschaftlern in diesem Bereich käme vermutlich keiner auf die Idee, seine Erkenntnisse oder potenziellen Erkenntnisse würden für die Existenz mysteriöser Klangeffekte in Kabeln sprechen, die sich der klassischen Meßtechnik entziehen.
4. Gehirn und Psychologie
Es dürfte klar sein, daß Einbildung ebenso eine Gehirnleistung ist wie die Wahrnehmung tatsächlich vorhandener äußerer Reize. Wenn man den entscheidenden Punkt der Betrachtung ins Gehirn selbst verlegt, und damit den äußeren Reiz aus dem Blickfeld nimmt, dann ist klar daß der Unterschied zwischen einer Einbildung und einer Wahrnehmung äußerer Reize verschwimmt. Der Unterschied besteht ja gerade darin, ob es eine äußere Ursache gibt oder nicht.
Das heißt umgekehrt, daß jemand, der herausfinden will, ob etwas eingebildet ist oder nicht, außerhalb des Gehirns suchen muß und nicht im Gehirn. Die Fokussierung der Diskussion auf die Gehirnleistungen und die bei der Wahrnehmung entstehenden Empfindungen verhindert es geradezu, daß man bei der Frage weiterkommt ob etwas eingebildet ist oder nicht.
Es kann natürlich sein daß man wirklich an der Wahrnehmungspsychologie interessiert ist, und dabei z.B. womöglich auch an gegenseitigen Einflüssen verschiedener Sinne aufeinander. Das kann ein spannendes Wissensgebiet sein, bloß hat das mit der ursprünglichen Frage nichts mehr zu tun, z.B. der nach der Existenz von Kabelklang.
Verlockend ist dabei, daß man von den Wahrnehmungen, Eindrücken und generell den Leistungen des Gehirns in einer pseudo-objektiven, vom eigenen Ego scheinbar entkoppelten Sprache reden kann, und sich damit vormachen, das hätte den gleichen faktischen Gehalt wie äußere, meßbare Erscheinungen. Eine reine Einbildung, die vielleicht in Wirklichkeit weit mehr von eigenen Vorlieben, Wunschvorstellungen, Ängsten und Projektionen bestimmt ist als von äußeren Reizen, kann man dann immer noch als eine Gehirnleistung darstellen, die eine vom eigenen Selbst quasi unabhängige objektive Realität hat.
Natürlich sind psychologische Prozess auch Leistungen des Gehirns, und als solche mit entsprechendem Aufwand technisch untersuchbar, aber dadurch wird nicht die Verbindung zur Psychologie des Menschen aufgehoben. Eine Einbildung ist immer noch eine Einbildung, selbst dann wenn man die mit ihr verbundenen Hirnaktivitäten "objektiv" messen kann. Die objektive Messbarkeit der Hirnaktivität einer Wahrnehmung macht noch lange nicht das Wahrgenommene zur objektiven Realität. Im Gegenteil: Man kann mit solchen technischen Mitteln auch Wahrnehmungen aus dem Nichts erzeugen. Der Unterschied zur Wahrnehmungsbeeinflussung durch Drogen ist da nicht gar so groß.
5. Glück und Lebensfreude
Es ist kein Zufall, daß ich auf das Thema Glück und Lebensfreude gerade dann komme wenn ich das Wort "Drogen" erwähnt habe, was aber nicht auf die ganz direkte Art verstanden werden sollte. Es ist auch kein Zufall, daß diese Begriffe beim Thema Kabelklang bemüht werden, obwohl es auf den ersten Blick nichts damit zu tun hat.
Daß sich ein Audiophiler für glücklicher oder zumindest glücksfähiger hält als der gern als verbissen und engstirnig hingestellte Techniker ist ja nichts Neues, und kann mit dem altbekannten audiophilen Narzissmus begründet werden. Wenn jedoch ein Janus525 ins gleiche Horn bläst steckt ein bißchen mehr dahinter. Er vertritt die Position, man könne sich den gar nicht wirklich vorhandenen Kabelklang, also die Einbildung von Kabelklang, oder nochmal anders ausgedrückt den "Gehirnklang" (das böse Wort "Einbildung" muß ja unbedingt vermieden werden), auch planmäßig zu Nutze machen. Im Grunde ist das wie ein Tuning, aber nicht ein Tuning der Anlage, sondern ein Tuning der Wahrnehmung der Anlage. Man tunt sich gewissermaßen selbst.
An der Stelle wird auch die Verbindung zur Droge klarer. Drogen werden gelegentlich als Mittel zur "Bewußtseinserweiterung" verwendet, was ja ebenfalls eine Art von "Selbst-Tuning" ist. Egal wie man nun den "Trip" erzeugt, das darunter liegende Motiv ist im Grunde immer das Gleiche. Wenn man mit der Realität ein Problem hat, und der Versuch, die Realität zu ändern, aussichtslos oder zu anstrengend wäre, dann ändert man einfacher seine Wahrnehmung, und erreicht Glück und Zufriedenheit eben auf diesem Weg.
