Samstag, 28. Februar 2009

Standby

Ich habe mir vorgenommen, heute mal ausnahmsweise ausgewogen zu sein. Das heißt es kriegen nicht nur meine üblichen Prügelknaben - die "Audiophilen" - ihr Fett weg, sondern auch die "normale" Audiobranche.

Strom sparen ist "in". Außer bei Audiophilen. Denen geht's ausschließlich um den optimalen Klang, und dazu muß man bekanntlich seine Geräte, Kabel und Sicherungen "einbrennen". Hunderte von Stunden werden da gelegentlich empfohlen. Das bedeutet natürlich einen entsprechenden Stromverbrauch, da währenddessen die Anlage läuft. Man könnte die Übung zwar dahingehend optimieren, daß man alle Anlagenkomponenten zugleich einbrennt, und mit etwas Bereitschaft zum Leiden kann der Audiophile während des Einbrennens zuhören, auch wenn dabei noch nicht der volle Hörgenuß entstehen mag. Man wird dadurch wenigstens durch das gute Gefühl belohnt, den Strom nicht gänzlich verheizt zu haben. Leider scheiden bei diesem Vorgehen aber die besonderen Einbrenn-CDs aus, die durch ihre spezifischen Signale das Einbrennen wirkungsvoller machen, aber für den Zuhörer eine Zumutung sind.

Aber welcher Audiophile brennt alle Komponenten zugleich ein? Normal dürfte eher sein daß man jede Komponente getrennt einbrennt, denn man will ja den Erfolg bei jeder Komponente mit eigenen Ohren überprüfen können. Und man riskiert bei seinen wertvollen Komponenten auch ungern einen suboptimalen Einbrennvorgang, und so investiert man eben nicht nur in besagte Spezial-CDs, sondern auch in ein paar Kilowattstunden Einbrennstrom.

Aber auch in eingebranntem Zustand rauschen bei einem echten Audiophilen die Kilowattstunden durch den Zähler. Grundsätzlich kann man sagen daß ein Gerät, das nicht schon im Ruhezustand anständig warm wird, nicht vernünftig klingen kann. Das muß nicht unbedingt auf Röhren zurückzuführen zu sein. Auch transistorisierte Klasse-A Verstärker sind ja bekanntlich schon im Ruhezustand richtige Heizungen, und wie jeder weiß winkt nur so der beste Klang. Außerdem empfiehlt es sich, diese Geräte durchlaufen zu lassen, denn für optimalen Klang muß sich ein delikates thermisches Gleichgewicht einstellen, was selbstverständlich bei den beteiligten Materialmassen nicht in ein paar Minuten geschieht.

Der Audiophile steht daher den Stromsparbemühungen mit einer gewissen Skepsis gegenüber. Wie leicht kann diese in der Theorie so gutmenschlich daher kommende Initiative in eine lustfeindliche Reglementierung umschlagen, die einem das audiophile Leben versauern kann. Dabei sollte doch klar sein daß es sich hier um absolut unbedeutende Strommengen dreht, schon weil wahre Audiophile so selten sind. Das spielt unter dem Strich noch weniger Rolle als die paar Bonuszahlungen an Bankmanager in der Gesamtbilanz des Bankenhilfsfonds. Wer wollte da päpstlicher sein als der Papst?

Notfalls würde der Audiophile auch ein neues Kernkraftwerk in seiner Nähe befürworten, denn das ist ja sauberer Strom, und durch die Nähe zum Kraftwerk bleibt er auch sauberer, was wiederum dem Klang gut tut.

Bisher richten sich die Augen der Stromsparer ja noch auf den Stromverbrauch von Glühbirnen, doch nachdem das Thema jetzt final beschlossen worden zu sein scheint, ist das nächste Thema der Standby-Verbrauch von Haushaltsgeräten, also insbesondere von der Glotze und der Hifi-Anlage. Wenn man bedenkt, daß gerade mal 10 bis 20 Fernseher statt auf Standby auf Aus geschaltet werden müssen, und schon ist mehr Strom gespart als wenn man dem Audiophilen seinen Klasse-A-Verstärker abspenstig macht, dann wird klar daß bei den Fernsehern und bei den gewöhnlichen Hifi-Anlagen das viel größere Potenzial liegt.

Aber das Stromsparen ist bei diesen Geräten so eine Sache mit Untiefen. Stromsparende und effiziente Technologien, z.B. bei Netzteilen, sind nicht automatisch auch im Standby effizient.

