Donnerstag, 5. Januar 2017

Uralte Geschichte, reformiert

Das hier ist gewissermaßen der zweite Teil meines Artikels vom vorigen Monat. Dort bin ich weit in die Geschichte (bzw. Mythologie) zurück gegangen, um zu zeigen daß die Wurzeln der drei "Buchreligionen" die gleichen sind, und diese Wurzeln den Kern der Problematik bilden, die wir mit den Religionen auch heute noch haben, nämlich ihre Intoleranz und Gewalttätigkeit.

Dagegen wird oft eingewandt (auch im Kommentarteil zu meinem Artikel), daß wir es, speziell im Christentum, heute mit einer "reformierten" Religion zu tun hätten, was einen entscheidenden Unterschied mache. Zum Beispiel sagt man oft, dem Islam fehle bis heute eine solche Reformation, wie sie das Christentum erlebt hat, und das sei der Grund warum sich der Islam auch heute noch so "rückständig" zeige, verglichen mit dem Christentum.

In diesem Artikel hier will ich mich der Frage widmen, was da dran ist. Inwiefern sich also dieser vor über 3000 Jahren angelegte "Geburtsfehler" der Religion durch die folgende Entwicklung, einschließlich der Entstehung des Christentums und des Islams, und den Reformbewegungen der drei Religionen in ihrer Geschichte, etwas Grundlegendes an dieser Lage geändert hat. Das ist natürlich meine jetzige Ansicht der Dinge, und die muß sich weder mit der anderer Leute decken, noch ist sie für alle Zeiten fest, ich kann also durchaus auch durch Argumente umgestimmt werden.

Ich will auch gleich am Anfang klarstellen, daß ich, wenn ich von der Religion rede, nicht jeden einzelnen Anhänger der entsprechenden Religion meine, sondern die Lehren, Dogmen und Verhaltensweisen der Religionen und ihrer "hauptamtlichen Vertreter". Die allermeisten Anhänger aller dieser Religionen sind zuvorderst einmal Mensch, und haben ihren gesunden Menschenverstand, und ihre zwischenmenschliche Empathie. Die sind in aller Regel für ihr Verhalten und ihre Ansichten bedeutender als irgendein religiöses Dogma oder Gebot. Egal ob Jude, Christ oder Moslem, die allermeisten Leute schmeißen nicht einfach Steine auf Leute, bloß weil das in einem alten heiligen Buch so drin steht. Zum Glück ist das so. Viele mögen glauben, die Religion sei die Grundlage für ihr moralisches Verhalten, aber in Wirklichkeit sind sie einfach deswegen gute Menschen, weil sie mitmenschlich denken und fühlen. Weil sie kapieren, daß sie in der gleichen Situation sein könnten wie Ihr Gegenüber, und Andere deswegen menschlich behandeln weil sie selber menschlich behandelt werden wollen.

Alle Religionen enthalten ein Element der Mitmenschlichkeit, die genau dieses Empfinden zu stärken versucht, und insoweit das so ist, ist dagegen auch kaum etwas einzuwenden. Viele Religionsanhänger glauben, das sei eine der Hauptsachen, um die es ihrer Religion im Diesseits gehe. Ich würde bloß darauf hinweisen wollen, daß es dafür keinen Moses, Jesus oder Mohammed gebraucht hätte.

In meinem vorigen Artikel habe ich darzustellen versucht, daß bei Moses vor über 3000 Jahren diese Mitmenschlichkeit eine Forderung war, die sich auf den Umgang innerhalb der eigenen Gruppe bezogen hat. Der "Nächste", von dem in den Geboten die Rede ist, ist ganz eindeutig der andere Jude, nicht der andere Mensch. Ein Amalekiter, Kanaanäer, Jebusiter etc. war sicher kein Nächster, sondern ein zu vernichtender Feind. Wer die alttestamentarischen Bücher liest, der kann daran nicht den geringsten Zweifel haben.