Ich bin da noch nicht einmal prinzipiell dagegen. Ich bin kein puritanischer Genußverweigerer und Moralapostel, der am liebsten jede Droge und jeden Selbstbetrug von der Erdoberfläche verbannen will. Es würde auch gar nicht funktionieren wenn ich es wollte, und ich würde mir dabei selbst Gewalt antun. Ich halte es aber gerade deshalb für wichtig, sich über den Mechanismus klar zu werden, der hier abläuft, und das Risiko das man dabei eingeht. Von so gut wie jeder wahrnehmungsverändernden Droge (und "audiophile" Kabel zähle ich im Moment mal dazu, nicht aus eigener Überzeugung, sondern nur mal um damit Janus' Argumentation zu folgen) haben Andere mehr Nutzen als der Konsument. Über kurz oder lang hat der Konsument üblicherweise sogar das Gegenteil, nämlich den Schaden. Insofern wird das Selbst-Tuning schnell mal zum Selbst-Betrug, der Übergang ist jedenfalls fließend.
Dabei kann man in dieser Sache sogar stark bezweifeln, ob diese "Droge", also ein Kabel, überhaupt in der versprochenen Weise wirkt. Ich behaupte, die Wirkung ist ziemlich flüchtig und unzuverlässig, wenn überhaupt vorhanden. Janus wird zwar nicht müde so zu tun als wäre eine planmäßige, zielgerichtete Erzeugung wunschgemäßer Klangillusion bei richtiger Vorgehensweise möglich, und zwar ganz ausdrücklich auch mit Hilfe von Kabeln, aber es gibt keinerlei Nachweis daß da etwas dran ist. Man muß es ihm einfach glauben, und ich glaube es ganz bestimmt nicht.
Klarer wird die Sache schon wenn man sich überlegt, wer denn wohl von der Droge profitiert, wenn es schon nicht der Konsument ist, und wie er davon profitiert. Das muß nicht der offensichtlichste Weg sein. Janus braucht nicht selbst als Kabelhändler aufzutreten, um zu den Profiteuren zu gehören. Auch das scheint wieder einige seiner Kritiker vor Schwierigkeiten in der Diskussion zu stellen. Man kauft ihm nicht ohne Weiteres ab daß er nicht am Verkauf von Kabeln interessiert ist, und er kann die daraus immer wieder entstehenden "Mißverständnisse" zu seinem Vorteil nutzen.
Es gibt aber eine ganze Reihe etwas indirekterer Methoden, um aus dem Selbst-Betrug zu profitieren. Ein Beispiel sind schon lange die HiFi-Zeitschriften. Sie verkaufen keine Kabel, machen sich aber zum Marketing-Instrument derjenigen, die welche verkaufen. Wenn nun auch in Internet-Foren Hersteller unterwegs sind, um dort auf versteckte oder offene Art für ihre Produkte zu werben, warum sollte es nicht auch dort "Lobbyisten" geben, die das stellvertretend betreiben? Nicht bei jeder Marketingaktivität geht es unmittelbar um den Verkauf eines Produktes. Immer mehr geht es schon im Vorfeld darum, den Markt für eine Produktkategorie vorzubereiten, ihn aufnahmefähig zu machen. Ein Klima zu schaffen in dem das Produkt auch ein gutes Image hat, mit den richtigen Assoziationen verknüpft wird, und das entsprechende Bedürfnis erweckt.
Janus525 ist ein Verkaufspsychologe, ihm ist mit Sicherheit diese indirektere Linie des Marketing nicht fremd. Im Grunde verkörpert er in der Diskussion diese Prinzipien selbst, denn man erkennt leicht wie sehr ihm bei allen Beiträgen das Image, und die Pose, wichtig ist. Wichtiger als das konkrete Argument auf alle Fälle, denn man stellt mit der Zeit fest, wie sich seine Argumente mit der Situation wesentlich leichter zu ändern scheinen als seine Selbstdarstellung. Die eigentliche "Message" ist dabei eine soziale, viel mehr als eine inhaltliche. Es geht darum sich als Rollenmodell ins Spiel zu bringen. Dort liegt der eigentliche Kern seiner Selbstdarstellung, und der verändert sich auch nicht wesentlich über die Zeit. Er sagt damit: "Schau her, ich bin der entspanntere, geistig flexiblere, wahrnehmungsfähigere, genußfähigere, erfolgreichere und glücklichere Mensch, weil ich mich dem 'Erlebnis Kabel' nicht verschließe. Du kannst das auch sein, wenn Du mir folgst".
Der Unterschied zur Zigarettenwerbung ist da nicht mehr groß, wo die Message sein könnte: "Schau her, ich bin der geselligere, individuellere, kreativere, genußfähigere, coolere, erfolgreichere und zufriedenere Mensch, weil ich mich dem Rauchen nicht verschließe. Du kannst das auch sein, wenn Du es so machst wie ich." Zigarettenwerbung ist zu einem großen Teil nicht Produkt- oder Markenwerbung. Es ist Werbung für das Rauchen als solches, oder genauer gesagt der Versuch, die Impulskontrolle psychologisch zu unterlaufen.