So z.B. die angeblich so effizienten Digitalverstärker (bzw. Klasse-D Verstärker). Die sind fraglos sinnvoll, wenn man ihnen eine Ausgangsleistung abverlangt, die nahe an ihrer Nennleistung liegt. Also wenn man's sich volle Kanne gibt, knapp an der Schmerzgrenze (für den Verstärker und den Lautsprecher, wohlgemerkt). Dann sparen solche Verstärker spürbar Strom.

Aber die normalen Betriebsbedingungen sehen wohl anders aus. Die meisten Leute haben Nachbarn und wollen halbwegs auskömmliche Beziehungen zu ihnen haben. Das wird in den meisten Fällen heißen daß zu 90% die Ausgangsleistung so in der Gegend von 1 Watt liegt oder gar darunter. Das heißt aber daß der Stromverbrauch kaum vom Ruheverbrauch zu unterscheiden ist. Denn in Sachen Ruheverbrauch hat ein Klasse-D Verstärker keinen prinzipiellen Vorteil gegenüber einem gewöhnlichen Klasse-B Verstärker, so uncool letzterer auch sein mag (über Klasse-A Verstärker schweigen wir besser mal).

Wieso baut man dann Klasse-D Verstärker? Was ist daran dann so hip? Wie gesagt, der Verlust ist wesentlich geringer wenn man wirklich mal Leistung verlangt. Das hat in erster Linie Konsequenzen für die Größe des Kühlkörpers im Verstärker, so daß es letztlich auf eine Kalkulation hinausläuft "Kühlkörper gegen kompliziertere Schaltung". Beides kostet Geld, und der Kühlkörper kostet auch Platz. Den Kühlkörper muß man nämlich für den Extremfall auslegen, auch wenn der keine 1% der Zeit eintritt. Für den Hersteller kommt es inzwischen bei Klasse-D regelmäßig billiger heraus, und das ist Grund genug um es so zu machen. Und wenn man in der Werbung noch auf die größere Effizienz verweisen kann, umso besser, vielleicht glaubt's ja einer. Ob's in der Praxis Strom spart steht, wie wir gesehen haben, auf einem anderen Blatt.

Ähnlich sieht's auch bei Schaltnetzteilen aus. Die sind unter Last auch wesentlich effizienter als konventionelle Netzteile. Im Leerlauf (= Standby) sieht's aber wieder anders aus. Da sind die Vorteile dahin. Wer wirklich einen sparsamen Standby-Betrieb haben will, bei dem nur das unbedingt Nötige mit möglichst wenig Verlust versorgt wird, der kommt um ein separates (kleines) Standby-Netzteil kaum herum. Das kostet aber mehr als man als Hersteller für gewöhnlich zu spendieren bereit ist, zumal das die Kundschaft kaum goutiert, so lange man ihr auch so erfolgreich weis machen kann man habe das bessere Gerät. In nicht wenigen Geräten wird ja sogar der Netzschalter gespart, und im Zweifel lieber auf der Sekundärseite des Trafos geschaltet, wo das Schalten billiger ist.

Man schätzt daß an die 10% des Stromverbrauchs einen Haushalts auf das Konto von Standby geht. Entsprechend hat schon vor Jahren z.B. die EU reagiert und versucht regulierend einzugreifen. Letzten Dezember wurde eine Direktive erlassen, die den Standby-Verbrauch pro Gerät auf 2 Watt, und in 4 Jahren dann auf 1 Watt begrenzt. Dazu muß das Gerät aber in den Standby-Modus geschaltet sein. Ein Verstärker, der bei Zimmerlautstärke oder weniger vor sich hindudelt, ist nicht im Standby-Modus und darf verbrauchen was er will, auch wenn davon nur 1 Watt am Lautsprecher ankommt. Und die Regel gilt für jedes Gerät getrennt. Die Kombination aus Verstärker, Tuner, CD-Spieler und Fernseher darf schon 4 Watt im Standby verbrauchen. Wären sie untereinander so verbunden daß nur ein Gerät im Standby zu sein braucht, und die anderen Geräte von ihm bei Bedarf aktiviert werden, dann könnte man davon ¾ einsparen. Aber dafür gibt's weder EU-Direktive noch Norm, und ich sehe auch keine Begeisterung bei der "Industrie", sich eine zu erarbeiten...