Wenn man unter dem "Nächsten", dem gegenüber man zur Mitmenschlichkeit verpflichtet ist, jeden beliebigen Menschen versteht, egal welchen Glaubens, welcher Rasse oder welcher Herkunft, dann ist das ein radikal anderes Konzept als das des Moses. Mich stört, wenn Christen so tun als würden die 10 Gebote von Moses aussagen, daß alle Menschen in dieser Hinsicht gleich, nämlich als Nächster, behandelt werden sollen. Es ist eine fundamentale Umdeutung, die man schon als solche benennen sollte, anstatt den gravierenden Unterschied unter den Teppich zu kehren.

Es ist eine Umdeutung, die man auch nicht auf Jesus zurückführen kann. Jesus hat manches aus der jüdischen Religion umgedeutet, aber das nicht. Auch ihm ging es immer nur um sein eigenes, jüdisches Volk. Seine eigene Lehrtätigkeit hat sich ja auf ein recht eng umgrenztes Gebiet in Judäa beschränkt, und gepredigt hat er zu seinen Landsleuten. Mit den Römern hatte er nichts zu schaffen. Pilatus könnte der erste Römer sein, zu dem er überhaupt geredet hat, und das anscheinend nur widerwillig. Als Adressaten für seine Predigten kamen sie nicht vor. Selbst zu den Nachbarvölkern hatte er eher ein problematisches Verhältnis, wie man vielleicht am besten sehen kann am Beispiel seiner Begegnung mit einer kanaanäischen Frau, die ihn um Hilfe für ihre Tochter bittet. Bei Matthäus laßt er sie erst mit den Worten abblitzen: "Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt." und vergleicht sie mit Hunden. Ihre extrem unterwürfige Antwort "Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen." stimmt ihn um, und er hilft ihr. Das läßt an Eindeutigkeit und Drastik nichts zu wünschen übrig. Er steht in dieser Hinsicht ganz auf dem Boden, den Moses gelegt hat.

Es war Paulus, der angefangen hat, die "Heiden", also die Nichtjuden, zu missionieren, man kann also allenfalls ihn dafür verantwortlich machen, daß es zu dieser Umdeutung kam. Paulus ist Jesus zu Lebzeiten nicht begegnet, er behauptete lediglich, den auferstandenen Jesus gesehen zu haben. Und Paulus' Lehre ist bei den Urchristen, die Jesus noch selbst gekannt hatten, keineswegs auf ungeteilte Zustimmung gestoßen. Ungefähr 15 Jahre nach Jesu Tod kam es zum Apostelkonzil, in dem diese unterschiedlichen Ansichten aufeinander geprallt sind. Paulus will von der Betonung des (jüdischen) Gesetzes weg und betont den Glauben, durch den letztlich auch der nichtjüdische Gläubige zum Erbe Abrahams wird, und somit den "echten" Juden ebenbürtig (siehe Galaterbrief). Aber auch das heißt nicht, daß man allen Menschen gegenüber gleichermaßen zur Mitmenschlichkeit verpflichtet wäre. Es wird immer noch ein Unterschied gemacht zwischen dem Gläubigen und dem Nichtgläubigen. Im Römerbrief heißt es zwar man solle auch seinen Feind speisen, wenn er hungert, aber nicht aus Mitmenschlichkeit, sondern weil man dadurch "feurige Kohlen auf sein Haupt sammelt". Ich würde das eher taktisches Kalkül nennen. Das alles gefiel den in Jerusalem verbliebenen Urchristen nicht, die auf die jüdischen Gesetze einschließlich der Beschneidung wert legten.