Janus525 präsentiert sich als eine Art von Kundenberater, der Endkunden dabei hilft, aus ihrer Anlageninstallation das (subjektive) Optimum herauszuholen, und zwar ohne Bezug zu konkreten Komponentenherstellern. Das mag stimmen, wirkt aber auf mich nicht besonders überzeugend. Wer so eindeutig auf die indirekte Marketing-Schiene setzt, empfiehlt sich eher als eine Art von Lobbyist, ein "Spin-Doctor", der im Auftrag und auf Rechnung für Hersteller arbeitet, die von solcher "Marktpflege" abhängen, sie aber selbst nicht so erfolgreich betreiben könnten. Andere Branchen kennen das schon länger, vielleicht ist es an der Zeit, denkt wohl Janus525, daß diese Methode auch im HiFi-Bereich Fuß faßt.
Wie gut seine Denkweise dazu paßt, kann man an einem kürzlichen Beitrag sehen. Ich denke es wird klar, daß die scheinbaren Widersprüche, die zwei Gesichter des Janus, eigentlich keine sind. Es paßt schon alles zusammen, ob man das nun gut findet oder nicht.
Was meint Ihr dazu?
Freitag, 9. März 2012
Über Abtastraten und zeitliche Auflösung
Zu den hartnäckigsten Mißverständnissen bei Digital-Audio gehört der Mythos, daß die "zeitliche Auflösung" durch die Abtastfrequenz begrenzt ist. Daß also z.B. die CD mit ihren 44,1 kHz nur bis zu etwa 22 µs auflösen kann.
In der einfachsten Form (und viele Audiophile kommen nur so weit) geht das Argument so, daß das menschliche Ohr angeblich 10µs (oder gar noch weniger) noch auflösen könne, was schon seit langem bekannt sei, und daß deswegen die Abtastrate entsprechend hoch sein müsse, als z.B. 96 kHz oder gar 192 kHz.
Ich hatte darüber 2008 im Hifi-Forum schon mal eine Auseinandersetzung mit Ralf Koschnicke von Acousence, in der er - ausgehend von seinem Artikel im Studio Magazin - die Trommel rührte für höhere Abtastraten, und damit letztlich für die Produkte seiner Firma. Ich hatte damals wenigstens einen Teilerfolg, da er einen besonders klar sichtbaren Denkfehler zugab, was ihn aber in der Folge nicht davon abgehalten hat, mit entsprechend nebulöserer Argumentation weiterhin dasselbe zu behaupten. Nicht daß mich das wirklich überrascht hätte.
Den Anlaß zu diesem Blog-Artikel gab aber letztlich, daß ich über Jakob auf die Artikel eines Dr. Kunchur aufmerksam wurde, der vor ein paar Jahren zwei wissenschaftliche Fachartikel über von ihm durchgeführte Untersuchungen veröffentlichte, in denen er aus einem von ihm gefundenen Auflösungsvermögen des menschlichen Ohres von etwa 5 µs ebenfalls auf die Forderung nach höheren Abtastraten als bei der CD kam. Ich weiß nicht wie mir diese Artikel bisher entgehen konnten (einen Artikel hatte ich auf der Festplatte, aber anscheinend vergessen), denn wie ich inzwischen gefunden habe, haben sie insbesondere im englischsprachigen Hifi-Forums-Zirkus beträchtlichen Wirbel gemacht. Besonders im Stereophile-Forum ging's voll zur Sache, als ein paar Leute, allen voran James Johnston, es doch tatsächlich gewagt hatten, des Doktors Untersuchungen zu kritisieren, und die Fehlschlüsse ans Licht zu zerren. Das macht die Sache nicht bloß auf der trocken-technischen Ebene interessant, sondern zeigt auch eindrucksvoll, wie sich die feingeistige Audiophilen-Elite gegen das grobe Techniker-Gesocks zur Wehr setzt. Oder war's doch andersrum?
Aber zunächst soll es um den Inhalt dieser Untersuchungen gehen. Im ersten Artikel von 2007 benutzt Kunchur eine Versuchsanordnung, bestehend aus zwei Hochton-Lautsprechern, die übereinander gestellt werden, und mit dem gleichen Signal angesteuert werden. Der obere Lautsprecher kann gegenüber dem unteren einige Millimeter vor- und zurück geschoben werden, so daß sein Signal geringfügig früher oder später am Ohr des genau horizontal 4,3m entfernten Hörers ankommt. Eine Verschiebung von einem Millimeter entspricht wegen der Schallgeschwindigkeit einer Laufzeit von etwa 3 µs. Die Verschiebung des Lautsprechers geschieht automatisch im Verlauf des Blindtests, und zwar ohne Unterbrechung des Schalls, um eine möglichst nahtlose Vergleichsmöglichkeit zu schaffen. Als Testsignal wird ein Rechtecksignal von 7 kHz verwendet, das über breitbandige analoge Elektronik erzeugt und verstärkt wird. Im Signalweg befindet sich also keine Digitaltechnik. Mit dieser Anordnung wurden mit 5 Personen Blindtestreihen durchgeführt, bei denen für 6 verschiedene Verschiebungen des oberen Lautsprechers je 10 Versuche gemacht wurden, um die kleinste Verschiebung zu finden, die mit statistsicher Signifikanz noch unterschieden werden kann. Im Ergebnis wurde die Verschiebung bis herunter zu 2,3 mm sicher detektiert, eine Verschiebung von 2,0 mm wurde immerhin noch von einem Subjekt detektiert. Kunchur folgert daraus eine Hörbarkeitsschwelle für "Zeitfehler" von ca. 6 µs.