Montag, 9. Februar 2009

Klangbonbons und Knalltüten

Wie ich ja schon früher schrieb bin ich nicht zuletzt dadurch zu meiner Teilnahme am Hifi-Forum und dann auch zum Schreiben dieses Blogs gekommen, daß ich die verbreitete Verdummung des Hifi-Volks gründlich satt hatte, und nicht einfach zusehen wollte wie sich das langsam auch in meinem angestammten Feld, dem professionellen Audio-Bereich, breit macht. Der Profi-Bereich ist zwar mit Leuten bestückt die was von ihrem Handwerk verstehen, und sich daher - so würde man meinen - nicht so einfach ein X für ein U vormachen lassen, aber manchmal kriege ich diesbezügliche Zweifel.

Zweifel ist allerdings ein zu netter Ausdruck wenn ich mir ansehe was in den letzten beiden Ausgaben des Studio-Magazins gelaufen ist. Das ist einfach zu viel, und ich bin sauer.

Aber der Reihe nach. Worum geht's?

In der Ausgabe 12/08 erschien ein länglicher Artikel von Gastautor Holger Siedler, dem Inhaber des THS-Studios, in dem er nach einer umständlichen längeren Ouvertüre, die sich um die gute alte Zeit dreht, ohne daß man so recht verstünde worauf er hinaus will, schließlich damit herausrückt daß er die Bybee Quantum Slipstream Purifiers ausprobiert hat und davon ganz begeistert ist.

Darauf gab's eine Reaktion im Hifi-Forum, zwar nicht aus meiner Initiative aber mit meiner Beteiligung, die (meiner Ansicht nach aus durchaus nachvollziehbaren Gründen, zu denen ich noch komme) nicht schmeichelhaft ausgefallen ist. Das blieb dem Chefredakteur des Studio-Magazins, Fritz Fey, nicht verborgen, was ihn zwar nicht zum Eingreifen in besagtem Forum, aber doch zu einem Editorial in der folgenden Ausgabe 01/09 des Studio-Magazins veranlaßt hat, das den Titel trägt "Die Achse des Bösen". Zudem erschien in der gleichen Ausgabe ein Artikel von Stephan Goetze, dem Inhaber von Gecom Technologies, der die Bybees in seinem Labor durchgemessen hat und einen Bericht darüber geschrieben hat. Leider ist nichts davon online verfügbar, so gerne ich das verlinkt hätte. Wer sich für's Original interessiert muß sich die Zeitschriften besorgen.*

Die Bybees sind keine neue Erfindung, sie sind schon seit Jahren erhältlich und haben in dieser Zeit auch schon einige Male das Interesse der Skeptiker erregt. Es gibt daher durchaus einige marketingferne Informationen darüber, und die verstärken den Eindruck daß es sich dabei um klassische Bauernfängerei handelt. Zu diesem Ergebnis kann man zwar schon durch die Lektüre der Bybee-Webseite kommen, wo über die Funktionsweise dieser Klangbonbons ein derartiger Unsinn verbreitet wird, daß man sich fragt ob Jack Bybee sein Physikdiplom beim Preisausschreiben gewonnen hat. Aber einige Leute haben es trotzdem unternommen, die Dinger etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

So gab's zum Beispiel dieses Thema in einem englischsprachigen Forum, in dem neben dem üblichen Geplänkel auch einige handfeste Infos zu finden sind, darunter ein Foto der Innereien von so einem Klangbonbon, und Berichte über daran durchgeführte Messungen. Man findet dort auch Links zu weiteren Diskussionen in anderen Foren, z.B. im Audio Asylum, wo es z.T. deutlich ruppiger zugeht, und wo auch John Curl mitmischt, der mit Jack Bybee zusammenarbeitet. Die Debatten im Audio Asylum (Rubrik Tweaks/DIY) gehen über Jahre zurück, siehe z.B. diese Suche, so daß genug Lesestoff vorhanden sein dürfte.

Zudem hat sich, wie auch Siedler im ersten Studio-Magazin-Artikel erwähnt, das Fraunhofer-Institut in Ilmenau vor ein paar Jahren mit diesen Dingern beschäftigt, und keine feststellbare Funktion gefunden.