Es ist eine interessante Frage, warum die Urchristen letztlich unterlegen sind, und sich Paulus' Richtung durchgesetzt hat, obwohl er doch viel weiter von der ursprünglichen Lehre des Jesus weg war. So wie ich das sehe, dürfte das in erster Linie daran gelegen haben, daß Paulus' Anhänger kaum in Jerusalem waren, und folglich seine Richtung auch kaum von der Zerstörung des Jerusalemer Tempels und der schlußendlichen Vertreibung der Juden aus Jerusalem nach dem Bar-Kochba-Aufstand betroffen war. Die Urchristen aus Jerusalem konnten sich zwar weitgehend in Sicherheit bringen, z.B. nach Pella östlich des Jordans im heutigen Jordanien, aber da sie inhaltlich und vom Auftreten her eher zu den Juden gerechnet wurden, hatten sie auch eher Probleme, als von den Juden getrennte Gruppe wahrgenommen zu werden. Und die Juden hatten gerade nach dem jüdischen Krieg von 66-70, und dem Bar-Kochba-Aufstand um 135, eine ziemlich schlechte PR, um das mit einem heutigen Begriff zu bezeichnen. Die Anhänger von Paulus hatten da sicherlich weniger Mühe, sich als etwas grundlegend Anderes darzustellen, also nicht als eine jüdische Sekte, sondern als eine neue Religion, die mit dem Judentum nicht viel zu tun hatte.

Wo wir gerade beim jüdischen Krieg, und dem Bar-Kochba-Aufstand sind: Das sind meiner Ansicht nach perfekte Beispiele dafür, wie der religiöse Fanatismus auch 1200-1500 Jahre nach Moses auf den von ihm gelegten Grundlagen fröhliche Urständ feierte. Die Sache hatte sich schon zu Lebzeiten von Jesus zusammen gebraut und ist dann im jüdischen Krieg erst recht explodiert. Die Sikarier könnte man wohl ohne große Übertreibung zu Vorläufern heutiger Selbstmordattentäter erklären. Sie haben Leute auf offener Straße und am hellichten Tag abgestochen, um sich dann in der Menge zu tarnen. Damals müssen ähnliche Ängste umgegangen sein wie heute. Ihr Fanatismus war gegenüber den heutigen Gotteskriegern durchaus konkurrenzfähig, sie hatten bloß nicht die Waffen, die es heute gibt. In Masada kann man noch heute die Festung besichtigen, in der sich noch über Jahre nach dem eigentlichen Kriegsende ein fanatischer Trupp verschanzt hatte, bis sie schließlich kollektiven Selbstmord begingen, als die Erstürmung der Festung durch römische Truppen unmittelbar bevorstand. Nach dem Bar-Kochba-Aufstand schließlich, in dem sich drei unterschiedliche jüdische Rebellenfraktionen noch bitter gegenseitig bekämpft haben sollen, als die Römer schon im Anmarsch waren, waren die Juden 500 Jahre lang aus Jerusalem verbannt, bis auf einen Tag im Jahr an dem sie den Verlust ihres Tempels beklagen durften (am heute noch bestehenden Mauerrest des Tempels).

Insoweit die jüdische Religion heute friedfertiger und in gewissem Sinn reformiert daher kommt, hat das zu einem wesentlichen Teil mit dem Schock zu tun, den sie in diesen Zeiten erlebt hat. Damals wurden die Juden in alle Himmelsrichtungen zerstreut und führten ein Leben in der Diaspora, bevor einige von ihnen 500 Jahre später nach der Eroberung durch die muslimischen Araber wieder nach Jerusalem zurückkehren konnten. Wenn man sich allerdings heute die Situation in Palästina ansieht, dann kann man kaum übersehen welchen Zusammenhang die jüdische Siedlerbewegung mit ihrem Vorbild Moses hat. Die radikalen Juden haben offenbar einen wachsenden Einfluß auf die Politik Israels, und sie sind eindeutig motiviert aus der alten biblischen Saga vom verheißenen Land, und von der göttlichen Verpflichtung, die fremden Völker daraus zu vertreiben. Man findet dort zwar heute keine Amalekiter, Kanaanäer und dergleichen mehr, die Siedler haben aber nicht die geringsten Probleme, die heutigen Palästinenser bzw. Araber damit zu identifizieren. Die Vorstellung ist offenbar, daß der Vernichtungs- bzw. Vertreibungs-Auftrag aus der Zeit von Moses auch heute noch gilt, und seine Erfüllung die Voraussetzung für das Kommen des Messias ist. Israelische Mehrheitsmeinung scheint das zwar bisher nicht zu sein, aber der Einfluß auf die konkrete Politik Israels ist unübersehbar, und hat auch so schon verheerende Folgen.