Im zweiten Artikel von 2008 benutzt Kunchur eine andere Versuchsanordnung, und ersetzt die Lautsprecher durch ein einfaches RC-Glied als Tiefpaßfilter, das er im Rahmen der Blindtests ein- und ausschalten kann. Abgehört wird diesmal über Kopfhörer. Wieder benutzt er breitbandige Analogelektronik, und arbeitet mit dem 7 kHz Rechtecksignal. Durch Variation des Widerstandswertes im RC-Filter kann die Zeitkonstante des Filters gewählt werden, und Kunchur versucht wiederum durch Blindtestreihen herauszufinden, welches die kleinste Zeitkonstante ist, die mit statistischer Sicherheit noch unterscheidbar ist. Das Ergebnis zeigt daß 4,7 µs in etwa die Grenze darstellt. Weitere Blindtests sollten sicherstellen, daß es nicht Artefakte aufgrund des Umschaltens waren, die zur Hörbarkeit führten.
Beide Artikel sind in wissenschaftlichen Fachzeitschriften erschienen, in denen die Artikel vor der Veröffentlichung begutachtet werden ("peer-review"), um die Einhaltung wissenschaftlicher Standards zu gewährleisten. Trotzdem gibt's an beiden Arbeiten einiges auszusetzen, wie ich noch zeigen werde. Kunchur hat noch einen Vortrag auf einem Treffen der "Acoustical Society of America" gehalten, und dafür einen Konferenzbeitrag geschrieben (dort dürfte es kein "peer-review" gegeben haben). Die Diskussionen in amerikanischen Foren haben außerdem zu einer Antwort in Form eines FAQ-Papiers geführt. Einige Zeit danach schließlich trat Kunchur noch auf der AES Convention in London auf, wo er im Rahmen eines Workshops eine kurze Einführung gab.
Welche Fehler sehe ich?
Zum ersten Problem:
Beide Versuchsanordnungen verursachen nicht nur eine Zeitverschiebung, sondern auch eine Amplitudenänderung. Es ist also nötig, zu klären welcher der beiden Effekte tatsächlich gehört wurde. Bei beiden Versuchen ergibt sich ein Amplitudenunterschied an der Detektionsgrenze der Blindtests, der bei ca. 0,25 dB liegt. Das ist besser als der aus älteren Untersuchungen für 7 kHz bekannte Wert von 0,7 dB, den Kunchur anführt. Für ihn ist das der Anlaß, den Amplitudenunterschied als Ursache auszuschließen, aber das ist eine fadenscheinige Begründung, denn der Wert der Zeitauflösung, den er als detektierbar findet, ist ja auch besser als die bisher bekannten Schwellen. Warum soll es also ausgerechnet die Zeitdifferenz sein, und nicht die Amplitudendifferenz, wenn doch bei beiden das gleiche Argument angewendet werden könnte? Kunchur's Wahl ist willkürlich. Er hätte zusätzliche Versuche machen sollen, die die Entscheidung zwischen den beiden Alternativen erlauben. Im Falle des RC-Glieds wäre das sogar sehr einfach gewesen.
Zum zweiten Problem:
Das ist eigentlich die kniffligere Sache und für viele Leute geht es gegen ihre Intuition. Die Probleme fangen schon damit an was mit dem Begriff "Auflösung" genau gemeint ist.
Manchmal wird damit die Frage verbunden, wie dicht nacheinander zwei scharfe Impulse kommen dürfen, damit man sie noch als zwei Impulse voneinander unterscheiden kann, anstatt sie als einen einzelnen verschmolzenen Impuls wahrzunehmen. Das ist für's Gehör aber eine ziemlich irrelevante Betrachtungsweise in unserem Fall, denn bevor das Gehör Impulse voneinander getrennt wahrnimmt, müssen sie sehr viel weiter voneinander entfernt sein, als 22 µs. Deshalb zeigt man da auch eher Oszilloskopbilder oder Bilder vom Computerbildschirm aus der Audio-Software. Da sieht man dann ab wann zwei Impulse optisch miteinander verschmelzen, wenn man sie immer näher zusammenrückt. Man sollte sich aber hüten, aus der optischen Erscheinung auf die akustische zu schließen.
Kunchur tut das auch nicht, aber wenn es nicht darum geht zwei Impulse voneinander zu trennen, sondern nur darum daß der Zeitabstand in das Gesamtergebnis eingeht, auch wenn er kleiner als 22 µs ist, dann ist die Abtastung der Digitaltechnik kein Hindernis. Der Abtastvorgang verursacht keine weiteren Einschränkungen als es die Bandbreitenbegrenzung ohnehin tut, die man vor der Wandlung machen muß. Die zeitliche "Verschmierung" von der er redet, ist eine direkte Folge der Bandbreitenbegrenzung, und damit kein Digital-Effekt. Die Effekte einer Tiefpaßfilterung wie mit dem RC-Glied, oder die Überlagerung zweier Wellenfronten wie im Versuch mit den zwei Lautsprechern, sind bandbreiten-neutral. Man kann mit solchen Versuchen daher nicht zeigen, daß man eine bestimmte Mindest-Bandbreite braucht, und folglich auch nicht daß man eine bestimmte Mindest-Abtastrate braucht.