Meine Schlußfolgerung aus alldem ist eindeutig: Es handelt sich bei den Klangbonbons um ein Placebo, gefertigt aus einem handelsüblichen Niederohm-Widerstand, der in einem Keramikröhrchen versteckt wird, das keine relevante elektrische Wirkung und keinen besonderen Zweck außer dem der Verschleierung hat, so wie auch die Angaben des Herstellers über die Funktionsweise nichts anderes als Verschleierung sind. Das Ganze wird für einen Phantasiepreis verkauft, der Hochwertigkeit suggerieren soll wo in Wirklichkeit nur Material im Wert von ein paar Cents vorhanden ist.

Ich füge gleich hinzu daß ich bis heute noch keines dieser Dinger selbst probiert oder auch nur in der Hand hatte. Es ist ja in manchen Kreisen verpönt, daß sich jemand den Luxus einer eigenen Meinung leistet ohne das Korpus Delikti selbst probegehört zu haben. Wie ich schon mehrfach argumentiert habe denke ich nicht daran das für ein zugkräftiges Argument zu halten. Würde ich das tun und wäre das Ergebnis das zu erwartende, dann wäre schon jetzt klar daß man mich des Unwillens oder der Unfähigkeit zum Hören bezichtigen würde. Gewonnen wäre also nichts, bloß Zeit verschwendet. Da kann ich den gleichlautenden Vorwurf auch gleich jetzt kassieren. Im vorliegenden Beispiel kann ich außerdem schon jetzt sagen daß selbst im sehr unwahrscheinlichen Fall daß ich nach dem Probehören Stielaugen bekäme und den Glauben wechseln würde ob der frappierenden Effekte, ich trotzdem das was ich an dem Marketing von Bybee, und an den erwähnten Artikeln im Studio-Magazin auszusetzen habe zu 100% aufrecht erhalten würde. Wenn die Bybees nämlich tatsächlich ihre Wirkung haben sollten, dann würde dadurch der Marketing-Bullshit noch schwachsinniger als er ohnehin schon ist, und auch die Artikel im Studio-Magazin kämen nicht besser weg.

Man kann sich also durchaus fragen was Siedler, Fey und Goetze reitet, sich mit einem solchen Produkt zu beschäftigen, vor allem wenn man sich die Art und Weise ansieht, wie sie sich damit auseinander setzen. Da wird vordergründig kritisch getan, aber jeglicher berechtigte Einwand einfach vom Tisch gewischt, und zwar zum Teil auf eine wirklich inakzeptable und einem seriösen Magazin unwürdige Art. Das stinkt mir beträchtlich, vor allem daß man anscheinend glaubt, man könne damit bei einem Fachpublikum durchkommen. Ich weiß nicht was ich da erschreckender finden soll: Die Theorie daß die Beteiligten wirklich keine Hintergedanken dabei haben, die Theorie daß sie ihre Leser für dumm verkaufen wollen, oder die Theorie daß die Leser das tatsächlich so wollen. Wie ich's auch immer drehe und wende, es läuft mir kalt den Rücken hinunter.

An den erwähnten zwei Artikeln und dem Editorial könnte ich mehr kritisieren als ich Zeit und Lust zu schreiben habe, und ich vermute ihr werdet so viel auch nicht lesen wollen. Daher belasse ich's bei ein paar prägnanten Beispielen.

An Siedler's Artikel finde ich besonders hanebüchen, wie er mit dem Problem umgeht, daß die Klangbonbons ein offensichtliches Voodoo-Produkt sind. Daß er sich der Problematik bewußt ist, geht in vielerlei Hinsicht aus seinem Artikel hervor. Die umständliche Einleitung habe ich schon erwähnt, die auf mich so wirkt als wolle er sich als alten Hasen empfehlen und alle möglichen emotionalen Reflexe antriggern, um sich in eine Position zu bringen wo man sich von ihm beim eigentlichen Thema nicht sofort abwendet. Was er dann aber bringt ist schon ein starkes Stück. Er versucht es mit einem Blindtest, findet keine Unterschiede, läßt sich dann (ausgerechnet!) vom deutschen Bybee-Händler bestätigen daß Blindtests nicht taugen, worin ihm auch Fey beipflichtet, und kommt sichtlich erleichtert zum Ergebnis, daß seinen und Fey's Ohren zu trauen ist, und einem Blindtest eben nicht, ja daß sogar die Leute vom Fraunhofer-Institut dem Blindtest-Glauben zum Opfer gefallen sind. Die ganzen anderen Indizien, wie z.B. der Bybee-Marketing-Quatsch, der überzogene Preis, die Ansicht seines Physiker-Freundes, ja selbst der gesunde Menschenverstand: Alles wird vom Tisch gewischt. Man hat's gehört, also ist es wahr. Was man zuvor im Blindtest nicht hören konnte, kann man danach nicht-blind sogar quantifizieren (40%, 60%).