Aber auch die nicht so radikalen Juden sind bis heute ziemlich stark auf Abgrenzung aus. Das mag ihren Fortbestand in solch langen Zeiten der "Verbannung" und Zertreuung erst ermöglicht haben, aber ihre Religion ist dadurch eben auch bis heute nicht universalistisch. Man wird Jude in erster Linie durch Abstammung, und zwar über die mütterliche Linie. Mich irritiert das eher, denn ich sehe die Frage der Abstammung und Volkszugehörigkeit völlig getrennt von der Frage was jemand glaubt. Bei den Juden vermischt sich das bis fast zur Ununterscheidbarkeit. Ich frage mich da, was dann mit einem atheistischen Juden oder einem muslimischen Juden ist. Gibt's das? Wenn ja, ist es dann ein Jude oder nicht? Oder wird das unter den Teppich gekehrt? Irgendwie vorgesehen scheint dieser Fall nicht zu sein.

Der Islam schließlich, um die Runde voll zu machen, ist ebenfalls keine grundsätzliche Abkehr von den durch Moses gelegten Grundlagen, eher im Gegenteil. Die ursprüngliche Motivation scheint der reformatorische Impuls gewesen zu sein, die vorherrschenden Religionen des Judentums und Christentums von Irrlehren zu reinigen, die sie vom Ursprung entfernt haben. Beim Christentum wird insbesondere die zugegebenermaßen ziemlich obskure Trinitätslehre verhöhnt, die sich anscheinend nicht recht entscheiden kann ob sie nun monotheistisch sein will oder nicht. Mohammed scheint zumindest anfänglich vor allem an spirituell-religiöser Reinheit interessiert gewesen zu sein, an der Bekämpfung von Auswüchsen. Mit wachsendem Erfolg scheint er aber mehr und mehr dem Machtstreben und taktischen Zielen zu unterliegen. Manche "Offenbarungen" kommen seinen eigenen Interessen so offensichtlich zupaß, daß man unweigerlich denkt, er habe sie zu seinem Nutzen bestellt. Entsprechend wurden seine Interessen immer weltlicher, und die Botschaft militärisch-fanatisch.

Ich finde den Gedanken interessant, was wohl aus Jesus geworden wäre, wenn er nicht so früh gestorben wäre. Mohammed hatte seine erste Offenbarung in einem Alter als Jesus schon lange tot war. Jesus starb als er Anfang der 30er war, Mohammed wurde Prophet als Ergebnis einer Art Midlife-Crisis im Alter von etwa 40. Jesus hat nie erlebt daß seine Lehre nennenswerten Erfolg hatte. Er konnte zwar offenbar eine kleine Schar an Anhängern um sich versammeln, aber nennenswerte Macht konnte er nicht erringen, und kaum geriet er mit den Autoritäten in Jerusalem aneinander, wurde er auch schon hingerichtet. Er war in diesem Sinne Idealist bis zum Tod, und konnte gar nicht korrumpiert von Macht sein, denn dafür war nicht genug Zeit. Mohammed dagegen hatte zu seinen Lebzeiten so viel Erfolg, daß er mit seiner Anhängerschaft zu einem regionalen Machtfaktor wurde. Das hat deutliche Spuren in seiner Lehre hinterlassen. "Macht korrumpiert" lautet ein heutzutage wohlbekanntes bon-mot, vielleicht ist Mohammed ein Beispiel dafür. Hätte Jesus 30 Jahre länger gelebt, und eine ähnliche Erfolgsstory hingelegt wie Mohammed, ob er sich dann allmählich eine ähnliche Haltung zugelegt hätte? Wir werden es wohl nie erfahren. Im Ergebnis haben die Christen eine Religion, die auf einen (noch fast) jugendlichen Idealisten zurückgeht, und dann von Paulus stark verändert wurde, während der Islam das Erbe eines machtbewußten Schlachtrosses ist, der mit ähnlichem Idealismus gestartet war, aber unter dem Eindruck seines eigenen Erfolges zunehmend zum Eroberer (und in gewissem Maß auch Narzissten) wurde.