Beispiel Lautsprecher-Versuch von Kunchur. Die beiden Lautsprecher führen zu einer Überlagerung der Wellen vor den beiden Lautsprechern, und der Effekt ist eine Richtwirkung in der Vertikalen. Es ist das Prinzip hinter den sog. "Line-Arrays", einem Stapel senkrecht übereinander angeordneter Lautsprecher. Wenn man einen Lautsprecher etwas vor oder zurück verschiebt, dann hat das Auswirkungen auf die Richtwirkung. Die Richtung wandert nach oben oder unten, das heißt daß in der horizontalen Hörposition der Pegel kleiner wird. Die Richtwirkung ist frequenzabhängig, genauer gesagt abhängig vom Verhältnis der Wellenlänge des Audiosignals zum Abstand der Lautsprecher.
Wegen der Verwendung von Rechtecksignalen könnte man argumentieren, daß die Verschiebung des Lautsprechers zur Folge hat, daß nun anstelle einer Wellenfront zwei kurz hintereinander folgende Wellenfronten am Ohr ankommen, und daß es das ist was das Ohr unterscheiden kann. Das wurde aber weder nachgeprüft, noch ist es auf eine Distanz von über 4 Meter zu erwarten.
Das Sonstige:
Kunchur hat nicht wirklich schlüssig erklärt wieso er Rechtecksignale benötigt. Er scheint Wert auf eine schnelle Anstiegszeit zu legen, aber man erfährt nicht warum das wichtig sein soll, bzw. welche Anstiegszeit man braucht um einen negativen Einfluß auf den Ausgang des Versuchs zu vermeiden. Man hat den Eindruck, es läuft nach dem Motto: Je schneller je besser. Das muß noch kein Problem sein, aber die Erklärungen, die man von ihm im Konferenzbeitrag zum Thema analoge vs. digitale Rechteckgeneratoren liest, läßt sein Verständnis von digitaler Signalverarbeitung in einem ziemlich schlechten Licht dastehen, und zeigt daß er einigen der Irrtümer und Denkmuster unterliegt, die man auch bei Audiophilen findet.
So behauptet er beispielsweise, man könne nur unter großen Schwierigkeiten eine exakt periodische Signalform auf digitalem Weg erzeugen und Jitter sei dabei ein sehr ernstes Problem. Um das plausibler zu machen, führt er als Beispiel den Rechteck-Generator in SoundForge an, einem Audio-Editor für den PC, der in dieser Hinsicht mit Audacity vergleichbar ist, wie ihn vielleicht mehr Leute kennen werden. Der da vorgestellte Generator ist so naïv implementiert, daß er unter ernsten Aliasing-Effekten leidet. Das ist kein Beispiel mit dem man die Digitaltechnik im Ganzen diskreditieren könnte. Mit SoundForge könnte man sowieso kein Rechtecksignal erzeugen, das seinen Vorstellungen von Flankensteilheit auch nur annähernd entsprechen würde, denn dafür ist die Bandbreite viel zu niedrig. Das heißt aber nicht daß es so etwas nicht geben würde. Kommerzielle Arbiträrgeneratoren können so etwas ohne große Probleme. Eine Abtastrate von 40 MHz wäre dem von ihm verwendeten Analoggenerator ebenbürtig bei der Flankensteilheit, und würde beim Jitter erheblich besser abschneiden, als Kunchur's Analoggenerator. Der ist nämlich beileibe nicht besonders jitterarm, wenn man seine eigenen Angaben zugrunde legt. Das sind solche Analoggeneratoren eher selten. Beispiel für einen geeigneten Digitalgenerator: Der Agilent 33120A, ein sehr verbreitetes Gerät.
Mein Fazit:
Die Artikel von Kunchur geben das nicht her, was er selbst als Schlußfolgerungen zieht, insbesondere nicht die Notwendigkeit einer höheren Abtastrate als die bei der CD verwendete. Er unterliegt ein paar ziemlich fundamentalen Mißverständnissen im Zusammenhang mit digitaler Signalverarbeitung. Ich wundere mich wie er das an den anonymen Reviewern bei den Fachzeitschriften vorbei gekriegt hat, ein Ruhmesblatt für sie ist das nicht gerade.
Die Forums-Rezeption:
Das Highlight ist definitiv das Stereoplay-Forum*. Da produzieren sich ein paar ausgesprochene Arschlöcher, unter ihnen Steven Sammet von SAS Audio Labs, ein Teilnehmer unter dem Pseudonym "michiganjfrog", von dem vermutet wird es handle sich um Stereophile's Mitarbeiter Michael Fremer, oder auch "ncdrawl", der sich selber offenbar eher als neutraler Moderator versteht, aber auf einem Auge eindeutig blind ist.
Die Debatte hat aber schnell metastasiert, und fand in unterschiedlicher Giftigkeit in mindestens mal folgenden Foren statt: Gearslutz, Hydrogenaudio, Audio Asylum Propellerhead Plaza, und ich weiß nicht wo sonst.
Wer des Englischen mächtig ist, und sich das geben will, der wird sicher seine ohnehin bestehenden Vorurteile über Diskussionen mit Audiophilen in allen Punkten bestätigen können. Ich war ganz begeistert.
Ihr auch?