Er unterrnimmt es sogar, eine Begründung für das Versagen der Blindtests anzubieten, und das ist derartiger Unfug daß ich es hier wörtlich zitieren muß:
Eigentlich ist es schon fast peinlich, dass mir als Toningenieur ein Musikliebhaber ohne Wenn und Aber beweisen kann, dass ein AB-Blindtest der schlechteste Klangvergleichstest sein kann,da unser Gehör für diese immens kurze Zeit des Umschaltens nicht genügend vorbereitet ist, oder anders ausgedrückt zu wenig Erinnerungsvermögen hat. Sie können den Versuch leicht selbst durchführen, indem Sie ein kurzes ansprechendes CD-Musiksignal von 20 Sekunden Länge im direkten Vergleich mit einem hochauflösenden MP3 gleicher Musiksequenz gegenhören. Sie werden vermutlich keinen oder nur einen sehr marginalen Unterschied hören. Hören Sie jedoch einen CD-Titel in voller Länge, konzentrieren Sie sich auf Details der Mischung und des Spektrums - also auf die Dauer von fünf Minuten und schalten dann nach einer kurzen Pause von circa zehn Sekunden auf das gleiche MP3, werden Sie sofort feststellen, wie grottenschlecht ein MP3 klingt und wie traurig unsere mediale Vermarktungsstrategie in dieser Richtung ist. Dies ist wirklich ein Rückschritt in Richtung Kassettenrecorder! Nur fällt es keinem mehr auf, wenn er nicht den ,Mann im Ohr' hat, sein Hörgewissen und seine Hörerfahrung, die uns als Profis ein Berufsleben lang begleiten und in Erinnerung bleiben.
Eine solche Kritik am Blindtest empfinde ich als untere Schublade. Siedler scheint gar nicht aufzufallen daß die Verblindung nichts damit zu tun hat wie schnell und wie oft umgeschaltet wird. Wenn er aus welchem Grund auch immer der Ansicht ist, man müsse beim Umschalten 10 Sekunden warten, oder man müsse ein Stück in einem Zug durchhören, dann kann er das auch blind tun. Bloß hat er damit nach aller Erfahrung nicht mehr, sondern weniger Chancen einen Unterschied dingfest zu machen. Die bisherigen Erkenntnisse über Blindtests stammen nicht von Schwachköpfen. Auch wenn man nicht mit deren Ergebnissen konform geht kann man sie nicht auf eine derart billige und letztlich unehrliche Art beiseite wischen. Siedler argumentiert hier - vermutlich ohne sich dessen bewußt zu sein - nicht in erster Linie gegen Blindtests, sondern er rationalisiert seine eigene Einbildung, an der er anscheinend lieber festhält als an einer nüchternen, professionellen Distanz.

Ich bin mir jedenfalls ziemlich sicher daß die Leute, die am Fraunhofer-Institut die Bybees untersucht haben, diesen süffisanten Kommentar von Siedler nicht verdient haben:
Damit wäre dann auch das Kapitel Blindtest beantwortet - für mich ein lächelnder Beweis, dass diesmal das Fraunhofer Institut irrte, was mich ehrlich gesagt mit Sympathie für das Institut erfüllt, denn dort sind die Probanden der Hörtestreihe gleichermaßen wie ich Opfer eines Hörtest (sic) geworden und leider keine Zeugen.
Aber auch wenn ich zu diesem Artikel noch mehr auf der Pfanne hätte, will ich's damit bewenden lassen. Der Artikel war Anlaß für den Thread im Hifi-Forum, den ich oben verlinkt habe. Ich hoffe es ist schon aus dem kleinen Auszug klar warum der Artikel solche negativen Reaktionen heraufbeschworen hat, in meinen Augen ist das also überhaupt nicht verwunderlich. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß Siedler's Studio auf der Händlerliste des deutschen Bybee-Vertriebs auftaucht, ohne daß diese nicht ganz nebensächliche Information im Studio-Magazin einer Erwähnung für Wert befunden worden war - in keiner der beiden Ausgaben übrigens, dann würde mich eher wundern wenn niemand auf die Idee kommen würde hinter so einer Aktion ein geschäftliches Interesse zu vermuten. Umso befremdlicher finde ich daher die Reaktion von Fey im Editorial der neuesten Ausgabe, wo er diesen absolut auf der Hand liegenden Verdacht mit einer derartigen Giftigkeit und polemischen Überzeichnung geißelt daß man schon eher wieder an den getroffenen Hund erinnert wird.