Entsprechend unterschiedlich war auch die weitere Entwicklung der neuen Religionen. Das Christentum brauchte 300 Jahre, um auch nur annähernd zu einer dominanten Position anzuwachsen. Schon zu Mohammeds Lebzeiten konnte sich der Islam über fast die ganze arabische Halbinsel verbreiten, und innerhalb weniger Jahrzehnte danach breitete er sich bis zum heutigen Tunesien und Afghanistan aus. Jerusalem wurde gerade mal 5 Jahre nach Mohammed's Tod erobert. Die Ausbreitung ging auf militärischem Weg, also nicht über das was wir heute Mission nennen würden, sondern über Eroberung. Das Christentum war in den ersten 300 Jahren eher eine Untergrundbewegung, die sich gegen ein gewisses Ausmaß an Feindseligkeit und Unterdrückung durchsetzen mußte. Erst als eine gewisse Machtposition erreicht war, fand weitere Verbreitung des Christentums auch in militärischer Form statt.

Auch das hat seine Folgen bis in die heutige Zeit. Die Idee des "Djihad" hatte von vorn herein eine militärische Facette, auch wenn man den Begriff genauso auch als einen inneren Kampf auffassen kann. Im Grunde bedeutet er beides, der innere und äußere Kampf gehen im Grunde Hand in Hand. Die Form der Verbreitung, die im Christentum als Mission daher kommt, also das Aussenden von Missionaren in die Fremde, um dort zu predigen und Anhänger zu gewinnen, ist für den Islam eher untypisch. In jüngerer Zeit gibt es diese Form der Mission aber verstärkt von den Salafisten aus Saudi Arabien, von wo auch viel Geld in den Bau von Moscheen im Ausland fließt. Das betrifft gar nicht so sehr uns hier in Europa, obwohl auch hierhin Gelder fließen, sondern wesentlich mehr noch die Förderung von salafistischen Gemeinden in anderen muslimischen Ländern, z.B. im Maghreb. Wer sich von salafistischen Umtrieben hier in Deutschland beunruhigen läßt, der sollte sich vielleicht klar machen, daß hier das gleiche Vorgehen vorliegt, wie es die christlichen Kirchen schon sehr lange in anderen Ländern betrieben haben. Die Lehre ist zwar sehr verschieden, das Vorgehen als solches könnten die Saudis aber durchaus von der katholischen Kirche abgekupfert haben. Vielleicht kann man sich so ein klein wenig vorstellen, welchen Effekt die missionarischen Bemühungen aus unseren Gefilden in anderen Teilen der Welt ausgelöst haben könnten.

Es ist nicht zu übersehen, daß auch heute der Begriff des Djihad von radikalen Moslems im militärischen Sinn verstanden wird. Und sie können sich darin durchaus auf Mohammed berufen. Die in diesem Zusammenhang von vielen Moslems geäußerte Überzeugung, es gehe beim Djihad um eine innere Anstrengung und Mission, nicht um äußere Eroberung, ist nicht mit Mohammeds Vorbild in Einklang zu bringen. Mohammed selbst und seine Nachfolger haben den Islam militärisch verbreitet, und genau das wollen die radikalen Moslems ebenfalls. Sie sehen diese Ur-islamische geschichtliche Phase als die Blütezeit des Islam, die es gilt wiederzubeleben. Die Vorstellung ist, daß der so wahrgenommene Niedergang des Islam und der Aufstieg des Christentums letztlich damit zusammen hängt, daß man im Islam verweichlicht ist, sich zerstritten hat, und die ursprünglichen Ziele aus den Augen verloren hat. Das meinen nicht bloß islamische Fundamentalisten, damit kann man auch bei eher gemäßigten Moslems punkten, wie man in der Türkei sehen kann, wo sich ziemlich viele Leute von der Aussicht auf einen Wiederaufstieg eines osmanischen Reiches begeistern lassen, die man beim besten Willen nicht den islamischen Radikalen zuordnen kann. Wenn man sich zugleich davon überzeugen läßt, daß das westliche Christentum degeneriert ist und den Zenit überschritten hat, dann kann man auf die Idee kommen daß die Gelegenheit günstig ist.