P.S.: Monty hat eine sehr ausführliche Seite über 24/192 geschrieben. Paßt gut hierher, braucht aber Geduld und gute Englischkenntnisse.
* Nachträgliche Korrektur: Es muß natürlich heißen "das Stereophile-Forum". Ich schätze das war ein "Freud'scher Verschreiber". :-)
In der einfachsten Form (und viele Audiophile kommen nur so weit) geht das Argument so, daß das menschliche Ohr angeblich 10µs (oder gar noch weniger) noch auflösen könne, was schon seit langem bekannt sei, und daß deswegen die Abtastrate entsprechend hoch sein müsse, als z.B. 96 kHz oder gar 192 kHz.
Ich hatte darüber 2008 im Hifi-Forum schon mal eine Auseinandersetzung mit Ralf Koschnicke von Acousence, in der er - ausgehend von seinem Artikel im Studio Magazin - die Trommel rührte für höhere Abtastraten, und damit letztlich für die Produkte seiner Firma. Ich hatte damals wenigstens einen Teilerfolg, da er einen besonders klar sichtbaren Denkfehler zugab, was ihn aber in der Folge nicht davon abgehalten hat, mit entsprechend nebulöserer Argumentation weiterhin dasselbe zu behaupten. Nicht daß mich das wirklich überrascht hätte.
Den Anlaß zu diesem Blog-Artikel gab aber letztlich, daß ich über Jakob auf die Artikel eines Dr. Kunchur aufmerksam wurde, der vor ein paar Jahren zwei wissenschaftliche Fachartikel über von ihm durchgeführte Untersuchungen veröffentlichte, in denen er aus einem von ihm gefundenen Auflösungsvermögen des menschlichen Ohres von etwa 5 µs ebenfalls auf die Forderung nach höheren Abtastraten als bei der CD kam. Ich weiß nicht wie mir diese Artikel bisher entgehen konnten (einen Artikel hatte ich auf der Festplatte, aber anscheinend vergessen), denn wie ich inzwischen gefunden habe, haben sie insbesondere im englischsprachigen Hifi-Forums-Zirkus beträchtlichen Wirbel gemacht. Besonders im Stereophile-Forum ging's voll zur Sache, als ein paar Leute, allen voran James Johnston, es doch tatsächlich gewagt hatten, des Doktors Untersuchungen zu kritisieren, und die Fehlschlüsse ans Licht zu zerren. Das macht die Sache nicht bloß auf der trocken-technischen Ebene interessant, sondern zeigt auch eindrucksvoll, wie sich die feingeistige Audiophilen-Elite gegen das grobe Techniker-Gesocks zur Wehr setzt. Oder war's doch andersrum?
Aber zunächst soll es um den Inhalt dieser Untersuchungen gehen. Im ersten Artikel von 2007 benutzt Kunchur eine Versuchsanordnung, bestehend aus zwei Hochton-Lautsprechern, die übereinander gestellt werden, und mit dem gleichen Signal angesteuert werden. Der obere Lautsprecher kann gegenüber dem unteren einige Millimeter vor- und zurück geschoben werden, so daß sein Signal geringfügig früher oder später am Ohr des genau horizontal 4,3m entfernten Hörers ankommt. Eine Verschiebung von einem Millimeter entspricht wegen der Schallgeschwindigkeit einer Laufzeit von etwa 3 µs. Die Verschiebung des Lautsprechers geschieht automatisch im Verlauf des Blindtests, und zwar ohne Unterbrechung des Schalls, um eine möglichst nahtlose Vergleichsmöglichkeit zu schaffen. Als Testsignal wird ein Rechtecksignal von 7 kHz verwendet, das über breitbandige analoge Elektronik erzeugt und verstärkt wird. Im Signalweg befindet sich also keine Digitaltechnik. Mit dieser Anordnung wurden mit 5 Personen Blindtestreihen durchgeführt, bei denen für 6 verschiedene Verschiebungen des oberen Lautsprechers je 10 Versuche gemacht wurden, um die kleinste Verschiebung zu finden, die mit statistsicher Signifikanz noch unterschieden werden kann. Im Ergebnis wurde die Verschiebung bis herunter zu 2,3 mm sicher detektiert, eine Verschiebung von 2,0 mm wurde immerhin noch von einem Subjekt detektiert. Kunchur folgert daraus eine Hörbarkeitsschwelle für "Zeitfehler" von ca. 6 µs.
Im zweiten Artikel von 2008 benutzt Kunchur eine andere Versuchsanordnung, und ersetzt die Lautsprecher durch ein einfaches RC-Glied als Tiefpaßfilter, das er im Rahmen der Blindtests ein- und ausschalten kann. Abgehört wird diesmal über Kopfhörer. Wieder benutzt er breitbandige Analogelektronik, und arbeitet mit dem 7 kHz Rechtecksignal. Durch Variation des Widerstandswertes im RC-Filter kann die Zeitkonstante des Filters gewählt werden, und Kunchur versucht wiederum durch Blindtestreihen herauszufinden, welches die kleinste Zeitkonstante ist, die mit statistischer Sicherheit noch unterscheidbar ist. Das Ergebnis zeigt daß 4,7 µs in etwa die Grenze darstellt. Weitere Blindtests sollten sicherstellen, daß es nicht Artefakte aufgrund des Umschaltens waren, die zur Hörbarkeit führten.