Wenn man die dort zur Schau gestellte Empörung einmal beiseite gelassen hat fällt dabei auf, wie konsequent Fey es vermeidet, sich mit den ernstgemeinten Kritikpunkten zu beschäftigen, und wie wichtig es ihm zu sein scheint, die Unerhörtheit der Kritik zu betonen. Wie sehr er sich anstrengt, die Kritiker als eine verrückt gewordene Schar von Schwarz-Weiß-Sehern zu geißeln, für die "nicht sein kann was nicht sein darf". Wer meint, durchaus ernst gemeinte und begründete Kritik derart abbügeln zu können, braucht sich nicht zu wundern wenn darüber der Ton schärfer wird. Da hilft es auch nicht, wenn er damit seine über dreißigjährige Studioerfahrung verknüpft, denn die Kritiker sind auch keine Anfänger. Im Gegenteil: Man sollte meinen, eine solche Erfahrung sollte einem eine gewisse Kritikfähigkeit und Selbstdistanz verschafft haben, nicht nur was öffentliche Debatten angeht, sondern auch in der Beurteilung von Hörerlebnissen.

Der neueste Artikel von Stephan Goetze mit dem Meßbericht jedenfalls ist auf der einen Seite zwar eine gute Idee, denn wenn man meßtechnisch bestätigen kann was man zuvor gehört hat, dann kann man davon ausgehen daß es auch stimmt, aber wenn man sich konkret ansieht was da behauptet wird ist er beinahe noch unsäglicher als der Artikel von Siedler. Schockiert haben mich dabei nicht die Messungen selbst, sondern die daraus gezogenen Schlüsse.

Goetze hat in seiner Firma eine durchaus beeindruckende meßtechnische Ausrüstung zur Verfügung, mit der man in diesem Zusammenhang "amtliche" Messungen machen kann. Er beginnt mit einem Impedanzschrieb des "Small Slipstream Quantum Purifiers", aufgenommen mit einem HP4194A, ein nicht mehr taufrisches aber dennoch über jeden Zweifel erhabenes Gerät. Keine besonderen Auffälligkeiten. Das Klangbonbon verhält sich wie ein kleiner Widerstand, erst im MHz-Bereich machen sich parasitäre Effekte bemerkbar, die Goetze mit der induktiven Reaktion von Ferritperlen vergleicht, während man auf dem Schrieb eher die Anzeichen kapazitiver Effekte sieht. Es braucht leider etwas Ahnung um den Schrieb zu interpretieren, denn er trägt Real- und Imaginärteil der Impedanz über die Frequenz auf, was nach meiner Meinung unpraktischer als die Polardarstellung ist. Jedenfalls ist der Imaginärteil der Impedanz bei 40MHZ, der Meßgrenze, deutlich negativ, und das deutet auf eine Kapazität hin. Wie dem auch sei, in jedem praktischen Widerstand von dieser Bauart wie sie wohl im Bybee drin ist kann man davon ausgehen daß bei solchen Frequenzen sowohl kapazitive als auch induktive parasitäre Effekte auftreten. Keine Überraschung hier.

Kurioser wird schon der Meßschrieb des Netzwerkanalysators, bei dem der Prüfling bei Frequenzen bis zu 8 GHz vermessen wird. Wer sich ein wenig mit Hochfrequenztechnik im Mikrowellen-Bereich auskennt, der weiß daß schon aufgrund der dabei auftretenden recht kurzen Wellenlängen die Geometrie der Schaltungsanordnung eine große Rolle spielt. Wenn man sich vor Augen führt, wie beliebig die Klangbonbons in mechanischer Hinsicht in die Kabel eingeschleift oder in die Geräte montiert werden, dann kann man ermessen daß solche Messungen völlig unsinnig sind, da die Effekte in jedem Anwendungsfall wieder drastisch anders ausfallen werden. Falls ein Gerät auf Störungen in diesem hochfrequenten Bereich empfindlich sein sollte (z.B. Handystrahlung), dann wird das nicht über das Kabel einkoppeln, sondern durch die Luft. Oder wenn es das Kabel sein sollte, dann strahlt schon ein Kuhschwänzchen von ein paar cm Länge im Gerät die Energie wieder ab, bevor es ein Bybee filtern könnte. Goetze aber tut so als sei das eine sinnvolle und pozentiell bedeutsame Messung, und unterstellt dem Bybee eine Filterwirkung im hochfrequenten Bereich. Selbst wenn das so wäre dann wäre bei derartigen Frequenzen immer noch die konkrete Montage des "Filters" höchst kritisch. Außerdem fragt man sich natürlich warum man für diesen Effekt nicht wirklich einfach eine Ferritperle für ein paar Cent nehmen kann.