Auch hier ist klar, denke ich, daß es nicht um die egalitäe Akzeptanz und Gleichbehandlung aller Menschen geht, unabhängig davon was sie glauben. Der Islam ist da ziemlich klar: Es gibt keine Gleichberechtigung zwischen Gläubigen und Ungläubigen. Die Gläubigen sitzen in der ersten Reihe, die Ungläubigen werden toleriert, aber nicht zu gleichen Konditionen: Sie zahlen extra Steuern und haben nichts zu sagen. Vom Unglauben zum Glauben gibt's nur eine Einbahnstrasse: Rein geht ziemlich einfach, raus gar nicht. Die Abgrenzung ist nicht auf Volkszugehörigkeit oder Abstammung gegründet, aber vielleicht gerade deswegen so strikt. Zum Teil ist das wie der Kunstgriff von Paulus, der die symbolische Abstammung von Abraham, also die Zugehörigkeit zum auserwählten Volk, vom Glauben abhängig macht statt von der ethnischen Abstammung, der Unterschied zu Paulus liegt aber darin, wie man zu diesem Glauben kommt und welche Rolle dabei die freie Wahl hat.

Der Islam als die späteste Religion verwirklicht dabei den strengsten Monotheismus. Wo es bei Moses ein Monotheismus der Treue ist (andere Götter mag's zwar geben, sie sind für das auserwählte Volk aber tabu), ist er für die Christen ein durch die Trinität verwässerter existenzieller Monotheismus (es gibt keinen anderen Gott, aber der den es gibt existiert in drei verschiedenen Inkarnationen). Bei den Moslems schließlich gibt es nur einen Gott, und zwar nur in einer Form, die man sich aber nicht vorstellen kann.

Dabei wird klar daß es auch den Moslems sehr um Treue geht, denn Abfall vom Glauben wird drakonisch bestraft. Ginge es hier nur um wahr oder falsch, dann könnte man den Unglauben auch ganz entspannt sehen: Unglauben wäre ein Irrtum, den Schaden daraus hätte nur der Irrende, einen Gläubigen könnte das kalt lassen. Man bräuchte keine weltlichen Strafen oder Sanktionen, und könnte es Gott selbst überlassen, was er damit anzufangen gedenkt. Die extrem harte muslimische Reaktion auf den Abfall vom Glauben deutet darauf hin, daß es hier eigentlich um Untreue geht, und eben nicht um Wahrheit. In diesem Aspekt trifft sich die Sache wieder mit Moses. Der Unterschied besteht nur darin, wie man das auserwählte Volk definiert. Moses definiert es über den "Bund", der einen Volks-spezifischen Gottesglauben mit dem Versprechen auf ein verheißenes Land verbindet. Paulus spricht von einem "neuen" Bund, der über den Glauben konstituiert wird ohne daß es einer bestimmten Volkszugehörigkeit bedürfte. Mohammed unterscheidet sich in dieser Hinsicht nur wenig von Paulus.

Für mich wirken alle drei Religionen nicht wirklich universalistisch, denn alle fallen letztlich auf Abgrenzung zurück. Alle drei betonen auf ihre Weise den Unterschied zwischen denen, die dazugehören, und denen die außen vor sind. Die Kriterien dafür unterscheiden sich in Grenzen, die Konsequenzen in der Praxis sind aber über die Geschichte hinweg ziemlich ähnlich, und das heißt ziemlich gewalttätig. Ob man Mensch ist oder nicht spielt in der Praxis erheblich weniger Rolle als ob man dazugehört oder nicht. Der, der nicht dazugehört wird handfester Diskriminierung ausgesetzt. Und wird dafür selber verantwortlich gemacht.