Beide Artikel sind in wissenschaftlichen Fachzeitschriften erschienen, in denen die Artikel vor der Veröffentlichung begutachtet werden ("peer-review"), um die Einhaltung wissenschaftlicher Standards zu gewährleisten. Trotzdem gibt's an beiden Arbeiten einiges auszusetzen, wie ich noch zeigen werde. Kunchur hat noch einen Vortrag auf einem Treffen der "Acoustical Society of America" gehalten, und dafür einen Konferenzbeitrag geschrieben (dort dürfte es kein "peer-review" gegeben haben). Die Diskussionen in amerikanischen Foren haben außerdem zu einer Antwort in Form eines FAQ-Papiers geführt. Einige Zeit danach schließlich trat Kunchur noch auf der AES Convention in London auf, wo er im Rahmen eines Workshops eine kurze Einführung gab.
Welche Fehler sehe ich?
- Es ist nicht klar, ob die in den Blindtests gehörten Unterschiede überhaupt auf das Konto der Zeitverschiebung gehen, oder ob sie nicht stattdessen z.B. aufgrund von Amplitudenunterschieden zustande kommen.
- Die Annahme, daß die Zeitabstände der Abtastungen in einem digitalen Audiosystem eine Grenze für die Auflösung von Zeit- oder Phasenverschiebungen darstellen, ist falsch. Das Mißverständnis mag weit verbreitet sein, und auch den einen oder anderen Fachmann betreffen, aber das macht es nicht richtiger.
Zum ersten Problem:
Beide Versuchsanordnungen verursachen nicht nur eine Zeitverschiebung, sondern auch eine Amplitudenänderung. Es ist also nötig, zu klären welcher der beiden Effekte tatsächlich gehört wurde. Bei beiden Versuchen ergibt sich ein Amplitudenunterschied an der Detektionsgrenze der Blindtests, der bei ca. 0,25 dB liegt. Das ist besser als der aus älteren Untersuchungen für 7 kHz bekannte Wert von 0,7 dB, den Kunchur anführt. Für ihn ist das der Anlaß, den Amplitudenunterschied als Ursache auszuschließen, aber das ist eine fadenscheinige Begründung, denn der Wert der Zeitauflösung, den er als detektierbar findet, ist ja auch besser als die bisher bekannten Schwellen. Warum soll es also ausgerechnet die Zeitdifferenz sein, und nicht die Amplitudendifferenz, wenn doch bei beiden das gleiche Argument angewendet werden könnte? Kunchur's Wahl ist willkürlich. Er hätte zusätzliche Versuche machen sollen, die die Entscheidung zwischen den beiden Alternativen erlauben. Im Falle des RC-Glieds wäre das sogar sehr einfach gewesen.
Zum zweiten Problem:
Das ist eigentlich die kniffligere Sache und für viele Leute geht es gegen ihre Intuition. Die Probleme fangen schon damit an was mit dem Begriff "Auflösung" genau gemeint ist.
Manchmal wird damit die Frage verbunden, wie dicht nacheinander zwei scharfe Impulse kommen dürfen, damit man sie noch als zwei Impulse voneinander unterscheiden kann, anstatt sie als einen einzelnen verschmolzenen Impuls wahrzunehmen. Das ist für's Gehör aber eine ziemlich irrelevante Betrachtungsweise in unserem Fall, denn bevor das Gehör Impulse voneinander getrennt wahrnimmt, müssen sie sehr viel weiter voneinander entfernt sein, als 22 µs. Deshalb zeigt man da auch eher Oszilloskopbilder oder Bilder vom Computerbildschirm aus der Audio-Software. Da sieht man dann ab wann zwei Impulse optisch miteinander verschmelzen, wenn man sie immer näher zusammenrückt. Man sollte sich aber hüten, aus der optischen Erscheinung auf die akustische zu schließen.
Kunchur tut das auch nicht, aber wenn es nicht darum geht zwei Impulse voneinander zu trennen, sondern nur darum daß der Zeitabstand in das Gesamtergebnis eingeht, auch wenn er kleiner als 22 µs ist, dann ist die Abtastung der Digitaltechnik kein Hindernis. Der Abtastvorgang verursacht keine weiteren Einschränkungen als es die Bandbreitenbegrenzung ohnehin tut, die man vor der Wandlung machen muß. Die zeitliche "Verschmierung" von der er redet, ist eine direkte Folge der Bandbreitenbegrenzung, und damit kein Digital-Effekt. Die Effekte einer Tiefpaßfilterung wie mit dem RC-Glied, oder die Überlagerung zweier Wellenfronten wie im Versuch mit den zwei Lautsprechern, sind bandbreiten-neutral. Man kann mit solchen Versuchen daher nicht zeigen, daß man eine bestimmte Mindest-Bandbreite braucht, und folglich auch nicht daß man eine bestimmte Mindest-Abtastrate braucht.