Um zu zeigen daß Mischprodukte aus dem Hochfrequenzbereich eine Störung im Audiobereich produzieren können, die sich dann gehörmäßig bemerkbar macht, bringt Goetze einen Audioanalysator (UPD von R&S, ein ebenfalls untadeliges Gerät) in Anschlag. Das Gerät enthält einen Generator und einen Analysator, die er mit einem externen symmetrischen Kabel verbindet, in das einmal Bybees eingeschleift sind und ein anderes Mal nicht. Der im Artikel abgebildete Schrieb zeigt angeblich das Resultat einer THD+N Messung, und die Kurve mit Bybees liegt um etwa 1 dB unter der Kurve ohne. Daran ist einiges merkwürdig.
  • Der Meßschrieb zeigt nicht THD+N, sondern THD, was die gezeigten Kurven auch besser mit den technischen Daten des Gerätes in Einklang bringen würde. Ich denke daher daß Goetze hier einen Fehler gemacht hat.
  • Falls das stimmt, dann wird nicht das Rauschen, sondern nur die harmonischen Verzerrungen gemessen, und zwar wird dazu die Generatorfrequenz durchgestimmt, die Kurve zeigt also die harmonischen Verzerrungen in Abhängigkeit von der Grundfrequenz. Ein kleiner Zipfel bei ca. 33 Hz ist ein Hinweis darauf, daß die gleichgerichtete Netzfrequenz von 100Hz vom Gerät als dritte Harmonische "interpretiert" wird.
  • Wenn die Reduktion um 1dB auf die Bybees zurückzuführen ist, dann ist die Frage immer noch was die eigentlich bewirkt haben. Die vorigen Untersuchungen zeigen ja daß erst im MHz-Bereich überhaupt etwas "passiert", und da ist die offizielle Bandbreite des Analysators längst zuende. Es ist also die Frage, ob der Analysator selbst in seinem Generator hofrequenten Müll produziert, oder ob er ins Kabel eingestreut wird, und warum der Detektor darauf überhaupt reagiert. Dem wird offenbar nicht auf den Grund gegangen. Ebensowenig wird zur Gegenprobe ein Kabel mit Ferritperlen ausgestattet, um zu sehen was der Analysator daraus macht.
Statt dem Effekt auf den Grund zu gehen findet man diese Aussage im Text von Goetze:
Man kann eine zwar geringe, aber nachweisbare Verbesserung darstellen. Diese ist durchaus hörbar!
Das ist alles, man erfährt nicht warum das hörbar sein soll. Dabei ist das eine absolut unwahrscheinliche, außerordentliche Aussage! Machen wir uns klar was er damit sagt:

Er sagt, man höre den Unterschied zwischen 0,0015% harmonische Verzerrungen und 0,0013% harmonische Verzerrungen, gemessen über einen Frequenzbereich der das 15-fache der vom Menschen hörbaren Frequenzbereiche überstreicht, und von dem man annehmen muß daß der eigentliche Dreckeffekt noch bei mindestens 10 Mal höherer Frequenz auftritt. Das ist eine so hanebüchene Behauptung daß man sich fragt ob er weiß wovon er da redet. Wie kann ein Profi eine derartige Behauptung mit der größten Selbstverständlichkeit hinschreiben und noch nicht einmal eine Erklärung für nötig halten? Da bleibt mir die Spucke weg.