Selbst die christliche Reformation, die dieses Jahr ihr 500stes Jubiläum feiert, hat daran allenfalls indirekt etwas geändert. Auch Luther hat nichts prinzipiell anderes als Mohammed im Sinn gehabt, nämlich die Reinigung des Glaubens von Auswüchsen und Korruption, die er in der römisch-katholischen Kirche sah. Anders als Mohammed hat er das Individuum und seine ganz eigene Beziehung zu Gott in den Mittelpunkt gestellt. Damit hat er dem Individuum zu einer geistigen und geistlichen Freiheit verholfen, die ihm selber sehr schnell ungeheuer wurde. Seine Einstellung den Bauernaufständen gegenüber ist ja bekannt, und auch seine Einstellung den Juden gegenüber gereicht ihm aus heutiger Sicht nicht zur Zierde. Hätte er erlebt, wie in seiner Nachfolge das freie Denken den Unglauben, sprich Atheismus befördert hat, hätte er bestimmt noch viel mehr mit seinem Erbe gehadert. Seine Tragik ist, daß man nicht zugleich das freie Denken und die individuelle Verantwortung betonen kann, und andererseits dagegen sein kann wenn eben diese Freiheit dann Ergebnisse hervorruft, die weit über das hinaus gehen, was man gutheißen mag. Auf diese Weise kann man zugleich dankbar sein für seine Leistung, und froh, daß man ihm heute nicht mehr begegnen muß.

Luther hat so den Humanismus möglich gemacht, aber er hätte ihn in der Form wie er sich dann herausgebildet und entwickelt hat, keinesfalls gut geheißen. Und es ist der Humanismus, dem wir das verdanken was man heute die abendländischen Werte, bzw. die abendländische Kultur nennt. Das Christentum einschließlich seiner protestantischen Ausprägung war dabei teils Katalysator, teils Hemmung, aber unter dem Strich mehr Hemmung. Das gilt bis heute.

Ich weiß nicht ob es denkbar ist daß dem Islam etwas Ähnliches widerfährt. Die Situation ist anders, und ich weiß nicht welche Umstände zusammen kommen müssen, damit sich der Islam so weit reformiert daß er den Atheismus zulassen kann. Das kann ja das Christentum kaum. Dabei geht es um nichts weniger. Gerade wenn es darum gehen soll, daß mehrere Religionen friedlich zusammen leben sollen, auch mit Ungläubigen, dann müssen alle Religionen so weit kommen daß sie sich nicht wirklich ernst nehmen, und zugeben können daß andere Ansichten nicht nur existieren, sondern legitim sind und gleichberechtigt, und daß ziviles Recht über den religiösen Vorschriften steht. Ich sehe nicht wie das mit diesen drei Religionen gehen soll. Mit dem Islam am wenigsten, aber auch die anderen beiden Religionen sind noch nicht wirklich so weit.

Kommentare :

Said Belkacem hat gesagt…

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In jüngerer Zeit gibt es diese Form der Mission aber verstärkt von den Salafisten aus Saudi Arabien, von wo auch viel Geld in den Bau von Moscheen im Ausland fließt. Das betrifft gar nicht so sehr uns hier in Europa, obwohl auch hierhin Gelder fließen, sondern wesentlich mehr noch die Förderung von salafistischen Gemeinden in anderen muslimischen Ländern, z.B. im Maghreb.
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Algerien wird von den Saudis schon seit Anfang der Sechziger mit ihrem Gedankengut überflutet. Eine Erfolgsgeschichte.

pelmazo hat gesagt…

Ich hoffe die "Erfolgsgeschichte" war sarkastisch gemeint.

Algerien macht mir auch Sorgen. Islamistisch motivierte Gewalt hat schon vor Jahrzehnten zu viel Blutvergießen geführt, und der Konflikt ist seither nur mit militärischer Staatsgewalt unterdrückt worden, aber in keiner Weise gelöst. Es scheint als warteten alle auf das Ableben des bisherigen Präsidenten Bouteflika, und was dann passiert ist wohl kaum vorherzusehen. Er soll bettlägrig sein und zum Regieren kaum fähig, deshalb auch schon seit langem nicht mehr in der Öffentlichkeit sichtbar. Es ist die Frage wie lange eine Regierung im Siechtum eine islamistische Machtübernahme aufhalten kann.

Schade um dieses faszinierende Land, das auf diese Art um seine Zukunft betrogen wird.