Beispiel Lautsprecher-Versuch von Kunchur. Die beiden Lautsprecher führen zu einer Überlagerung der Wellen vor den beiden Lautsprechern, und der Effekt ist eine Richtwirkung in der Vertikalen. Es ist das Prinzip hinter den sog. "Line-Arrays", einem Stapel senkrecht übereinander angeordneter Lautsprecher. Wenn man einen Lautsprecher etwas vor oder zurück verschiebt, dann hat das Auswirkungen auf die Richtwirkung. Die Richtung wandert nach oben oder unten, das heißt daß in der horizontalen Hörposition der Pegel kleiner wird. Die Richtwirkung ist frequenzabhängig, genauer gesagt abhängig vom Verhältnis der Wellenlänge des Audiosignals zum Abstand der Lautsprecher.
Wegen der Verwendung von Rechtecksignalen könnte man argumentieren, daß die Verschiebung des Lautsprechers zur Folge hat, daß nun anstelle einer Wellenfront zwei kurz hintereinander folgende Wellenfronten am Ohr ankommen, und daß es das ist was das Ohr unterscheiden kann. Das wurde aber weder nachgeprüft, noch ist es auf eine Distanz von über 4 Meter zu erwarten.
Das Sonstige:
Kunchur hat nicht wirklich schlüssig erklärt wieso er Rechtecksignale benötigt. Er scheint Wert auf eine schnelle Anstiegszeit zu legen, aber man erfährt nicht warum das wichtig sein soll, bzw. welche Anstiegszeit man braucht um einen negativen Einfluß auf den Ausgang des Versuchs zu vermeiden. Man hat den Eindruck, es läuft nach dem Motto: Je schneller je besser. Das muß noch kein Problem sein, aber die Erklärungen, die man von ihm im Konferenzbeitrag zum Thema analoge vs. digitale Rechteckgeneratoren liest, läßt sein Verständnis von digitaler Signalverarbeitung in einem ziemlich schlechten Licht dastehen, und zeigt daß er einigen der Irrtümer und Denkmuster unterliegt, die man auch bei Audiophilen findet.
So behauptet er beispielsweise, man könne nur unter großen Schwierigkeiten eine exakt periodische Signalform auf digitalem Weg erzeugen und Jitter sei dabei ein sehr ernstes Problem. Um das plausibler zu machen, führt er als Beispiel den Rechteck-Generator in SoundForge an, einem Audio-Editor für den PC, der in dieser Hinsicht mit Audacity vergleichbar ist, wie ihn vielleicht mehr Leute kennen werden. Der da vorgestellte Generator ist so naïv implementiert, daß er unter ernsten Aliasing-Effekten leidet. Das ist kein Beispiel mit dem man die Digitaltechnik im Ganzen diskreditieren könnte. Mit SoundForge könnte man sowieso kein Rechtecksignal erzeugen, das seinen Vorstellungen von Flankensteilheit auch nur annähernd entsprechen würde, denn dafür ist die Bandbreite viel zu niedrig. Das heißt aber nicht daß es so etwas nicht geben würde. Kommerzielle Arbiträrgeneratoren können so etwas ohne große Probleme. Eine Abtastrate von 40 MHz wäre dem von ihm verwendeten Analoggenerator ebenbürtig bei der Flankensteilheit, und würde beim Jitter erheblich besser abschneiden, als Kunchur's Analoggenerator. Der ist nämlich beileibe nicht besonders jitterarm, wenn man seine eigenen Angaben zugrunde legt. Das sind solche Analoggeneratoren eher selten. Beispiel für einen geeigneten Digitalgenerator: Der Agilent 33120A, ein sehr verbreitetes Gerät.
Mein Fazit:
Die Artikel von Kunchur geben das nicht her, was er selbst als Schlußfolgerungen zieht, insbesondere nicht die Notwendigkeit einer höheren Abtastrate als die bei der CD verwendete. Er unterliegt ein paar ziemlich fundamentalen Mißverständnissen im Zusammenhang mit digitaler Signalverarbeitung. Ich wundere mich wie er das an den anonymen Reviewern bei den Fachzeitschriften vorbei gekriegt hat, ein Ruhmesblatt für sie ist das nicht gerade.
Die Forums-Rezeption:
Das Highlight ist definitiv das Stereoplay-Forum*. Da produzieren sich ein paar ausgesprochene Arschlöcher, unter ihnen Steven Sammet von SAS Audio Labs, ein Teilnehmer unter dem Pseudonym "michiganjfrog", von dem vermutet wird es handle sich um Stereophile's Mitarbeiter Michael Fremer, oder auch "ncdrawl", der sich selber offenbar eher als neutraler Moderator versteht, aber auf einem Auge eindeutig blind ist.
Die Debatte hat aber schnell metastasiert, und fand in unterschiedlicher Giftigkeit in mindestens mal folgenden Foren statt: Gearslutz, Hydrogenaudio, Audio Asylum Propellerhead Plaza, und ich weiß nicht wo sonst.
Wer des Englischen mächtig ist, und sich das geben will, der wird sicher seine ohnehin bestehenden Vorurteile über Diskussionen mit Audiophilen in allen Punkten bestätigen können. Ich war ganz begeistert.
Ihr auch?
P.S.: Monty hat eine sehr ausführliche Seite über 24/192 geschrieben. Paßt gut hierher, braucht aber Geduld und gute Englischkenntnisse.
* Nachträgliche Korrektur: Es muß natürlich heißen "das Stereophile-Forum". Ich schätze das war ein "Freud'scher Verschreiber". :-)
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