Ich bin mir ja schon nicht ganz im Klaren was man aus der 1dB-Differenz denn nun folgern soll, die wahre Ursache ist dadurch jedenfalls keineswegs erhellt worden. Aber daß das hörbar sein soll kann er seiner Großmutter erzählen, aber doch nicht einem Fachpublikum! Zudem wird kaum jemand bestreiten daß Audiogeräte sich regelmäßig von Hochfrequenz im Signal beeinflussen lassen. Aber um damit fertig zu werden braucht's keine Klangbonbons für einen Phantasiepreis, sondern eine vernünftige Verdrahtung und Masseführung, ein bißchen Verständnis der Zusammenhänge, und hie und da vielleicht eine Ferritperle oder ein Filter.

Die letzte Messung mit dem Rauschgenerator zeigt angeblich, daß in einem Bereich von 0 bis 50 MHz der Bybee zu einer Dämpfung des Rauschens von um die 10dB führt. auch diese Messung finde ich dubios. Mir ist nicht ganz klar wie die Meßanordnung aussah, aber es fällt schon auf daß die Dämpfung schon bei ganz niedrigen Frequenzen zu sehen ist, also offenbar auch bei den Frequenzen bei denen sich zuvor bei der Impedanzmessung nichts gezeigt hat. Zudem schreibt der Autor, daß ein zugleich vorhandenes 10MHz Sinussignal nicht gedämpft wurde, was man auf dem Schrieb auch sieht. Wie es dem wundersamen Bauteil gelingen soll, Nutzfrequenzen von Rauschen zu unterscheiden, und nur letztere abzusenken, bleibt ohne Erklärung. Was man aber erfährt ist, daß man derlei Unterschied im Audiobereich sehr gut hören könne. Natürlich wieder ohne Erklärung wie der Autor auf diese abenteuerliche Schlußfolgerung kommt. Ich tippe in diesem Fall auf eine Fehlbedienung des Meßgeräts, es könnte eine unterschiedliche Einstellung des Eingangs-Abschwächers zwischen den Messungen sein. Jedenfalls ist das vermutlich die einfachste Erklärung für das was man abgebildet sieht.

Abgerundet wird der Meßbericht durch eine Hörsession, deren Ergebnis wie folgt beschrieben wird:
Die Räumlichkeit verbesserte sich in Breite und Tiefe, es wurden mehr feine Details hörbar, Instrumente waren im Raum klarer definiert, ohne dass man Einbussen in der Dynamik zu verzeichnen hatte.
Wer hätte es gedacht!

Wenn die Bybees einen Filtereffekt im hochfrequenten Bereich haben, und wenn ein Gerät dafür tatsächlich empfindlich sein sollte, was durchaus sein kann, und was ich daher keineswegs betreite, dann bin ich mir hundertprozentig sicher daß man den gleichen positiven Effekt auch für einen winzigen Bruchteil des Preises der Bybees erreichen kann indem man die Methoden und Bauteile anwendet, die für solche Fälle in der Elektronik gebräuchlich sind. Gegen Hochfrequenz hilft kein Voodoo und keine Bauernfängerei, sondern die Anwendung von Wissen und Erkenntnissen, die es in der Elektronik und Hochfrequenztechnik seit Jahrzehnten gibt, auch wenn nicht alle Audiohersteller davon zu wissen scheinen. Gerade Goetze müßte aber in seiner Position darüber Bescheid wissen. Umso unverständlicher warum er das nicht erkennen läßt, und z.B. einfache Dinge wie eine Ferritperle mit dem Bybees meßtechnisch verglichen hat. Warum er bei aller Messerei den Effekten nicht ernsthaft auf den Grund geht. Warum er ohne Not derart hanebüchene Behauptungen zur Hörbarkeit macht daß man an seiner Seriosität zu zweifeln anfängt.

Offen gestanden bin ich aber durchaus nicht davon überzeugt daß die Bybees auch nur so wenig als einen hochfrequenten Filtereffekt haben. Ich halte sie noch immer für nichts weiter als aufwändig verpackte Widerstände, und die Hörberichte für Beispiele dafür warum man nicht-blinden Tests mit Vorsicht begegnen sollte, vor allem und gerade wenn sie mit solch einem Impetus daher kommen.

* Wie ich nachträglich bemerkt habe gibt's einen Textauszug des Artikels von Stephan Goetze ohne die Abbildungen hier online.

Nachtrag:
Wie ich einem neueren Thread in diyaudio entnehme gibt's die kritisierten Artikel aus dem Studio Magazin jetzt auch als PDF zum kostenlosen Download: Hier und hier. Bei diyaudio werden die Bybees ebenfalls vermessen.